Goldwäscher im Wilden Westen
Western-Romantik am Fuß der blauen Berge, greifbare Erinnerungen an Siedlergeschichte und Indianerkriege, verlassene Geisterstädte und gewaltige Bisonherden, unter deren Hufen weites Land erbebt für uns Europäer ist das der Glanzlack, der Texas so attraktiv macht. Der US-Bundesstaat im Südwesten verdankt seinen farbigen Anstrich allerdings zum allergrößten Teil seiner cleveren Touristikwerbung. Den Texanern kam dabei zugute, daß die US-Bundesstaaten, die diese Pioniererinnerungen entlang den Straßen tatsächlich anbieten kön nen, einen ausgiebigen Dornröschenschlaf hielten. Das soll sich in Zukunft ändern. Wyoming und Montana im Nordwesten machen jetzt deutlich, wo der Wilde Westen tatsächlich liegt. Im Wechselspiel der Jahreszeiten hinkt Montana hinterher. Das riesige Prärieland am Rande der Rocky Mountains mit einer Gesamteinwohnerzahl wie Frankfurt ist der letzte Winkel, in den der Frühling Einzug hält. Im Juni fiel noch einmal kräftig Schnee. Die Bewohner nehmen das mit Gleichmut hin. Wer das nicht mag sagen sie , braucht nicht zu kommen, in Florida sei das ganze Jahr über Sommer. Wer aber statt an weißen Sandstränden in der Sonne zu liegen lieber auf den Spuren General Custers wandert oder die einst so kriegerischen Schwarzfuß- und Sioux-Indianer bis in die Wigwams ihrer Reservate verfolgen möchte, der ist im nördlichen US-Staat richtig. Rauh geht’s zu, und teuer ist das Land obendrein. Dafür wird allerdings außer dem landschaftlichen Original-Bilderbuch zu Country- Songs und Karl-May-Literatur Medizin für das streßgeplagte Nervenkostüm geliefert. Wo das Grün der Prärie in das Blau des Himmels übergeht, wo Wasserfälle mit stets gleichbleibendem Tosen in unendlich tiefe Schluchten stürzen, entrücken Termine, Hetze, berufliche Entscheidungen um Schaltjahre. Die Einstimmung auf Land und Geschichte erfolgt am besten bei einem Whisky während des Flugs mit Western Airlines oder Frontier von New York nach Great Falls, Butte oder Helena. Da erfährt der Western-Neuling von wohlinformierten kontaktfreudigen Nachbarn oder durch Broschüren, die im Flugzeug verteilt werden, Montanas Entwicklung im Zeitraffer: 1843 kamen die ersten Franzosen, 1841 wurde die erste Siedlung gegründet, und 1862 bauten englische Auswanderer Virginia und Helena. 14 Jahre später besiegte General Custer die Indianer endgültig. Heute leben die Ureinwohner des Landes in sieben Reservaten. 1889 wurde Montana der 41. US-Staat. Autotouristen mit viel Zeit bekommen ihren Reiseplan von der New Montana Package Tour Guide ausgearbeitet. Wer über Wyoming und Colorado kommt, fährt Billings am Yellowstone River an. Zentraler Anlaufpunkt für Zug und Bus ist Helena. Obwohl Hauptstadt, könnte man den Ort getrost von der Reiseroute streichen, gäbe es da nicht das Montana Historical Museum. Neben den üblichen Schaukästen mit mehr oder weniger wertvollen Stücken aus Land und Geschichte sind dort die Werke von Charles M. Russel ausgestellt. Über den Kunstwert der Gemälde des vergötterten Russel, nach dem man in Montana eine ganze Provinz benannte, sollte man nicht nachdenken. Für viele Nordstaatler ist er der Größte, weil er fotografisch genau die Schlachten der Vorfahren mit Indianern festhielt, die Rodeo-Könige verewigte und Härte und Lebensglück der Pioniere und Goldsucher für alle Zeiten auf Leinwand bannte. In Montana ist der direkteste Weg, sich unbeliebt zu machen, etwas Kritisches über »Charly«, wie ihn jeder nennt, zu sagen. Nach einer halben Autostunde von Helena auf dem Highway 15 westwärts holt man die Zeit der ersten Siedler ein. Am Straßenrand liegt Frontier Town, eine Blockhaus-Siedlung, die die Geschichte des Westens auf einen Blick zeigt. John Quigley hieß der Mann, der die verlassene Stadt restaurierte und ausbaute. Stallungen, Geräteschuppen und Saloon sind im Bestzustand. Quigley baute eigenhändig eine kleine Kapelle dazu. Nach dem Lunch wie aus Siedlerzeiten, mit hausgebackenem Brot und Steaks aus einer gewaltigen Grillpfanne, alles auf großen ungehobelten Holztischen serviert und eingestimmt auf Trappers Alltag, erreicht man eines der letzten Gold- und Edelsteinwäscher-Camps: Castle’s Sapphire Mine. Die Familienmitglieder Wesley, Ruth und Deborah waschen immer noch Goldkörner und Saphire aus Geröllmassen. Zwei gravierende Unterschiede zu den goldenen Westernjahren sind allerdings unübersehbar. Erstens betreiben sie ihr Alltagsgeschäft heute mit Bulldozern, die störende Erdmassen abräumen, kräftigen Strahlgebläsen und automatischen Schüttel- und Waschstraßen, und zweitens machen die Castles mit Touristen ein erfolgreiches Zusatzgeschäft. Für 20 Dollar nämlich darf jeder aus erfolgversprechendem Gestein vier Schüttelrost-Ladungen durchsieben. Gefundene Saphire und gefilterten Goldstaub kann der Tourist als Souvenir mitnehmen. Wenn man will, ist das Einkommen der cleveren Geschäftsleute noch ein weiterer Unterschied zu den ärmlich lebenden Vorgängern. 60000 Dollar setzt die Familie jährlich mit Goldstaub um, und Rohedelsteine und Touristenspaß erhöhen das Jahreseinkommen auf 200000 Dollar. Südlich von Helena, Butte und Bozeman beginnt der National Forest, der in den Yellowstone Park, den wohl bekanntesten Nationalpark der Nordstaaten, übergeht. Yellowstone Park liegt zwar flächenmäßig zum größeren Teil in Wyoming, doch die Zufahrten und Eingänge sind in Montana. Die Fahrt von Corwin Springs am Silver Gate vorbei zum Besucherzentrum am See ist eine einzige Westernkulisse auf Breitwand: Indianerzelte, die großen und kleinen Wasserfälle, der Blick auf den Grand Canyon, Blockhütten an Bergseen. Ein Tip noch für Autotouristen: Wer Zeit hat, sollte unbedingt im benachbarten Utah Station machen. Die Kulisse des feuerroten Felsgesteins am Colorado River nahe Moab ist atemberaubend. Die Gesteinsfiguren wurden durch die Witterung in die Felsen gefressen. Vielleicht erkennen Sie die unverwechselbare Kulisse wieder—in zahllosen Westernfilmen war sie der farbenprächtige Hintergrund für pakkende Schlachten und versöhnliche Schlußszenen.
