Nahrung der Altkanarier

Vor der Kneipe von Las Piedras parken eigentlich immer ein paar Autos. Palmeros, die beruflich von Los Llanos nach Santa Cruz unterwegs sind, stärken sich in der zugigen Bar mit einem Glas Wein, dazu gibt es deftige Tapas. Hin und wieder verirren sich auch Touristen hierher. Vorsicht ist allerdings geboten, wenn man kanarische Spezialitäten probieren will. Was da zwischen den Süßigkeiten auf einem Teller liegt, sieht verlockend aus — wie gebrannte Mandeln, mit Puderzucker bestreut. Ein Biß, und die Enttäuschung ist groß. Chicharrones seien dies, meint der Junge hinter der Theke in seinem fast unverständlichen Inseldialekt und zeigt ungerührt mit der Hand auf seine Brust. Keine Mandeln also, sondern Geräuchertes von der Schweinerippe, recht kräftig gesalzen. Und der <Puderzucker<? Nein, kein Mehl, sondern … gofio. Einheimische behaupten, es dauere Jahre, bis man Geschmack am Gofio fände. Dann aber wolle man nicht mehr davon lassen. Fremden setzt man Gofio nicht gern vor, denn die wissen ihn ja noch nicht zu schätzen. Auf Speisekarten ist er nicht zu finden. Hat man sich als Neuling dennoch durchgerungen und ihn ausdrücklich bestellt, so sitzt man meist recht ratlos vor einer Schüssel, in der sich so etwas ähnliches wie roher Brotteig befindet — Gofio, mit Wasser verknetet. Um es wie die Einheimischen zu machen, sollte man ihn zu kleinen Kugeln rollen und zum Wein verspeisen. In der <Luxusversion< ist er mit gehackten Zwiebeln und Kräutern verfeinert, doch schmeckt die Mischung so oder so pappig und fad. Man kann den Teig aber auch unter Suppe und Saucen mischen, die dadurch recht gehaltvoll werden. Kenner rühren puren Gofio gern beim Frühstück in ihren Milchkaffee oder verwenden ihn für Süßspeisen. Übrigens darf er auf gar keinen Fall gekocht oder gebacken werden, sonst gibt es »cemento«. Der vielseitige Gofio war wichtigste Ernährungsgrundlage der Altkanarier, denn das Brotbacken war ihnen unbekannt. Um die Gerste — vermutlich das einzige von ihnen angebaute Getreide — nicht roh essen zu müssen, rösteten sie die Körner in einer Tonschale über dem offenen Feuer und mahlten sie anschließend per Hand in einer Steinmühle. Vor dem Verzehr rührte man das Mehl mit Wasser oder Ziegenmilch an. Auch nach der Conquista blieb Gofio ein wichtiges Nahrungsmittel. Allerdings ersetzte man die Gerste nun häufig durch Mais, Weizen oder gar Kichererbsen. In schlechten Zeiten mußten arme Leute auf Farnwurzelmehl zurückgreifen oder getrocknete Pilze untermischen. Erst im 20. Jh. kam Gofio ein wenig aus der Mode. Es galt als schick, statt dessen Brötchen und Kartoffeln zu essen. Mit der Rückbesinnung auf kanarische Traditionen erlebt der Gofio in den letzten Jahren eine >Renaissancec Sein hoher Nährwert — schließlich wird das volle Korn vermahlen — wird wieder geschätzt. Ihre Manneskraft führen viele Palmeros sprichwörtlich gern auf den täglichen Genuß von Gofio zurück …

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