Inselwelt der Südsee

Auf der Weltkarte ist das Blau des südlichen Pazifiks mit Inselgruppen gesprenkelt. Französisch-Polynesien, nördlich davon die Christmas- Inseln , und die Inselgruppe, die den Namen des Weltumseglers trägt, obwohl er die Hauptinsel nie erreichte, das Cook-Archipel nämlich, bilden ein gleichschenkliges Dreieck. Der südlichste Punkt der französischen Kolonie, Rurutu und Mangaia Island, die östlichste der Cooks, wirken auf dem Globus wie zwei Stecknadelköpfe in unmittelbarer Nachbarschaft. Tatsächlich liegt in der unendlichen Weite des Pazifiks die Strecke Kopenhagen bis München dazwischen. Eine Entfernung, die selbst für die schnelle Maliga, eine Motoryacht mit drei luxuriös eingerichteten Gästekabinen, nicht an einem Tag zu bewältigen ist. Nach 30 Stunden erkennt Philippe, der französische Kapitän, das nahe Ziel, noch ehe es am Horizont auszumachen ist, an einer über der Insel schwebenden Schönwetterwolke. Dann sehen wir einen weißen Streifen, der immer größer wird, mit zerlaufenden grünen Bahnen im Blau des Meeres: Korallenriffe dicht unter der Oberfläche. Wohl ist’s dem Seemann in diesem Bereich offensichtlich nicht. Immer wieder kontrolliert er sorgfältig die Karte und sucht nach Untiefen, Korallengärten und Atollen, scharfkantigen Gefahren für jeden Schiffsrumpf. Behutsam nähert er sich Rarotonga, der kreisrunden Hauptinsel mit Riff und Lagune rundum. Es gibt nur eine einzige Durchfahrt vor Avarua, der größten Stadt. Der Kanal ist keine 200 Meter breit. Am Rande ragen mehrere verrostete Schiffswracks wie eine Warnung für Seefahrer aus den Fluten. Aus der Vogelperspektive betrachtet, erkennt man sechs flache Atolle, die Northern Group der Cooks, an die Schiffe bis auf zehn nautische Meilen heransegeln müssen, um sie überhaupt zu sehen. Bleiben neun Inseln für die südliche Cook-Hemisphäre: Palmerston und Aitutaki, Manuae und das unbewohnte Tukutea, Atiu, Mitiaro und Mauke, Mangaia und »Rago, the big city«, wie die Hauptinsel mit gebührendem Respekt genannt wird. Mit ihren hohen Vulkanbergen gleicht sie einer unbezwingbaren Wasserburg. Ein Schutzwall aus Korallen gürtet die türkisfarbene Lagune mit dem weißen Schaum der Brecher. Feuchtigkeit und Wärme zaubern aus dem felsigen Urgrund einen fruchtbaren Garten Eden, der sich geographisch ziemlich genau zwischen Tahiti und Samoa einfügt, per Schiff zehn Tagesreisen von Australien entfernt ist, und doppelt so viele von Amerika. Hier beginnt der Lauf des Tages zu allerletzt und endet endgültig im tiefblauen Wasser des Südpazifik, ehe er die Datumslinie kreuzt und aufersteht. Anders als in den meisten Ländern der Welt, wo sich das Leben immer mehr beschleunigt, haben Lage und Klima der Insel eine Lebensart hervorgebracht, die ganz allgemein »Cook Islands-Time« heißt. Die Uhren auf den Cooks gehen viel langsamer als in Europa oder Amerika. Rarotonga, von Flüssen durchzogen und mit dem 700 Meter hohen Vulkan Ta Manga in der Mitte, verkörpert optisch den perfekten Südseetraum. Allerdings gibt es nur ein einziges internationales Hotel: das Rarotongan, mit zweigeschossigen Bungalows, Reitstall, Tennisanlage und Golfplatz, direkt am weißen Sandstrand südlich von Aroa gelegen (Airtours bietet eine Woche ab Papeete für 