»Grand Central«, fragte der schnauzbärtige Rico im uralten, scheppernden Taxi mit der Nummer 2074, »where is that?« Viel mehr Eng- lisch spricht der vor wenigen Monaten aus Humacao (Puerto Rico) in die US-Metropole übersiedelte Cabby nicht. Cabbies, die Taxifahrer, sind die klassischen neuen Einwanderer in New York. Sie stammen aus 82 Ländern. Über die Hälfte von ihnen spricht zu Hause über- haupt kein Englisch, und viele von ihnen kennen die Stadt nicht. Hat man sich also am Straßenrand mit den Armen müde gerudert, bis der Zufall es will und eines der 11700 Yellow Cabs hält, entwächst aus dem gerade bewältigten Problem ein neues. Ein Leihwagen (35 bis 75 Dollar pro Tag) ist in der US-Metropole der absolute Wahnsinn. Wenn Sie wirklich dort ankommen, wo Sie hin wollten, finden Sie garantiert keinen Parkplatz. Ein typisches Schild an der 5th Avenue spricht Bände: »Denken Sie erst gar nicht daran, hier zu parken!«
Wer Verkehrsprobleme von vornherein ausschließen und darüber hinaus mehr sehen will als nur die zehn berühmten »Only to see in New York«-Attraktionen zum Abhaken, der sollte die gigantischste und vielfältigste aller aufregenden Städte, diesen verrückten Schmelztigel unterschiedlichster Völker und Kulturen, unbedingt zu Fuß erleben, in fünf oder sechs Tagen erwandern. Für längere Distanzen empfiehlt sich die Untergrundbahn. Wir ha- ben es so gemacht — und, das vorweg, es ging prächtig. Lediglich ganz spät in der Nacht ist es sinnvoll, sicherheitshalber auf die Subway zu verzichten. Wer im Rhythmus des »Big Apple« lebt und swingt, wer die Stadt aufnimmt, so wie sie ist, mit Schönheit und Schmutz, verschafft sich ein Erlebnis mit Langzeitwirkung. New York verändert sich fortwährend. Das war schon in den Anfän- gen so, als die Holländer 1624 das damalige New Amsterdam gründe- ten. Zwei Jahre später kaufte der Gouverneur Peter Minuit den India- nern die Insel Manhattan ab. Dieser Handel war zugleich das erste Ganovenstück dieser auch in puncto Kriminalität einmaligen Stadt. Als nämlich die Holländer den Kaufpreis von 60 Gulden in Eisen und Kurzwaren bezahlt hatten, stellte sich heraus, daß der Häuptling, der ihnen die Insel verschachert hatte, gar nicht der Besitzer war. Das New York der Touristen ist Manhattan. Alles, was die Faszina- tion des »Big Apple« ausmacht, findet der Besucher hier konzentriert. Und dieser Stadtteil scheint für Fußgänger geplant zu sein, so leicht und problemlos kann man sich orientieren. Der größte Teil der Insel gleicht einem geometrischen Netz von waagrechten und senkrechten Linien, die Südspitze mit dem Bankenviertel, SoHo, Chinatown und einem Teil von Greenwich Village einmal ausgenommen. Die fortlau- fend numerierten waagrechten Straßen kreuzen die Stadt in Ost-West- Richtung. Von Uptown bis Downtown kreuzen von Nord nach Süd die senkrechten Avenuen, mit der First Avenue an der Ostseite und der 12th Avenue westlich. Ein Plan wie ein Schachbrett. Das erste Ziel, das die Gegensätze der Stadt am besten deutlich macht, ist der Broad- way, Ausdruck der Schnellebigkeit und der ständigen Veränderung. Vor 50 Jahren war das Zentrum des Nachtlebens und der Unterhal- tung Madison Square. Heute ist die 26. Straße total ausgestorben. Zu Großelterns Zeiten war nicht der Broadway das Theaterzentrum und Sammelplatz der Boulevard-Bühnen, sondern die Bowery, die jetzt verfallenes Obdachlosenlager ist. Wir stehen am Times Square, der wildesten Ecke des Zentrums. Die langgezogene Straßenkreuzung Broadway /Seventh Avenue ist wie eine Sanduhr geformt. Bevor der Turmbau der New York Times ihm seinen Namen gab, hieß die Kreuzung Long Acre Square. Times Square ist eine ausgesprochene Nachtschönheit. Da stören das kra- keelende Spektakel, das Grelle und die Hast nicht. Am Morgen wir- ken die Reklamewände gräßlich verkommen. Wo 25 Jahre lang der Camel-Raucher seine Kringel über die Passanten paffte, reckt jetzt ein Go-Go-Girl den Po in die Luft. Zwischen roten Hydranten und verfal- lenen Hauswänden pulsiert das Leben, stoßen die Gegensätze brutal aneinander. Zwei als Indianer verkleidete Studenten, engagiert vom wildesten Nachtclub der Szene, Fresh, ziehen Neugierige mit einem, Feuertanz an. Sie wirbeln mit brennenden Fackeln umher und hechten wie Raubtiere im Zirkus durch Feuerreifen. Unmittelbar daneben fie- delt eine dunkelgekleidete Musikerin mit Werbeplakat auf dem Rücken für ein Musiktheater. Jede Woche werden winzige Showbühnen ‘ neu geboren und andere sterben. Direkt unter Busen, Strapsen und pornographischen Darstellungen
. tobt der freie Wettbewerb der Religionen. »Glauben Sie uns, Sie wer- den alle gerettet«, schreit ein Prediger, der auf einem umgestülpten grünen Plastikeimer steht. Moonies und Hare Krishna-Jünger liegen im Sing- und Rasselwettbewerb. Adrette, weiß und schwarz gekleidete Musiker der Heilsarmee wirken zwischen den Klapptischen der Kartenhaie und Falschspieler wie ein Chor verirrter Engel. In den Broadway-Theatern erwacht Leben erst am Abend. Nur eine Leuchtreklame wird auch tagsüber nicht ausgeschaltet: die Touristen- attraktion »Your Name In Lights On Broadway«. Hier kann man für 99,95 Dollar seinen Namen in Neonlettern erstrahlen und auf einem Werbeplakat festhalten lassen. Probleme mit Tickets gibt es kaum, wenn man nicht ünbedingt in Cats im Winter Garden gehen will. Wer sich kurzfristig entscheidet und flexibel genug ist, statt Big River auch Smile oder Oh! Cakutta anzusehen, der kann Tageskarten zum halben Preis für nahezu alle Broadway und Off-Broadway Shows in zwei Ticket-Häuschen am »Big White Way«, wie der Broadway wegen seiner glitzernden Neon- reklamen genannt wird, Ecke 47. Straße und im Gebäude 2 des World Trade Centre, aber auch im Visitors Bureau’s Information Centre bekommen. Der ganz heiße Tip ist Music & Dance Booth im Bryant Park, 6th Avenue. Da gibt es nachmittags fast regelmäßig zurückgege- bene Tickets für ausverkaufte Veranstaltungen desselben Abends. Wer eine Kreditkarte besitzt, braucht schließlich nur Chargit anzurufen (Telefon: 944-9300) und bekommt nach Überprüfung Karten an der Theaterkasse hinterlegt. Wir marschieren über den Broadway bis zur City Hall und wandern dann auf den hoch über den Autos hinwegführenden Fußgängerweg der Brooklyn Bridge. Ein Schritt — ein Blick — es ist nicht einfach, sich vom schönsten Ausblick über die glitzernde Silhouette Manhattans.
In zehn Nationalparks bewahrt Neuseeland seine natürliche Faszination vor den Umweltkonflikten der Gegenwart, für eine Zukunft auf unserer Erde, die an Naturschönheiten ärmer sein wird. Auf 2,1 Millionen Hektar eine überwältigende Komposition aus Landschaft und Leben. Pflanzen und Tiere, die mit Sicherheit schnell ausgerottet wären, würden sie nicht konsequent geschützt.Weitere drei Millionen Hektar sind als Forest-Parks ausgewiesen, ebenfalls Schutzgebiete für Flora und Fauna, gleichzeitig aber besonders der Freizeit und Erholung gewidmet. Der Wald wird hier auch für die Holzgewinnung genutzt — ein entscheidendes Merkmal im Unterschied zum Naturpark, dessen Ursprünglichkeit nicht verändert werden darf. Jeder der 10 Natur- und 18 Forest-Parks hat seine eigenen Besonderheiten. Wasserfälle und Seen, tiefe Schluchten, sanftes Hügelland, Naturphänomene wie die Glühwürmchen-Grotten. Von Erosion bizarr geformte Felsformationen. Hochgebirge mit Gletschern, Urstromtäler mit kilometerbreiten Flußläufen, Thermalquellen, Geysire, Schlammstrudel.
Die drei Naturparks der Nordinsel:
1. Egmont — mit dem gleichnamigen, kegelförmigen Vulkan.
2. Tongariro — mit den Vulkan-Drillingen Ruapehu, Ngaruhoe und Tongariro.
3. Urewera — mit den Siedlungen des Maori-Stammes der Tuhoe inmitten ausgedehnter Wälder.
Sieben weitere Naturparks auf der Südinsel:
4. Abel Tasman — Küstengebiet im Norden, Vogelparadies und exotische Pflanzen.
5. Nelson Lakes — waldreiches Gebiet an den idyllisch gelegenen Seen Rotoiti und Rotoroa.
6. Arthurs Pass — kontrastreicher Naturpark an der Wetterscheide zwischen Regenwald und trockenem Steppengebiet.
7. Westland — Hochgebirge und Küste in engster Nachbarschaft.
8. Mount Cook — höchstes Massiv der Südalpen mit gigantischen Gletschern.
9. Mount Aspiring — alpines Gebiet voller Abwechslung mit Seen und Flüssen.
10. Fjordland — der größte Naturpark Neuseelands mit Fjorden, Seen, Schluchten und zum Teil völlig unerforschten Gebieten.
