Gut 50 Minuten quält sich die mit Hibiskusblüten bemalte Propellermaschine der Air Polynesia von Tahiti nach Bora Bora. Beim Anflug wird hinter dem Schaumstreifen des Korallenriffs ein Strandring aus Weißgold im türkisfarbenen Wasser sichtbar, und mittendrin ragt ein Zentralvulkan mit dramatischen Zacken in den Himmel. Dieser Anblick gehört zu den betörendsten Naturbildern, die der Pazifik bietet, die Erfüllung aller Südseeklischees und -träume. Die beiden schwarzen Basalttürme, die aus dem bergigen Farnwald ihre mächtigen Schultern emporstemmen, sind im oberen Bereich abgeplattet. Das hat der Insel den Namen gegeben. »Bora Bora« bedeutet flaches Dach. Wir landen auf einer leuchtenden Korallenkalk-Rollbahn, die auf das Riff gebaut wurde. Unter Kokospalmen am Rande des Flugfeldes warten die Zubringerboote im Lagunenbecken. Von hier werden die Besucher in 30minütiger Fahrt auf die Hauptinsel gebracht. Wer kritisch hinsieht, wird an dieser Stelle erst einmal aus seinen Träumen gerissen. Es modert und fault in der schönsten Lagune der Welt, im türkisschimmernden Wasser von Bora Bora. Unrat treibt herum, und keiner ist da, der sich verpflichtet fühlt, ihn zu beseitigen. Umweltschutz ist ein Fremdwort in den Inselreichen des südlichen Pazifik, die keine Erfahrung mit Zivilisationsschäden haben. Das machen ebenso zwei häßlich verrostete Schiffswracks deutlich, die, auf den Grund gesetzt, die Nachbarbucht blockieren und Fotografen die Motive verderben. Der »König von Bora Bora«, wie sich ein wohlhabender Großgrundbesitzer selber nennt, hat sie dort versenkt. Der Hintergrund ist eine dieser eigenwilligen polynesischen Geschichten, die man in unseren Breitengraden nur schwer versteht: Als der ehemalige Fischer und Monarch von eigenen Gnaden durch geschickte Bodenspekulationen zu Wohlstand gekommen war, äußerte seine alte Mutter den Herzenswunsch, einmal ein eigenes großes Schiff zu besitzen. Sie starb am Tag des Kaufabschlusses für einen Schoner. Der Sohn ließ den Sarg an Bord des Schiffes bringen und als Mausoleum auf Grund setzen. Der Zweimaster kippte dabei so unglücklich ab, daß der Bug steil aus dem Wasser ragte. Da kaufte der »König« flugs ein zweites Schiff und ordnete einen weiteren Versuch an. Diesmal gelang es, die letzte Ruhestätte fest zu verankern. Weder die Franzosen als Kolonialmacht noch die örtliche Verwaltung widersprachen der blödsinnigen Idee.