2365 Mark). Ich wohne in einer kleinen, von Maori geleiteten Pension in Avarua im Norden der Kreisinsel (zehn Kilometer Durchmesser), ganz in der Nähe der Missionsstation. Ein Grab im Zentrum der Gartenanlage ist mit Blumen und Pflanzen überwuchert und so eher Ausdruck tropischen Lebens als ernste Gedenkstätte. Kolibris schwirren von Blüte zu Blüte, und handtellergroße bunte Falter schaukeln über Farne und Sträucher. Eine Steinbüste erinnert in eigenwilliger Form an den Toten. Auf der gemeißelten Nase sitzt das echte Brillengestell des 1981 Verstorbenen. Ken, ein schnauzbärtiger New Yorker, der ebenfalls an Bord der Maliga war, lacht sich halb tot darüber. Doch Einheimische finden das Denkmal mit Brille überhaupt nicht komisch. Ungewöhnlich wie der über den Tod hinaus Geehrte war auch dessen Leben. Albert Henry, auf den Cooks nur »Poppa« genannt, wurde in den 60er Jahren nach den erfolgreichen Unabhängigkeitsdebatten Regierungschef. Die Polynesier profitieren von seinem Verhandlungsgeschick bei den Gesprächen mit der vorherigen Kolonialmacht Neuseeland. Die Cook-Inseln dürfen bis heute ihre internen Dinge selber regeln, werden aber außenpolitisch sowie militärisch von Neuseeland vertreten und bekommen einen Großteil der Jahresetatdeckungssumme vom Nachbarn am Rande des Südpazifiks überwiesen, ein Modell, von dem die Freunde in Tahiti nur träumen können. Henry, der Pfiffige, wurde für seine Verdienste von Königin Elizabeth zum Ritter geschlagen. Doch dann bewies die Opposition, daß er seine Wiederwahl nur durch eine Luftbrücke zwischen Neuseeland und den Cooks möglich gemacht hatte, die die Staatskasse umgerechnet eine Million Mark kostete. 3000 Ausgewanderte bezahlten den Flug in die alte Heimat nur mit der Stimmabgabe für Sir Henry. Solche — sagen wir— Schachzüge stören selbst in tiefster Südsee das Demokratieverständnis. London wurde informiert und der Ehrentitel wieder aberkannt. Als wir die Cooks erreichten, hatte gerade eine gewaltige Spring- welle die nördlichen Inseln zerstört, wenige Wochen später wurde Rarotonga von einem Wirbelsturm heimgesucht. Die ideale Reisezeit mit gleichbleibenden Temperaturen und ohne Gefahr von Naturkatastrophen liegt zwischen Mai und Oktober. Die Vegetation der Vulkaninseln ist der der südlichen Tahiti-Inseln ähnlich. Die Farben sind ebenfalls für uns unvorstellbar leuchtend und klar, die wie frischer Schnee glitzernden weißen Palmenstrände schöner als in Tahiti oder Tonga. Wir fahren in ein kleines Dorf neben der weiten Bucht. Niedrige Hütten stehen rund um einen rasigen Platz und vereinzelt unter den Palmen. Ein mächtiges, holzgeschnitztes Schiff mit Götterdarstellungen am Bug ist auf den Sandstrand gezogen. Eine Frau steht bis zu den Hüften im Wasser und fischt. Andere Menschen sitzen unbeweglich mit weitgeöffneten Augen am Meer, doch ihr Blick ist nach innen gekehrt. Sie bewegen sich nicht, sprechen nicht. Nichts ist für sie wichtig in diesem sonnendurchfluteten Augenblick. Touristen sind selten, meistens kommen Tagesbesucher, die mit Kreuzfahrtschiffen und Frachtern auf dem Weg nach Neuseeland sind, und Weltreisende für einen kurzen Stopp vor der Weiterfahrt zur nächsten Naturbühne.


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