Die abgegriffene, vergilbte Karte in der verrosteten Halterung vor dem Kapitänssitz sieht aus, als stamme sie aus der Zeit der großen Entdecker. Die Beförderungsvorschrift aus den zwanziger Jahren verlangt, daß dieses Altertümchen mit den Meeresstraßen stets greifbar ist, auch hier am äußersten Rand eines Erdteils. Tresore, dem Mann am Steuerrad, ist sie längst keine Hilfe mehr. Sechsmal am Tag lenkt er den alten Kahn immer auf gleichem Kurs: vom Townsville-Hafen ein Stück nördlich die grüne Küste hoch und dann nach einigen Meilen ohne wahrnehmbaren Hinweis zum offenen Meer. Nach einer knappen Stunde Fahrt taucht am Horizont eine winzige schwimmende Scheibe auf, die rasch größer wird und sich schließlich gestochen scharf vom Himmel abhebt, ähnlich wie bei den Scherenschnitten, die es für einen Dollar auf dem Flohmarkt in Brisbane gibt. »Magnetic Island« heißt das Inselchen, so benannt, weil auf der von Neuseeland kommenden Endeavour des Engländers Cook plötzlich der Kompaß versagte und er gewaltige Magnetfelder auf dem Land vor der Küste dafür verantwortlich machte. Heute ist die Insel ein beliebtes Ausflugsziel: zwei Ferienhotels, einsame Strände, Autoverleih, Orchideenfarm und eine Koala-Kolonie, wo die vom Aussterben bedrohten Schmusetierchen behutsam großgezogen und später auf Eukalyptusbäumen im weiten Land wieder ausgesetzt werden. Magnetic Island ist Zwischenstation auf dem Weg zum Großen Barrier-Riff, das sich mit der gigantischen Länge von 2000 Kilometern vor Australiens Ostküste erstreckt. Die zerklüftete Korallenfestung ist allerdings so weit vom Festland entfernt, daß man die aufregende Schönheit nur mit einem Schiff (am besten mit dem für Touristen umgebauten U-Boot), mit einem Wasser-Flugzeug oder Helikopter (rund 150 Mark kostet der Rundflug) erreichen kann. Zwar läßt der Name Great Barrier Reef auf einen einzigen massiven Wall, auf eine Mauer aus Korallenfels, schließen, doch die Wirklichkeit sieht völlig anders aus. Es ist ein Labyrinth aus vielen verschiedenen Riffen, Koralleninseln und Lagunen, hellgrün schimmernden flachen Passagen und dunkelblauen Meerestiefen. Ein Schiff durch dieses Korallenbollwerk zu navigieren, war nie ungefährlich. Nachdem James Cook hier seinen Schoner schwer beschädigte, wurde das Riff zum Friedhof für mehr als 500 Schiffe. So wählen die Kapitäne der Touristenboote aus Sicherheitsgründen immer die gleiche Streckenführung bei den Fahrten durch den Meeresgarten. Die sicheren Passagen sind Trinity Opening gegenüber Cairns’ und Flinders Passage bei Townsville, die Edward, Steuermann unserer auf Magnetic Island gecharterten Yacht, wählte. Es ist der direkte Weg vom Festland durch die Coral Sea, Richtung Turtle Island. Gegen elf Uhr vormittags erreichen wir das Davis-Riff, eins von 2500 Riffen in diesem Gebiet. Ein hellblaues Band signalisiert flaches Wasser über dem Riffabhang. Eine weiße Brandungslinie säumt den dunkelgrauen Rand. Daran grenzt das Hellgrau lebender Korallen, durchsetzt mit kräftigen Farbtupfern wie auf der Palette des Malers. Weit im Hintergrund hebt sich das dunkle Tintenblau des tiefen Pazifiks ab. Die Korallen beherrschen das Gebiet rechts von der Durchfahrt. Die kleinen Polypen finden ideale Lebensbedingungen: 30 Grad warmes Wasser und geringe Meerestiefe. Die einzelnen Lebewesen bilden eine äußere Schale aus Kalkstein in erstaunlicher Formenvielfalt. Verzweigte Geweihe, Spitzenfächer, Phantasiepilze. Die Korallenriffe wiederum sind die Voraussetzung für dieses überdimensionierte Aquarium, das Taucher aus aller Welt anzieht. Wo sonst können sie so riesige Schwärme rotweiß gestreifter Harlekin-Stoßzahnfische, blaufleckiger Zackenbarsche, schwarzgelber Halfterfische, großer Schnapper und Haie sehen? Im Laufe des Tages verändert die tropische Sonne die Farben des Meeres. Die klaren Türkis- und Blautöne werden in flüssiges Silber verwandelt. Auf der Rückfahrt zur Insel dösen alle Passagiere vor sich hin. Keiner ist mehr in der Lage, noch weitere Eindrücke aufzunehmen. Um diese Faszination der starken Farben erleben zu können, mußten Europäer seit jeher eine Menge Mühe und Aufwand an Zeit und Kosten in Kauf nehmen: Bis zu 40 Stunden dauert der Flug von Deutschland nach Australien, wenn mehrere Stopps die Route zerstückeln. 25 Stunden beträgt die kürzeste Anreisezeit. Wir erreichen Melbourne, den Ausgangspunkt unserer Rundreise, total zerschlagen. Die Geschäftsmetropole Victorias, die ständig im Kampf mit Sydney liegt, wer nun Australiens heimliche Hauptstadt ist, hat drei Millionen Einwohner, Sydney etwas mehr. Offiziell wurde Canberra, eine Stadt aus der Retorte, 1927 Bundeshauptstadt, damit der Einfluß der beiden Millionenzentren nicht auf die Regierung durchschlagen konnte. Melbourne, für sportbegeisterte Europäer immer noch die Stadt, die 1956 die Olympischen Sommerspiele ausrichtete, bietet wenig, um müde Krieger munter zu machen: das Modern Art Center mit Galerien und Experimentiertheater, der Königliche Botanische Garten mit Freiluftkonzerten, der Sherbrooke Forest, Ziel der Wochenendausflügler, die guten Sportanlagen natürlich, aber sonst? Die quadratisch angelegte Stadt spielt für Besucher wohl mehr die Rolle des Starthelfers zur Australien-Rundreise. Es regnete, als wir uns auf die vielgerühmte romantische Küstenstraße nach Westen begaben. Als Fahrzeug dienten uns Leihwagen (alle bekannten Marken sind erhältlich). Nach unseren Ansprüchen sind die Station Cars lebensgefährliche Klappermühlen. Das Schlimmste waren die indirekte, seifige Lenkung und die total ausgeschlagenen Achsenschenkel, die in Verbindung mit den losen Geröllrändern der Straße den Wagen wild tanzen ließen. Eine lebensgefährliche Polka über den Prince’s Highway (Nummer 1) in Richtung Geelong, der zweitgrößten Stadt Victorias. Die Landschaft und die eingebetteten Orte sind eine interessante Mischung. Satte grüne Weiden, sanfte Hügel wie in Mittelengland und kleine an den Highway gelehnte Nester mit einstöckigen Ziergiebelbauten, wilden Reklame- tafeln und knallbunten Tankstellen, frappierend ähnlich den Siedlungen amerikanischer Südstaaten. In Geelong, hinter dem unbefestigten Naturhafen, der weitläufigen Port Philip-Bucht, verlassen wir die Hauptverkehrsader und folgen der kurvigen Strecke entlang dem Indischen Ozean. In Lorne kehren wir im ältesten Gasthaus (ohne Namen) an der Küste ein: holzgetäfeltes Zimmer mit vergilbten Fotos an den Wänden. Es gibt nur ein Gericht: köstliche Muscheln in Weißwein. Bis zum Fischerdorf Apollo Bay beherrschen bizarre Strandfelsen, Ergebnis jahrtausendelanger Erosion, das Bild. Höhepunkt der Landschaftszene sind die Twelve Apostles, zwölf freistehende Felsspitzen im Meer, eines der begehrtesten Fotomotive des Kontinents. Als wir das altchristlich benannte Kliff-Klippenbild mit der tosenden Brandung vor der Steilküste bewundern, entwickelt sich auch das Wetter biblisch. Ungefähr so muß es geregnet haben, bevor Noah seine Arche zu Wasser ließ.Am späten Nachmittag erreichten wir Adelaide. Im Gegensatz zu Melbourne ist der Regierungssitz von Südaustralien geradezu eine Perle. Hier ist die Kombination geglückt, moderne Bauten und liebevoll gepflegte Fassaden aus der Kolonialzeit mit viktorianischem Charme behutsam zusammenzufügen. Weitläufige Parks mit schönen eleganten Brunnen und wuchtigen Denkmälern signalisieren Reichtum. Die Stadt sieht so aus, wie sich die Bürger fühlen: besser als die anderen. Die Väter waren eben ausschließlich Siedler, keine Strafgefangenen . wie in anderen Städten.
