Aug 11

Der wohl längste Rechtsstreit in der Geschichte der Welt fand 1954 auf La Palma vorerst ein Ende. Der »Heredamiento de las Haciendas de Argual y Tazacorte«, eine aus mittlerweile etwa 2000 Personen bestehende Erbengemeinschaft, bekam das Recht auf Ländereien und Wassernutzung in der Caldera de Taburiente gerichtlich zugesprochen. Wenige Monate später erklärte die spanische Regierung das Gebiet zum Nationalpark, um die einzigartige Landschaft vor Zerstörung durch Privatinteressen zu bewahren. Angefangen hatte alles im 16. Jh. Alonso Fernändez de Lugo bedachte nach der Eroberung La Palmas seinen Neffen Juan mit großen Ländereien bei Argual und Tazacorte. Dazu erhielt er die wertvollen Wasserrechte der Caldera de Taburiente, wo die ergiebigsten Quellen der Insel sprudeln. Die damit verbundene Auflage lautete, das Land urbar zu machen und Zuckerrohr zu pflanzen. Doch Juan de Lugo fehlten dafür sowohl das Interesse als auch das Kapital, um Arbeitskräfte zu bezahlen und Zuckermühlen zu errichten. So veräußerte er Land und Wasser im Jahr 1508 an den andalusischen Kaufmann Jäcomo Dinarte, der wohl nur als Strohmann diente, um kurz darauf das Land an das Augsburger Handelshaus der Welser weiterzuverkaufen. Die spanische Krone sah es nicht gern, wenn größere Ländereien in ausländische Hände übergingen. Königin Johanna (»die Wahnsinnige«) konnte sich allerdings auf Dauer der Tatsache nicht verschließen, daß zu wenig einheimisches Kapital vorhanden war, um den lukrativen Zuckerrohranbau auf La Palma in Schwung zu bringen. Als die königliche Kaufbestätigung fünf Jahre später endlich eintraf, hatten es sich die Welser anders überlegt. Sie verkauften die »Haciendas de Argual y Tazacorte« an den Kaufmann Jakob Grünenberg aus Köln. Grünenberg hatte sich schon vor Jahren im Zuckerhandel zwischen den Kanarischen Inseln und Antwerpen engagiert. Er war einer jener »Flamen« — wie in Spanien verallgemeinernd alle Niederländer und auch die Bewohner der angrenzenden deutschen Gebiete genannt wurden —, die sich schon kurz nach der Conquista auf La Palma niedergelassen hatten. Bei diesen unternehmungslustigen jungen Männern handelte es sich um Abenteurer oder politische Flüchtlinge, die ihr Glück im Ausland suchten und durch Einheirat in bedeutende spanische Familien das Recht erwarben, sich auf der Insel wirtschaftlich zu betätigen. So stellten sie auf La Palma eine einflußreiche Minderheit dar, und Namen wie Van de Walle, Van Dale, Aysel und Van Gue- mert sind bis heute in Schlüsselpositionen der Wirtschaft, der Politik und Kultur zu finden. Jacomo de Monteverde, wie sich Jakob Grünenberg nun nannte, machte mit Zuckerrohr eines der größten Vermögen des Kanarischen Archipels. Die Gewinnspannen im Zuckergeschäft waren so groß, daß sich seine Investitionen bereits nach zwei Jahren ausgezahlt hatten. Von da an ging es nur noch bergauf. Grünenberg selbst erlebte das Ende des Zuckerbooms, das sich seit 1554 abzeichnete, nicht mehr. Nach seinem Tod rissen die Streitigkeiten um die kostbaren Lände- reien nicht ab. Seine Erben — er hatte fünf Kinder — konnten sich nicht über die Aufteilung des Vermögens einigen. 1557 erhielten sie es zwar vom Königlichen Gerichtshof in Las Palmas zugesprochen. Doch wollte sich der Inselrat in Santa Cruz nicht damit abfinden, daß die Wasserrechte der Caldera in privater Hand, noch dazu in der von Ausländern, verblieben. So ging der Zwist weiter. Fast 400 Jahre nach dem Ausbruch des Rechtsstreits siegten dann abermals die Erben, doch sind sie mit der Caldera wohl nicht recht glücklich geworden. Der Kult des Idafe
»Y iguida y iguan Idafe« (>er sagt, daß Idafe fallen wird>), singt einer der beiden Männer und hebt die Eingeweide einer Ziege hoch. »Que guerte yguan taro« (sib ihm das, was du bringst, und er wird nicht fallen(), antwortet der andere. So spielte sich jahrhundertelang das feierliche Opferritual am Roque de Idafe ab, berichten die Chroniken der Conquistadores. Jedesmal wenn der Stamm der Acerö, der die Caldera bewohnte, ein Tier geschlachtet hatte, nahmen zwei Männer den mühseligen Aufstieg zum Fuß des fast unzugänglichen Felsens auf sich, um hier die Innereien darzubringen. Idafe war keine Gottheit. Eigentlich kannten die Altkanarier nur einen Gott: Abora. Jedes der zwölf Stammesgebiete besaß einen heiligen Ort, an dem man aus Steinen eine Pyramide aufgeschichtet hatte. Dort spielte sich der Kult des Abora ab. Mehrmals im Jahr, wohl zur Sonnenwende, feierten die Auaritas zu Ehren ihres Gottes rauschende Feste. Dann wurde getanzt, gesungen und gelacht. Doch galten neben Abora auch manche Pflanzen, Tiere oder Felsen als heilig. Der Roque de Idafe wurde verehrt aus Angst, er könne umfallen. Doch Archäologen haben bis heute keinerlei Siedlungsreste in der Nähe des Felsens gefunden, die auf eine Bedrohung der Ureinwohner hinweisen könnten. Und so glauben viele Forscher eher an einen Fruchtbarkeitskult, da die phallische Gestalt des Felsens unverkennbar ist.