Aug 2

Das Fronleichnamsfest in Mazo ist schon etwas Besonderes. Kaum irgendwo wird es so phantasievoll und farbenprächtig begangen wie hier. Bevor es allerdings im wahrsten Sinne des Wortes >erblühen< konnte, mußte es lange Zeit für politische Zwecke herhalten. Papst Urban IV. hatte es im Jahr 1264 eingeführt — veranlaßt durch die Vision einer Nonne aus Lüttich. Auf kastilischem und andalusischem Boden fanden die ersten Fronleichnamsprozessionen allerdings erst im 15. Jh. statt. Die Spanier nannten das Fest ganz schlicht »Corpus«: gefeiert wird nämlich die leibliche Gegenwart Christi beim Abendmahl (Eucharistie). Schon kurz nach der Eroberung der Kanaren wandelte sich die Bedeutung des Fronleichnamsfestes. Spanien wurde in der frühen Neuzeit zum Zentrum der Gegenreformation. Um nichts in der Welt durfte die Vormachtstellung der katholischen Kirche in Frage gestellt werden, denn geistliche und weltliche Macht waren untrennbar verbunden. Spanische Maler und Bildhauer verliehen ihren Heiligenfiguren sogar die Gesichtszüge der Herrschenden. Unter Königin Isabella hatte man diesen Brauch eingeführt; sie wurde oft als Jungfrau Maria dargestellt. Schon im Spätmittelalter war es üblich, der Fronleichnamsprozession Kostümgruppen einzufügen, die Szenen aus der Bibel oder aus Heiligenlegenden nachstellten. Im Zeitalter der Gegenreformation wurden daraus regelrechte Theaterspiele (autos sacramentales), die den Zweck hatten, die Gläubigen zu fesseln und zu beeindrucken. Ihren Höhepunkt erreichten sie im 17. Jh., als spanische Dichter wie Calderön oder Lope de Vega die berühmten »Loas« schrieben — Lobgesänge, die vor dem Fronleichnamsspiel rezitiert wurden. Unter dem Einfluß aufgeklärter Strömungen kam 1765 das Verbot der autos sacramentales durch den Reformkönig Carlos III., der auch gleich das Auftreten von Riesen, <Dickköpfen< und Drachen untersagte — bis dahin sehr populären Formen der Verkleidung. Das Fronleichnamsfest, nach wie vor eines der Glanzlichter des römisch-katholischen Kirchenjahres, wandelte seinen Charakter. Die alfombras kamen in Mode — Blumenteppiche, die in stunden-, ja tagelanger Arbeit von eifrigen Gläubigen auf Straßen und Plätzen zu Bildern und Ornamenten gefügt werden. Und da Blüten im Juni auf den Kanaren schon etwas knapp sind, verwendet man auch Blätter, Moose und Flechten, Muschelschalen, Schneckenhäuser, Samenkapseln, Sand in allen Farben und sogar Salz — also alles, was die Natur zu bieten hat. Nach ein paar Stunden schon zertritt die Abendprozession die Pracht. Auch in Mazo werden solche Blumenteppiche an Fronleichnam ausgelegt, aber hier gibt es noch eine Besonderheit. Die spätmittelalterliche Sitte der Kostümgruppen blieb erhalten und erlebte in diesem Jahrhundert in abgewandelter Form eine >Renaissance<. Der Prozessionsweg wird in Mazo von hohen, hölzernen Altären gesäumt. Figuren aus der Bibel sind darin zu sehen, phantasievoll mit pflanzlichem Material aller Art dekoriert. Heute sind es Schüler und Mitarbeiter der örtlichen Kunsthandwerksschule, die den aufwendigen Fronleichnams- schmuck schaffen (auch noch eine Woche später zu bestaunen).