- Obwohl die Produktionsstätten der Automobilindustrie außerhalb der Stadt liegen, galt Adelaide lange als das Detroit Australiens. Spätestens seit 1960, als das nunmehr alle zwei Jahre stattfindende Kunst-Festival gegründet wurde, gilt es als Australiens kultureller Trendsetter. In Adelaide wurden Attraktionen wie Menuhin, Nurejew oder die Royal Shakespeare Company erstmals auf dem fünften Kontinent offeriert. Auf dem Festspielgelände realisierte der deut- sche Künstler Otto H. Hajek für rund 55 Millionen Mark eine »Vision von begehbaren Plastiken« von einer mit Farbwegen überzogenen Landschaft im großzügigen Maßstab. Da gibt es Teiche, Lichtspiele und Springbrunnen mit dem elf Meter hochragenden Stadtzeichen in Blau, Rot und Gelb. Der optisch schönste Platz ist allerdings immer noch der Victoria Square, umrahmt von der St. Francis Xaviers’s Cathedral, dem State t Administration’s Centre und dem aus Sandstein erbauten Treasury Building. Der nachts angestrahlte Springbrunnen in der Mitte des Platzes, Victoria Square Fountain, wurde von John Dowie entworfen, die drei gewaltigen Wasserfontänen stellen die Flüsse Torrens, Onkaparinga und Murray dar. Von diesem zentralen Punkt kann man zu Fuß das Einkaufszentrum, die großzügigen Sportanlagen und alle Sehenswürdigkeiten erreichen. In dem Spezialitätenrestaurant The Grange im Hilton fanden wir eine der besten Küchen Australiens. Das ist überhaupt eine grundsätzliche Erfahrung auf diesem Kontinent. Anders als in Europa, wo das kulinarische Erlebnis in Feinschmecker-Tempeln oder in kreativen Küchen kleiner Bistros gepflegt wird, zünden hier Hotelküchen die wenigen Glanzlichter. An der Spitze die Hiltons in Adelaide und Sydney. Der Wein hat nach Adelaide den kürzesten Weg. Er kommt aus dem Barossa Valley. Hier lebten der Rheingau und Oberbayern, werden deutsches Winzerleben und Gasthausgemütlichkeit gepflegt.
Die Sonne zaubert ein flimmerndes Glitzerdreieck in Weiß und Silber auf die winzigen Wellen der Doubtless Bay im hohen Norden Neuseelands. Geographisch präzise an der oberen Westküste der Nordinsel, zirka 200 Kilometer von Auckland entfernt. Nicht weit davon steht verloren ein verwitterter Wegweiser vor dem Leuchtturm am Cape Reinga. Es ist ein heiliger Platz, der täglich von Hunderten von Touristen »entweiht« wird. Von hier aus sollen, nach der Mythologie der Ureinwohner, der Maoris, die Seelen der Verstorbenen die weite Reise ins ewige Glück antreten. Die warme Luft duftet nach süßem Holz, und nur die winzigen schwarzen Raubtiere, die »Sandflys« — Mücken, die nicht stechen, sondern der menschlichen Haut mit einer winzigen Säge zu Leibe rükken —, sind lästig und erinnern schmerzhaft daran, daß wir uns noch in irdischen Gefilden befinden. Hier im tropischen Teil Neuseelands träumen wir in der Sonne und lassen die Stationen der Reise ans Ende der Welt vorüberziehen. Es sind eindrucksvolle Bilder und persönliche Erlebnisse aus dem Land, das von Deutschland am entferntesten liegt, ein paar Schnappschüsse aus dem Zwei-Inselstaat am Rande der Südsee, Szenen, Notizen aus dem Reisetagebuch: Da war das durch und durch britische Auckland, wo wir, nach neunstündigem Flug aus Singapur kommend, landeten. Vor dem Aufbruch in die größte Stadt des Staates mußten wir die übelriechende, aber unabänderliche Zeremonie erdulden: Uniformierte versprühten Desinfektionsmittel, um Ungeziefer zu töten. Erst danach durften wir Stadt und Land betreten. Die Hauptstraßen der Nord-Süd-Linie sind ausgezeichnet, das gilt übrigens für die subtropische Nordinsel ebenso wie für die gemäßigte Südinsel mit ihren skandinavisch anmutenden Fjorden. Eine gute Viertelstunde Fahrt vom Flughafen und man ist am Rande des Zentrums am oberen Ende der Queen Street, die schnurstracks zum Wasser hinunterführt. Die grüne, blumengeschmückte City erstreckt sich auf etwa 500 Quadratkilometern zwischen dem Tasman-See und dem Pazifik Hibiskus und Hortensien wachsen üppig und farbenfroh. Die tropische Blütenpracht ergänzt sorgfältig angelegte englische Parklandschaften mit satten grünen Rasenflächen. In den Vorstädten setzen die pastellfarbenen Holzhäuser zarte Farbtupfer in die Landschaft. Allerdings ist die Beschreibung Rudyard Kiplings, der 1891 die Stadt besuchte, nicht mehr treffend: Er nannte sie überschwenglich die »letzte einsamste, lieblichste, entlegenste« Stadt. Auch in der Jet-Zeit liegt Auckland nicht um die Ecke, sondern am, so steht es in den Prospekten, »schönsten Ende der Welt«. Doch von Einsamkeit ist auf der Queen Street mit ihren Großkaufhäusern und Boutiquen nichts mehr zu spüren. Vorbei an der Universität, dem Rugbyplatz und dem War-Memorial-Museum wanderten wir auf unmittelbar angrenzenden Waldwegen unter hohen Kauri-, Rimu- und Totara-Bäumen und erlebten in der Parnell Road den Hauch der Kolonialzeit. Das imponierend ausgestattete Kriegsgedenk-Museum besitzt die größte pazifische Sammlung von polynesischen und melanesischen Segelfahrzeugen und Ruderbooten. Die Kanus sind reich mit Schnitzereien verziert. Dämonenmasken und das in der Maori-Kunst beherrschende Spiralmotiv wurden in allen Farben verwandt. Stunden später erlebten wir diese Maori-Pracht noch ausgeprägter, in Rotorua am See nämlich, einer der größten Attraktionen des Landes. Rotorua ist gleichzeitig Zentrum der faszinierenden Maori-Kultur mit Bugschnitzereien und Steinbildern und die vulkanische Sensation der Insel. Die Erdkruste ist an manchen Stellen so dünn, daß heiße Quellen und mineralischer Dampf mit Urgewalt an den Tag drängen. Vier Thermalgebiete rund um den Ort öffnen den Blick in die »Unterwelt« mit unzähligen Minikratern, sattschmatzenden Schlammfontänen und regelmäßig ausbrechenden Geysiren. Folgt man einer Legende der Maori, dann hat das menschliche Leben auf Neuseeland mit der Landung von sieben Kanus angefangen. Sie waren nach heutiger Zeitrechnung etwa um 1350 von einer Südseeinsel mit Namen Hawaiki aufgebrochen, um nach langer Fahrt »Tiritiri o Te Moana« zu entdecken: das »Geschenk des Meeres«. Die sieben Kanus landeten an verschiedenen Stellen Neuseelands, und jedes von ihnen war das Fundament für die Ansiedlung eines Stammes. Schon einige Jahrhunderte zuvor hatten hier andere Polynesier, wahrscheinlich umherstreifende Jäger, Sammler oder Abenteurer ihre Spuren hinterlassen, bis zum Jahre Null aber dürfte wohl kaum ein Mensch die einsamen Inseln betreten haben. »Jeff«, stellte sich mein Jeep-Fahrer und Scout für die Drei-TageTour über die Nordinsel vor. Sein Alter war schwer zu schätzen. Leuchtende, jugendliche Augen in einem zerfurchten Gesicht. »Menschenlandschaft«, dieser Begriff fällt mir ein. Er paßt exakt zu Jeffs Aussehen. Jeff vermittelt mit Optik, Art und Gestik das Bild: Bei mir bekommst du exakt, was du hier siehst, ohne Korrekturen und modische Retouschen. Mit diesem grundehrlichen Naturburschen fuhr ich in Richtung Süden zum Mount Egmont, dem Regenmacher der Insel. Als es prompt vom Himmel schüttete, kommentierte Jeff knochentrocken: »Ist der Mount Egmont klar, dann wird’s gleich regnen. Und ist er nicht zu sehen, dann regnet’s bereits.