Irgendwann im 4. Jh., in der Nacht vom 4. auf den 5. August, hatte Papst Liberius einen seltsamen Traum: Die Muttergottes trug ihm auf, eine Kirche an dem Ort zu bauen, wo am Morgen frischer Schnee gefallen sei. Und siehe da, mitten im Sommer schneite es auf dem Esquilin, einem der sieben Hügel Roms. Liberius eilte an der Spitze einer Prozession herbei und vollzog selbst den ersten Spatenstich für die Kirche Santa Maria Maggiore, in der man von nun an die Jungfrau vom Schnee anbetete. Im Spätmittelalter, als sich die Marienverehrung im Volk verbreitete war, wurde die Legende von der Jungfrau vom Schnee in alle christlichen Länder getragen. So kam sie schon bald nach der Eroberung nach La Palma. Man weihte der Virgen de las Nieves eine Kapelle in der Nähe der Hauptstadt und rief sie bei allerlei Sorgen und Nöten an. 1676 begab es sich, daß durch eine große Dürreperiode eine Mißernte drohte. Der Bischof kam persönlich von Gran Canaria herbei, um das Unglück abzuwenden. Er ließ eine Bittprozession die Jungfrau hinab nach Santa Cruz tragen, und in der Tat regnete es kurz darauf. Um künftigen Dürrezeiten vorzubeugen, ordnete der Bischof an, die bajada (bajar — >hinabtragen>) regelmäßig zu wiederholen. Seit 1680 findet sie alle fünf Jahre statt. Aus der schlichten Bittprozession wurde mit der Zeit ein großes Spektakel, das heute Tausende von Besuchern anzieht. Schon Ende Juni beginnen die Feierlichkeiten, die sich mit Feuerwerk, Sportwettkämpfen, Wahl der Festkönigin, Preisverleihungen und viel Musik über Wochen erstrecken. Berühmt ist die Danza de Enanos (>Zwergentanz(), bei der Männer — mit riesigen Pappmacheköpfen als Zwerge verkleidet — durch die Straßen tanzen. Höhepunkt der Feier ist die eigentliche Bajada geblieben. Mitte Juli wird die Madonna in die Stadt getragen, dort feierlich von den Honoratioren empfangen und in die Iglesia de la Encarnaciön gebracht. Am nächsten Tag zelebriert man mit Hilfe eines Megaphons den »Dialog zwischen Schiff und Festung« nach vorgegebenem Text. Das Schiff (Barco de la Virgen) nähert sich mitsamt der Jungfrau in bedrohlicher Weise der Festung (Castillo de la Virgen). Diese will die vermeintlichen Angreifer zurückschlagen. Doch das Schiff, so stellt es sich heraus, gehört der siegreichen Himmelsgöttin. Und so gibt die Festung den Widerstand auf und salutiert der Madonna mit Kanonenschüssen. Die Prozession endet an der Iglesia El Salvador, wo die Jungfrau bis Mariä Schnee (5. August) verweilt. Dann wird sie nach Las Nieves zurückgebracht. Schon Monate vor dem Fest sind Flüge und Unterkünfte ausgebucht. Emigrierte Palmeros nehmen das Ereignis zum Anlaß, ihre daheimgebliebenen Familien zu besuchen. Unter der Hand wird die Bajada immer noch als Heiratsmarkt betrachtet, denn es war früher üblich, daß junge Auswanderer aus Übersee anreisten, um hier die Frau fürs Leben zu finden. Diese hatte, für einen echten Palmero selbstverständlich, aus der Heimat zu stammen. Und für ein Mädchen von der Insel gab es nichts Erstrebenswerteres, als sich einen der >reichen< Emigranten zu angeln. Zwar putzen Eltern ihre heiratsfähigen Töchter noch immer für den großen Blumenkorso zum Abschluß der Bajada heraus, doch hat sich vieles geändert: Mit dem Heiraten haben es die jungen Frauen heute nicht mehr so eilig.