Doch zum Glück sind das die einzigen häßlichen Punkte im Bild der sonst einzigartigen Schönheit. Ungetrübt ist die Natur in leuchtenden Farben in der Umgebung des Hotels, das den Namen der Insel trägt, und auf dem angrenzenden Zwei-Meilen-Streifen zur zweiten Nobelherberge, dem Marara, weiter nördlich, das Dino de Laurentiis vor den Dreharbeiten zu Hurrican und Sharkboy bauen ließ. Das Hotel Bora Bora ist eines der drei teuersten Feriendomizile der Welt, sicher aber auch das perfekteste und von der Lage her unübertroffenste Haus im Pazifik. Wo sonst Abstriche an Sauberkeit, Komfort und Einrichtung in tropischen Gegenden gemacht werden müssen, ist hier alles vom Feinsten. Einrichtung im Kajütenstil, Originalgemälde an den Wänden, und zweimal am Tag werden die Räume mit frischen Blüten dekoriert. Die Overwater-Bungalows sind die schönsten, die Gartenhäuser kosten dafür nur ein Drittel. Von der Holzterrasse der Pfahlbauten im Wasser hat man den besten Blick auf die Lagune, die ständig ihre durchscheinenden Farbtöne wechselt: von Opal und Perlmutt bis Silber mit einem winzigen Schuß Türkis. Mantas, Meerestiere mit mächtigen Schwingen, und fliegende Fische ziehen vorbei. In der Ferne gleitet ein Boot mit weißen Segeln über die Naturbühne. Morgens in aller Frühe, wenn die Sonne noch ohne Kraft ist, scheint die Lagune bleigrau, im Tagesverlauf wechselt der Ton zu Oliv und wird immer heller, bis schließlich kräftiges Weiß ins lichte Grün gemischt ist. Am Abend spiegelt sich der Sonnenuntergang in der Lagune. Blaue und leuchtend orangefarbene Streifen markieren die Vereinigung von Himmel und Meer. Darüber treiben Wolkenfetzen wie eingefärbte, zerpflückte Watte. Die dunklen Wedel einer schräg ins Meer hinausragenden Palme wirken wie ein Scherenschnitt. Postkartenkitsch? — Südseerealität. Ebenso aufregend sind die Korallengärten vor dem Hotel. Man braucht weder zu tauchen noch zu schnorcheln, um diese Welt kennenzulernen. Ein Glasbodenboot genügt. Für Fotofans steigt ein Taucher ins Wasser und füttert unter der Glasscheibe die farbenprächtigen Pagageienfische. Im Hotel Bora Bora haben Naturschauspiele einen hohen Preis. Doch es sind nicht nur die Reichen und Bedeutenden, die sich für die Insel mit dem klangvollen Namen entscheiden, auch junge Leute und Rucksack-Touristen finden dort ihre Bleibe. Das zwar laute und schmuddelig anmutende Ibis-Hotel mit winzigen Reihenhäuschen liegt an demselben schönen Strand. Für den Preis einer einzigen Nacht im Hotel Bora Bora kann man aber hier eine ganze Woche mit allen Mahlzeiten leben. Erschwinglich ist auch das kleine Pfahlbau-Dorf des Club M6diterranee. Davon, daß Bora Bora angeblich von Touristen überlaufen ist, merkt man nicht viel. Wir umrundeten die Insel mit dem Fahrrad, und Fremde fielen eigentlich nur in Vaitape auf. Auf dem zentralen Platz, der von der Schule, der Post, der Kirche und einigen Geschäften eingerahmt wird, geht es gelegentlich lebhaft zu, ansonsten hat sich die Laguneninsel mit der farbintensiven Vegetation ihre Südsee-Abgeschiedenheit bewahrt. Das gilt in noch stärkerem Maße für Rangiroa. Dieses völlig flache Atoll mit zwei Bungalow-Hotels und ein paar Privatpensionen schläft so still und friedlich im Pazifik, daß hier nur Gäste glücklich werden, die nie den Kampf gegen die Langeweile verlieren. So war mein größtes Erlebnis die Jagd eines Geckos über Vorhänge und Bettdecken nach Insekten. Diese wieselflinke Eidechse war neben der Räucherspirale und Bonomol-Öl auf der Haut das dritte Kampfmittel gegen Mücken und Moskitos. Am Nachmittag ziehen schwarze Wolken auf. Es beginnt zu regnen. Erst tröpfelt es leise, dann bewegen sich Regensträhnen wie silberne Vorhänge im Wind. Alle Konturen verlieren sich im Grau. Der Wind zieht eine runzelige Elefantenhaut über das Bootsdeck vor meinem Fenster. Es gibt wohl kaum etwas Trostloseres als die Südsee bei Regen. Da erklingt selbst die fröhliche Hula-Musik aus den Zimmerlaut- sprechern in Moll. Zwischen November und April ist das Wetter in Polynesien reine Glücksache. Seit Generationen pflegen Weltenbummler mit Wonne die immer noch offene Streitfrage zu diskutieren, welche der polynesischen Inseln die allerschönste ist: Bora Bora, Tahiti, das Atoll Manihi oder das wilde Moorea.