« Anders herum ausgedrückt: Wird in der Gegend um Neuseeland irgendwo eine Wolke geboren, dann fliegt sie zuallererst zum Mount Egmont. Neuseeland, das ist Natur pur. Immer wieder verwitterte Vulkanfelsen, Seen, Naturpools mitten im Busch. Das Vergnügen ist ungetrübt wie das Wasser. Es gibt weder Schlangen noch Skorpione. Die Fauna beschränkt sich auf eine reiche Vogelwelt und auf Tiere, die in früheren Zeiten »importiert« worden sind: Rehe und Hirsche, Wildschweine, Kaninchen und Opossums. Und nur hier gibt’s den Kiwi, einen Vogel, der nicht fliegen kann. Wie gesagt: Alles, wirklich alles, ist anders als in unseren Breiten. Die Sternbilder stehen Kopf, der Mond liegt auf dem Rücken und die Sonne leuchtet von Norden. Skifahren im Juli, Sonnenbaden in den Weihnachtsferien, Herbsturlaub zu Ostern, verkehrte Welt auf der anderen Seite des Erdballs. Nur hier haben die Alpen (sie heißen tatsächlich so) Sandstrände. Und wo sonst kann man Pinguine und Albatrosse beobachten und gleichzeitig wilde Papageien füttern und Robben streicheln? Nirgendwo auf der Welt gibt es einen längeren Ortsnamen als hier — 79 Buchstaben —, der nach Auskunft wohlmeinender Übersetzer etwa so heißt: »Das Dorf am Abhang des Berges, wo Tamatea, der um das ganze Land segelte, auf seiner Nasenflöte für seine Geliebte spielte« … Den südlichsten Zipfel der Nordinsel erreichen wir am Nachmittag des zweiten Tages, und damit Wellington. Die Hauptstadt ist genau im Zentrum des Staates placiert und liegt am malerischen Lambton Harbour, von sanften grünen Hügeln eingerahmt. Den schönsten Überblick hat man vom Mount Victoria, zu dessen Spitze man per Cable Car gelangt. Wellington wurde 1840 anstelle der älteren Siedlung Britannia gegründet. Sehenswert sind vor allem die Regierungsgebäude, die mit ihren Räumen zu den drei größten Holzhäusern der Erde zählen, die neugotische Kathedrale Old St. Paul’s Church und das Nationalmuseum mit seiner einmaligen Maori-Kunstsammlung und portugiesischen Fundstücken von der bei Raglan zerschellten Mendoffl Caravelle. Am Abend pfeifft ein garstiger Wind durch die Straßen. Wegen dieser scharfen Stürme vom nahen Ozean wird Wellington von den Einheimischen auch »Windy City« genannt. Mit der modernen Fähre setzen wir nach Picton auf die Südinsel über. Auf South Island scheint die Natur mit einsamen Küsten, dunklen Regenwäldern, Gletschern und skurrilen Typen noch grandioser, falls das überhaupt möglich ist. In der Provinz Marlborough ist das Klima dem von Bordeaux vergleichbar. Hier wachsen Neuseelands Weine. Wir besuchen John Buch in Havelock, der Cabernet, Chadonnay und Sauvignon Blanc anbaut. In den alten Bäumen vor dem Gutshaus rascheln die Blätter. Die Fassade ist in einem zarten Babyblau gestrichen. Bis zu den nächsten Nachbarn sind es nahezu 15 Kilometer. Ruhe und Abgeschiedenheit prägen die Südinsel. Einsamkeit wie vor hundert Jahren. Riesenfarne aus Urzeiten und Regenwald wuchern rechts und links der Fahrbahn. Wilde Bäche perlen über Erosionsgestein, Wasserfälle leuchten wie Silberfäden auf dunkelgrünem Untergrund. Es riecht nach Freiheit und Abenteuer. High Noon in Neuseeland. Am Wochenende hat die Insel geschlossen. Da betreibt das Freizeitvolk regelmäßig Sport. Rugby steht an erster Stelle. Man schaut zu oder spielt selbst mit Freunden auf der Wiese. Dann folgt Segeln und natürlich Angeln. Niemand wohnt weiter als rund 100 Kilometer vom Wasser entfernt. Populär sind Pferderennen, Golf und Bergsteigen. Für Gäste, die nicht mit dem Wohnmobil, Camper oder Zelt über die Insel ziehen wollen, bietet das Fernziel in der Südsee inzwischen den gewohnten Standard für Verwöhnte: komfortable Hotels, großzügige Zimmer in Farmhäusern, feine exklusive Lodges, aber auch Motels für preisbewußte Selbstversorger und ein 5-Dollar-Bett auf der Schafs-Ranch für den Wanderer, der tagelang durch unberührte Natur marschiert und höchstens durch einen gottverlassenen Postkasten an andere Menschen erinnert wird.
Das Honolulu-Mädchen mit farbfilmgerechter Blumenkrone auf nachtschwarzem Haar küßt in demselben Eiltempo, wie der tätowierte Jüngling die Saite seiner Gitarre schlägt. »Welcome to paradise!« Die Schlange der Neuankömmlinge, die der United-Jumbo gerade ausgespuckt hat, ist lang, und die Zeit drängt. Zum flüchtigen Fließbandküßchen muß das Südseekind auch noch jedem Neuankömmling den Lei, diesen sagenumwobenen Blütenkranz und Wahrzeichen Hawaiis, über die Schultern legen. Gepäckträger mit grasgrünen Baströckchen über Jeans kümmern sich derweil um die Koffer und den reibungslosen Transport in eines der Waikiki-Hotels und Strand-Resorts. Nichts geht schief, weil nichts dem Zufall überlassen bleibt. Alles ist bis ins Detail geplant und durchkalkuliert. Selbst Kuß und Lei sind in der internen Pauschalrechnung der Veranstalter pro Person mit zehn Dollar angesetzt, halber Preis bei Plastikblüten für Billigtouristen. Der Drei-Zentner-Chauffeur, bei dem der Blütenkranz wie eine zu kurze Halskette wirkt, wartet mit einem chromglitzernden schwarzen Straßenkreuzer. Er ist am Flughafen Honolulu bezahlt worden, um uns auf dem schnellsten Weg ins Hotel zu bringen. Diensteifrig winkt er der Reiseleiterin zu, fährt gemächlich um den Block und kommt direkt zum Ausgangspunkt am Flughafen zurück. Mit sicherem Blick macht er weitere vier Paare aus, die auf eigene Faust gekommen sind und kein Taxi gefunden haben. Entschuldigend rollt er mit den Augen, faßt sich verlegen ans Ohr und angelt dann strahlend ein Röllchen Dollarscheine aus der Tasche »extra money, you know«. Alles klar, 50 Dollar zusätzlich, ohne Mehrarbeit. Geldverdienen ist Hobby Nummer eins auf Oahu. Der millionenfach fotografierte Südseetraum, wenn am hawaiianischen Horizont der feuerrote Planet in Pastelltönen verglüht und in das Aquamarin und Smaragd der Küstengewässer eintaucht, wiederholt sich allabendlich mit einem Übermaß an Kodak-Rosa und Pink. Dennoch einer der wenigen Programmpunkte, die völlig unbeeinflußt von der perfekten Touristikorganisation sind. Ansonsten bleibt wenig den normalen Abläufen der Natur überlassen. Unzulänglichkeiten, Schwachstellen im Bild der Inseln wurden gründlich ausgemerzt. Was am Südseeklischee noch fehlte, entstand durch