Eine mystische Stimmung umfängt den Besucher, der zum erstenmal das stille Halbrund von La Zarza betritt. Für ein paar Augenblicke taucht er in die rätselhafte Vorzeit La Palmas ein. Die Illusion ist perfekt, wenn er an der kleinen Quelle vorbei zur schattigen Felswand hinaufklettert und die magischen Zeichen der Ureinwohner entdeckt, deren Entschlüsselung bis heute niemandem gelungen ist. Und daß es sich nur um Magie handeln kann, daran besteht kaum ein Zweifel. Viel zu nüchtern erscheint der Erklärungsversuch mancher Wissenschaftler, die in den Felsritzungen einen bloßen Hinweis auf die nahe Wasserstelle sehen wollen. Die kultische Bedeutung der Petroglyphen offenbart sich jedem Betrachter. Ritzzeichnungen der Ureinwohner gibt es auf fast allen Kanareninseln, auf La Palma jedoch mit über 50 Fundstellen bei weitem am häufigsten. Immer noch werden neue Zeichen gefunden. Verstärkt treten sie im Nordwesten der Insel auf, rund um Garafia, wo sich der Siedlungsschwerpunkt der Auaritas befunden haben könnte. Meist sind es geometrische Zeichen: Spiralen, konzentrische Kreise, Mäander, Labyrinthe. Vereinzelt lassen sich sogar abstrakte Menschen- und Tierfiguren erahnen. Die geometrischen Zeichen weisen Parallelen zu Inschriften der europäischen Megalith-Kultur auf. Auch in Südamerika wurden ganz ähnliche Petroglyphen entdeckt. Der Spekulation sind also keine Grenzen gesetzt. Ihre genauen Entsprechungen haben diese Ritzzeichen jedoch nach neueren Forschungen im Nordafrika des 2. bis 1. Jahrtausends v. Chr. Damit ist inzwischen auch die lange umstrittene Abstammung der Altkanarier von den Berbern nachgewiesen. Oft sind die geometrischen Petroglyphen in der Nähe von Quellen zu finden. Andere Zeichen wurden auf Felsen in landschaftlich exponierter Lage geritzt; vielleicht dienten sie einem Sonnenkult, worauf auch die einzigartigen, erst 1982 entdeckten Sonnenmotive von La Fajana deuten. In der Cueva de Tajodeque (Caldera de Taburiente) wurden alphabetische, sogenannte libysche Zeichen gefunden. Die Inschrift ähnelt dem Tuareg-Wort mauamselti, was soviel wie >Durchgang< (span. paso) bedeutet. In der Tat wird die Umgebung von den Ziegenhirten noch heute »Paso« del Burejito genannt. Andere Zeichen sind kreuz- oder rasterförmig, dreieckig oder linear. Da metallenes Werkzeug benutzt wurde, um sie in den Fels zu ritzen, stammen sie auf jeden Fall aus der Zeit nach der Conquista. Vielleicht wurde die Tradition bei den Viehhirten bis in die jüngste Vergangenheit bewahrt, und einige dieser Zeichen könnten Weidegebiete markiert haben. Raster ersetzten den Hirten das Brettspiel, Kreuze könnten magisch-religiöse Bedeutung haben. In diese Kategorie gehören auch die abstrakten Bootsformen, die man hier und da antrifft. Boote waren den Altkanariern unbekannt. Vandalismus und Antiquitätenjagd stellen große Bedrohungen für die unersetzlichen Zeugen der altkanarischen Kultur dar. Jüngere Fundstellen werden von den Archäologen nach Möglichkeit geheimgehalten. Erstaunlich, daß die meisten Plätze nach wie vor frei zugänglich sind. So bleibt dem Besucher die Entdeckerfreude, wenn seine manchmal recht mühevolle Suche nach den Zeichen von Erfolg gekrönt war oder gar der Zufall ihn über die Ritzmuster stolpern ließ.