Menschenhand. Schwarze Lavabuchten funkeln nach dem Einsatz von Arbeitskolonnen und Hunderten von Lastwagen voll weißem Sand, wie es Südseestrände nun einmal in der Phantasie tun: weiß und rein. Palmengärten wurden angelegt, wilde Wasserfälle mit angepflanzten Orchideen noch fotogener gemacht. Die Natur des Südpazifiks oder der Fidschis zu kopieren, begann man schon bei der Besiedlung des Archipels. Die meisten Blumen und Pflanzen, die heute als typisch für Hawaii gelten, sind kein Bestandteil der ursprünglichen Inselflora, sondern wurden von den ersten Auswanderern aus Tahiti, von asiatischen und europäischen Immigranten eingeführt. Chinesische Arbeiter brachten den Jasmin und die Gardenie mit, Seeleute die Ananas, Orchideen und exotische Farne aus Westindien und Afrika. Ein Höhepunkt hawaiianischer Neuschöpfung ist das Polynesian Cultural Center an der Nordküste Oahus, eine Autostunde von Honolulu entfernt. Auf der Fläche einer Kleinstadt verkleinerten die Mormonen in jahrzehntelanger Arbeit den riesigen polynesischen Raum wie auf einem Mikrochip: Landschaften, Flora, Tierwelt, Siedlungen und Kulturen. Wir zahlen 16 Dollar Eintritt und machen uns auf den Weg. Einundzwanzig sanfte Ruderschläge liegen zwischen der Tahiti- Insel Bora Bora im Süden und Hawaii. Das blumengeschmückte Doppelkanu mit 20 Touristen, Soft-Eis und Ananasstrips lutschend, wird vom Collegeboy Mato bei Hula-Klängen durch die Hollywood-Farben gesteuert. Türkisgrünes Wasser, bernsteinfarbene Kunststrände, eine exotisch bewachsene Bucht, und wie bestellt für Film und Video spannt sich über allem ein azurblauer Himmel. An der Anlegestelle wiegt sich eine Riege Studentinnen in Baströckchen und Blüten im Haar zu Südseeklängen. Sie inszenieren ihre folkloristisch aufgeputzte Geschichte, und beim Tanz flüstern sie den fotografierenden Touristen noch Blende und Belichtungszeit zu. Ein paar Meilen nördlich von Honolulus Minivulkan Diamond Head hat sich der Trubel gelegt. In einer stillen Bucht hinter Farnen, Palmen und Orchideen versteckt sich das prächtige Kahala Hilton. In einem silbernen See tummeln sich Delphine und angeln für Erinnerungsfotos die Badehandtücher der Gäste. Auf künstlichen Eisfelsen spazieren Pinguine, und von der Steilwand prasselt ein Wasserfall in die Tiefe. Zur Rückseite ist das Gebäude von einem gepflegten Golfplatz begrenzt. Am kilometerlangen Sandstrand ist man fast allein. Hier ist rein gar nichts mehr von der beängstigenden Enge von Waikiki zu spüren. Von diesem südlichen Zipfel Oahus starten wir über den Highway 72 (und später 83) nach Norden. Die Fahrt macht deutlich, daß sanfte Strände abseits der Urlauberburgen die Ausnahme und schroffe Klippenküsten die Regel sind. Natürliche Häfen gibt es so gut wie keine. So manches Schiff zerschellte am schroffen Fels, weil die Seeleute der magischen Anziehungskraft eleganter Palmen erlagen und von tückischen Strömungen erfaßt wurden. Im Norden zwischen Kawela und dem Waimea Beach ist das Reich der Surfer, der Artisten des Sports, die selbst haushohe Brecher mit ihrem Brett locker meistern. Wir bestaunen ihre bis zu 200 Meter langen Ritte auf gischtgekrönten Wellenbergen und wie sie sich dem Rhythmus des Wassers anpassen. Akrobatisch schwingen sie auf, rasen mit der Düne heran. Dann wenden sie plötzlich mit einem Kniefall und schießen aufs offene Meer hinaus. Am Abend bei der Strandparty geht es hier ebenso wild und ausgelassen zu wie in den Restaurants von Waikiki. Eine Frage, die sich aufdrängt: Gibt es auf Hawaii tatsächlich überall nur Touristenprogramme amerikanischen Zuschnitts, die sich vom rheinischen Karneval nur durch ein vielkehliges Aloha statt Alaaf unterscheiden? Und Feiern mit Bier, das am Tag der Kelemania (der Deutschen) in Bayrischblau und am St. Patricks-Tag ins Grün der Iren eingefärbt wird? Der Schein trügt, so ist es sicher nicht. Hawaii bietet ein perfektes Angebot für jeden Geschmack, Stimmung und Unterhaltung rund um die Uhr, wer mag, aber ebenso Inseleinsamkeit pur. Auch die vielfach vorhandene Darstellung der Rekordpreise und Kosten ist falsch. Natürlich gibt es Hotelzimmer für 400 Dollar die Nacht, aber ebenso für 40, und Abendunterhaltung mit Menü wird für 75 Dollar pro Person angeboten, aber auch für 7,50.
Gut 50 Minuten quält sich die mit Hibiskusblüten bemalte Propellermaschine der Air Polynesia von Tahiti nach Bora Bora. Beim Anflug wird hinter dem Schaumstreifen des Korallenriffs ein Strandring aus Weißgold im türkisfarbenen Wasser sichtbar, und mittendrin ragt ein Zentralvulkan mit dramatischen Zacken in den Himmel. Dieser Anblick gehört zu den betörendsten Naturbildern, die der Pazifik bietet, die Erfüllung aller Südseeklischees und -träume. Die beiden schwarzen Basalttürme, die aus dem bergigen Farnwald ihre mächtigen Schultern emporstemmen, sind im oberen Bereich abgeplattet. Das hat der Insel den Namen gegeben. »Bora Bora« bedeutet flaches Dach. Wir landen auf einer leuchtenden Korallenkalk-Rollbahn, die auf das Riff gebaut wurde. Unter Kokospalmen am Rande des Flugfeldes warten die Zubringerboote im Lagunenbecken. Von hier werden die Besucher in 30minütiger Fahrt auf die Hauptinsel gebracht. Wer kritisch hinsieht, wird an dieser Stelle erst einmal aus seinen Träumen gerissen. Es modert und fault in der schönsten Lagune der Welt, im türkisschimmernden Wasser von Bora Bora. Unrat treibt herum, und keiner ist da, der sich verpflichtet fühlt, ihn zu beseitigen. Umweltschutz ist ein Fremdwort in den Inselreichen des südlichen Pazifik, die keine Erfahrung mit Zivilisationsschäden haben. Das machen ebenso zwei häßlich verrostete Schiffswracks deutlich, die, auf den Grund gesetzt, die Nachbarbucht blockieren und Fotografen die Motive verderben. Der »König von Bora Bora«, wie sich ein wohlhabender Großgrundbesitzer selber nennt, hat sie dort versenkt. Der Hintergrund ist eine dieser eigenwilligen polynesischen Geschichten, die man in unseren Breitengraden nur schwer versteht: Als der ehemalige Fischer und Monarch von eigenen Gnaden durch geschickte Bodenspekulationen zu Wohlstand gekommen war, äußerte seine alte Mutter den Herzenswunsch, einmal ein eigenes großes Schiff zu besitzen. Sie starb am Tag des Kaufabschlusses für einen Schoner. Der Sohn ließ den Sarg an Bord des Schiffes bringen und als Mausoleum auf Grund setzen. Der Zweimaster kippte dabei so unglücklich ab, daß der Bug steil aus dem Wasser ragte. Da kaufte der »König« flugs ein zweites Schiff und ordnete einen weiteren Versuch an. Diesmal gelang es, die letzte Ruhestätte fest zu verankern. Weder die Franzosen als Kolonialmacht noch die örtliche Verwaltung widersprachen der blödsinnigen Idee.
Doch zum Glück sind das die einzigen häßlichen Punkte im Bild der sonst einzigartigen Schönheit. Ungetrübt ist die Natur in leuchtenden Farben in der Umgebung des Hotels, das den Namen der Insel trägt, und auf dem angrenzenden Zwei-Meilen-Streifen zur zweiten Nobelherberge, dem Marara, weiter nördlich, das Dino de Laurentiis vor den Dreharbeiten zu Hurrican und Sharkboy bauen ließ. Das Hotel Bora Bora ist eines der drei teuersten Feriendomizile der Welt, sicher aber auch das perfekteste und von der Lage her unübertroffenste Haus im Pazifik. Wo sonst Abstriche an Sauberkeit, Komfort und Einrichtung in tropischen Gegenden gemacht werden müssen, ist hier alles vom Feinsten. Einrichtung im Kajütenstil, Originalgemälde an den Wänden, und zweimal am Tag werden die Räume mit frischen Blüten dekoriert. Die Overwater-Bungalows sind die schönsten, die Gartenhäuser kosten dafür nur ein Drittel. Von der Holzterrasse der Pfahlbauten im Wasser hat man den besten Blick auf die Lagune, die ständig ihre durchscheinenden Farbtöne wechselt: von Opal und Perlmutt bis Silber mit einem winzigen Schuß Türkis. Mantas, Meerestiere mit mächtigen Schwingen, und fliegende Fische ziehen vorbei. In der Ferne gleitet ein Boot mit weißen Segeln über die Naturbühne. Morgens in aller Frühe, wenn die Sonne noch ohne Kraft ist, scheint die Lagune bleigrau, im Tagesverlauf wechselt der Ton zu Oliv und wird immer heller, bis schließlich kräftiges Weiß ins lichte Grün gemischt ist. Am Abend spiegelt sich der Sonnenuntergang in der Lagune. Blaue und leuchtend orangefarbene Streifen markieren die Vereinigung von Himmel und Meer. Darüber treiben Wolkenfetzen wie eingefärbte, zerpflückte Watte. Die dunklen Wedel einer schräg ins Meer hinausragenden Palme wirken wie ein Scherenschnitt. Postkartenkitsch? — Südseerealität. Ebenso aufregend sind die Korallengärten vor dem Hotel. Man braucht weder zu tauchen noch zu schnorcheln, um diese Welt kennenzulernen. Ein Glasbodenboot genügt. Für Fotofans steigt ein Taucher ins Wasser und füttert unter der Glasscheibe die farbenprächtigen Pagageienfische. Im Hotel Bora Bora haben Naturschauspiele einen hohen Preis. Doch es sind nicht nur die Reichen und Bedeutenden, die sich für die Insel mit dem klangvollen Namen entscheiden, auch junge Leute und Rucksack-Touristen finden dort ihre Bleibe. Das zwar laute und schmuddelig anmutende Ibis-Hotel mit winzigen Reihenhäuschen liegt an demselben schönen Strand. Für den Preis einer einzigen Nacht im Hotel Bora Bora kann man aber hier eine ganze Woche mit allen Mahlzeiten leben. Erschwinglich ist auch das kleine Pfahlbau-Dorf des Club M6diterranee. Davon, daß Bora Bora angeblich von Touristen überlaufen ist, merkt man nicht viel. Wir umrundeten die Insel mit dem Fahrrad, und Fremde fielen eigentlich nur in Vaitape auf. Auf dem zentralen Platz, der von der Schule, der Post, der Kirche und einigen Geschäften eingerahmt wird, geht es gelegentlich lebhaft zu, ansonsten hat sich die Laguneninsel mit der farbintensiven Vegetation ihre Südsee-Abgeschiedenheit bewahrt. Das gilt in noch stärkerem Maße für Rangiroa. Dieses völlig flache Atoll mit zwei Bungalow-Hotels und ein paar Privatpensionen schläft so still und friedlich im Pazifik, daß hier nur Gäste glücklich werden, die nie den Kampf gegen die Langeweile verlieren. So war mein größtes Erlebnis die Jagd eines Geckos über Vorhänge und Bettdecken nach Insekten. Diese wieselflinke Eidechse war neben der Räucherspirale und Bonomol-Öl auf der Haut das dritte Kampfmittel gegen Mücken und Moskitos. Am Nachmittag ziehen schwarze Wolken auf. Es beginnt zu regnen. Erst tröpfelt es leise, dann bewegen sich Regensträhnen wie silberne Vorhänge im Wind. Alle Konturen verlieren sich im Grau. Der Wind zieht eine runzelige Elefantenhaut über das Bootsdeck vor meinem Fenster. Es gibt wohl kaum etwas Trostloseres als die Südsee bei Regen. Da erklingt selbst die fröhliche Hula-Musik aus den Zimmerlaut- sprechern in Moll. Zwischen November und April ist das Wetter in Polynesien reine Glücksache. Seit Generationen pflegen Weltenbummler mit Wonne die immer noch offene Streitfrage zu diskutieren, welche der polynesischen Inseln die allerschönste ist: Bora Bora, Tahiti, das Atoll Manihi oder das wilde Moorea.
Auf der Weltkarte ist das Blau des südlichen Pazifiks mit Inselgruppen gesprenkelt. Französisch-Polynesien, nördlich davon die Christmas- Inseln , und die Inselgruppe, die den Namen des Weltumseglers trägt, obwohl er die Hauptinsel nie erreichte, das Cook-Archipel nämlich, bilden ein gleichschenkliges Dreieck. Der südlichste Punkt der französischen Kolonie, Rurutu und Mangaia Island, die östlichste der Cooks, wirken auf dem Globus wie zwei Stecknadelköpfe in unmittelbarer Nachbarschaft. Tatsächlich liegt in der unendlichen Weite des Pazifiks die Strecke Kopenhagen bis München dazwischen. Eine Entfernung, die selbst für die schnelle Maliga, eine Motoryacht mit drei luxuriös eingerichteten Gästekabinen, nicht an einem Tag zu bewältigen ist. Nach 30 Stunden erkennt Philippe, der französische Kapitän, das nahe Ziel, noch ehe es am Horizont auszumachen ist, an einer über der Insel schwebenden Schönwetterwolke. Dann sehen wir einen weißen Streifen, der immer größer wird, mit zerlaufenden grünen Bahnen im Blau des Meeres: Korallenriffe dicht unter der Oberfläche. Wohl ist’s dem Seemann in diesem Bereich offensichtlich nicht. Immer wieder kontrolliert er sorgfältig die Karte und sucht nach Untiefen, Korallengärten und Atollen, scharfkantigen Gefahren für jeden Schiffsrumpf. Behutsam nähert er sich Rarotonga, der kreisrunden Hauptinsel mit Riff und Lagune rundum. Es gibt nur eine einzige Durchfahrt vor Avarua, der größten Stadt. Der Kanal ist keine 200 Meter breit. Am Rande ragen mehrere verrostete Schiffswracks wie eine Warnung für Seefahrer aus den Fluten. Aus der Vogelperspektive betrachtet, erkennt man sechs flache Atolle, die Northern Group der Cooks, an die Schiffe bis auf zehn nautische Meilen heransegeln müssen, um sie überhaupt zu sehen. Bleiben neun Inseln für die südliche Cook-Hemisphäre: Palmerston und Aitutaki, Manuae und das unbewohnte Tukutea, Atiu, Mitiaro und Mauke, Mangaia und »Rago, the big city«, wie die Hauptinsel mit gebührendem Respekt genannt wird. Mit ihren hohen Vulkanbergen gleicht sie einer unbezwingbaren Wasserburg. Ein Schutzwall aus Korallen gürtet die türkisfarbene Lagune mit dem weißen Schaum der Brecher. Feuchtigkeit und Wärme zaubern aus dem felsigen Urgrund einen fruchtbaren Garten Eden, der sich geographisch ziemlich genau zwischen Tahiti und Samoa einfügt, per Schiff zehn Tagesreisen von Australien entfernt ist, und doppelt so viele von Amerika. Hier beginnt der Lauf des Tages zu allerletzt und endet endgültig im tiefblauen Wasser des Südpazifik, ehe er die Datumslinie kreuzt und aufersteht. Anders als in den meisten Ländern der Welt, wo sich das Leben immer mehr beschleunigt, haben Lage und Klima der Insel eine Lebensart hervorgebracht, die ganz allgemein »Cook Islands-Time« heißt. Die Uhren auf den Cooks gehen viel langsamer als in Europa oder Amerika. Rarotonga, von Flüssen durchzogen und mit dem 700 Meter hohen Vulkan Ta Manga in der Mitte, verkörpert optisch den perfekten Südseetraum. Allerdings gibt es nur ein einziges internationales Hotel: das Rarotongan, mit zweigeschossigen Bungalows, Reitstall, Tennisanlage und Golfplatz, direkt am weißen Sandstrand südlich von Aroa gelegen (Airtours bietet eine Woche ab Papeete für 2365 Mark). Ich wohne in einer kleinen, von Maori geleiteten Pension in Avarua im Norden der Kreisinsel (zehn Kilometer Durchmesser), ganz in der Nähe der Missionsstation. Ein Grab im Zentrum der Gartenanlage ist mit Blumen und Pflanzen überwuchert und so eher Ausdruck tropischen Lebens als ernste Gedenkstätte. Kolibris schwirren von Blüte zu Blüte, und handtellergroße bunte Falter schaukeln über Farne und Sträucher. Eine Steinbüste erinnert in eigenwilliger Form an den Toten. Auf der gemeißelten Nase sitzt das echte Brillengestell des 1981 Verstorbenen. Ken, ein schnauzbärtiger New Yorker, der ebenfalls an Bord der Maliga war, lacht sich halb tot darüber. Doch Einheimische finden das Denkmal mit Brille überhaupt nicht komisch. Ungewöhnlich wie der über den Tod hinaus Geehrte war auch dessen Leben. Albert Henry, auf den Cooks nur »Poppa« genannt, wurde in den 60er Jahren nach den erfolgreichen Unabhängigkeitsdebatten Regierungschef. Die Polynesier profitieren von seinem Verhandlungsgeschick bei den Gesprächen mit der vorherigen Kolonialmacht Neuseeland. Die Cook-Inseln dürfen bis heute ihre internen Dinge selber regeln, werden aber außenpolitisch sowie militärisch von Neuseeland vertreten und bekommen einen Großteil der Jahresetatdeckungssumme vom Nachbarn am Rande des Südpazifiks überwiesen, ein Modell, von dem die Freunde in Tahiti nur träumen können. Henry, der Pfiffige, wurde für seine Verdienste von Königin Elizabeth zum Ritter geschlagen. Doch dann bewies die Opposition, daß er seine Wiederwahl nur durch eine Luftbrücke zwischen Neuseeland und den Cooks möglich gemacht hatte, die die Staatskasse umgerechnet eine Million Mark kostete. 3000 Ausgewanderte bezahlten den Flug in die alte Heimat nur mit der Stimmabgabe für Sir Henry. Solche — sagen wir— Schachzüge stören selbst in tiefster Südsee das Demokratieverständnis. London wurde informiert und der Ehrentitel wieder aberkannt. Als wir die Cooks erreichten, hatte gerade eine gewaltige Spring- welle die nördlichen Inseln zerstört, wenige Wochen später wurde Rarotonga von einem Wirbelsturm heimgesucht. Die ideale Reisezeit mit gleichbleibenden Temperaturen und ohne Gefahr von Naturkatastrophen liegt zwischen Mai und Oktober. Die Vegetation der Vulkaninseln ist der der südlichen Tahiti-Inseln ähnlich. Die Farben sind ebenfalls für uns unvorstellbar leuchtend und klar, die wie frischer Schnee glitzernden weißen Palmenstrände schöner als in Tahiti oder Tonga. Wir fahren in ein kleines Dorf neben der weiten Bucht. Niedrige Hütten stehen rund um einen rasigen Platz und vereinzelt unter den Palmen. Ein mächtiges, holzgeschnitztes Schiff mit Götterdarstellungen am Bug ist auf den Sandstrand gezogen. Eine Frau steht bis zu den Hüften im Wasser und fischt. Andere Menschen sitzen unbeweglich mit weitgeöffneten Augen am Meer, doch ihr Blick ist nach innen gekehrt. Sie bewegen sich nicht, sprechen nicht. Nichts ist für sie wichtig in diesem sonnendurchfluteten Augenblick. Touristen sind selten, meistens kommen Tagesbesucher, die mit Kreuzfahrtschiffen und Frachtern auf dem Weg nach Neuseeland sind, und Weltreisende für einen kurzen Stopp vor der Weiterfahrt zur nächsten Naturbühne.
Wanderung am Roque de los Muchachos
Ein sehr schöner Weg führt über den Höhenkamm vom Roque de los Muchachos zum Pico de la Cruz. Man sollte frühzeitig aufbrechen, da sich die Berge im Osten der Caldera oft gegen Mittag in Wolken hüllen. Vom Parkplatz am Roque de los Muchachos geht es zunächst auf die Observatorien zu. Diese sind nach ca. 20 Gehminuten erreicht. Der Pfad berührt hier die Straße, entfernt sich jedoch gleich wieder nach rechts. Wenig weiter liegt links des Weges der Mirador de los Andenes, von dem man gleichzeitig die Caldera und die Nordseite der Insel überblickt. Auf dem Hauptweg wandert man durch das Felsentor Pared de Roberto zum Mirador de Taburient. Dort folgt man der Straße etwa 150 m nach rechts, bis eine Piste Richtung Barlovento abzweigt. Direkt gegenüber weist ein Schild den Fußweg zum Pico de la Nieve. Er entfernt sich ein wenig von der Straße und führt auf die Schutzhütte am Pico de la Cruz zu, dessen Gipfel nach ca. 2 Std. 15 Min. Gehzeit erreicht ist. Oben bietet sich ein schöner Blick hinüber zu den Sternwarten am Roque de los Muchachos. Für Autofahrer empfiehlt es sich, hier umzukehren und zum Ausgangspunkt zurückzulaufen. Tip: Wer mit dem Taxi gekommen ist, kann entlang des Höhenkamms über den Pico de la Piedra Llana zum Pico de la Nieve weiterlaufen und von dort zur Straße hinabsteigen. Dies nimmt ab dem Pico de la Cruz ca. 2,5 Std. in Anspruch. Die meisten Taxifahrer kennen die Stelle, wo der Weg auf die Straße trifft.
Vor der Kneipe von Las Piedras parken eigentlich immer ein paar Autos. Palmeros, die beruflich von Los Llanos nach Santa Cruz unterwegs sind, stärken sich in der zugigen Bar mit einem Glas Wein, dazu gibt es deftige Tapas. Hin und wieder verirren sich auch Touristen hierher. Vorsicht ist allerdings geboten, wenn man kanarische Spezialitäten probieren will. Was da zwischen den Süßigkeiten auf einem Teller liegt, sieht verlockend aus — wie gebrannte Mandeln, mit Puderzucker bestreut. Ein Biß, und die Enttäuschung ist groß. Chicharrones seien dies, meint der Junge hinter der Theke in seinem fast unverständlichen Inseldialekt und zeigt ungerührt mit der Hand auf seine Brust. Keine Mandeln also, sondern Geräuchertes von der Schweinerippe, recht kräftig gesalzen. Und der <Puderzucker<? Nein, kein Mehl, sondern … gofio. Einheimische behaupten, es dauere Jahre, bis man Geschmack am Gofio fände. Dann aber wolle man nicht mehr davon lassen. Fremden setzt man Gofio nicht gern vor, denn die wissen ihn ja noch nicht zu schätzen. Auf Speisekarten ist er nicht zu finden. Hat man sich als Neuling dennoch durchgerungen und ihn ausdrücklich bestellt, so sitzt man meist recht ratlos vor einer Schüssel, in der sich so etwas ähnliches wie roher Brotteig befindet — Gofio, mit Wasser verknetet. Um es wie die Einheimischen zu machen, sollte man ihn zu kleinen Kugeln rollen und zum Wein verspeisen. In der <Luxusversion< ist er mit gehackten Zwiebeln und Kräutern verfeinert, doch schmeckt die Mischung so oder so pappig und fad. Man kann den Teig aber auch unter Suppe und Saucen mischen, die dadurch recht gehaltvoll werden. Kenner rühren puren Gofio gern beim Frühstück in ihren Milchkaffee oder verwenden ihn für Süßspeisen. Übrigens darf er auf gar keinen Fall gekocht oder gebacken werden, sonst gibt es »cemento«. Der vielseitige Gofio war wichtigste Ernährungsgrundlage der Altkanarier, denn das Brotbacken war ihnen unbekannt. Um die Gerste — vermutlich das einzige von ihnen angebaute Getreide — nicht roh essen zu müssen, rösteten sie die Körner in einer Tonschale über dem offenen Feuer und mahlten sie anschließend per Hand in einer Steinmühle. Vor dem Verzehr rührte man das Mehl mit Wasser oder Ziegenmilch an. Auch nach der Conquista blieb Gofio ein wichtiges Nahrungsmittel. Allerdings ersetzte man die Gerste nun häufig durch Mais, Weizen oder gar Kichererbsen. In schlechten Zeiten mußten arme Leute auf Farnwurzelmehl zurückgreifen oder getrocknete Pilze untermischen. Erst im 20. Jh. kam Gofio ein wenig aus der Mode. Es galt als schick, statt dessen Brötchen und Kartoffeln zu essen. Mit der Rückbesinnung auf kanarische Traditionen erlebt der Gofio in den letzten Jahren eine >Renaissancec Sein hoher Nährwert — schließlich wird das volle Korn vermahlen — wird wieder geschätzt. Ihre Manneskraft führen viele Palmeros sprichwörtlich gern auf den täglichen Genuß von Gofio zurück …