Das Honolulu-Mädchen mit farbfilmgerechter Blumenkrone auf nachtschwarzem Haar küßt in demselben Eiltempo, wie der tätowierte Jüngling die Saite seiner Gitarre schlägt. »Welcome to paradise!« Die Schlange der Neuankömmlinge, die der United-Jumbo gerade ausgespuckt hat, ist lang, und die Zeit drängt. Zum flüchtigen Fließbandküßchen muß das Südseekind auch noch jedem Neuankömmling den Lei, diesen sagenumwobenen Blütenkranz und Wahrzeichen Hawaiis, über die Schultern legen. Gepäckträger mit grasgrünen Baströckchen über Jeans kümmern sich derweil um die Koffer und den reibungslosen Transport in eines der Waikiki-Hotels und Strand-Resorts. Nichts geht schief, weil nichts dem Zufall überlassen bleibt. Alles ist bis ins Detail geplant und durchkalkuliert. Selbst Kuß und Lei sind in der internen Pauschalrechnung der Veranstalter pro Person mit zehn Dollar angesetzt, halber Preis bei Plastikblüten für Billigtouristen. Der Drei-Zentner-Chauffeur, bei dem der Blütenkranz wie eine zu kurze Halskette wirkt, wartet mit einem chromglitzernden schwarzen Straßenkreuzer. Er ist am Flughafen Honolulu bezahlt worden, um uns auf dem schnellsten Weg ins Hotel zu bringen. Diensteifrig winkt er der Reiseleiterin zu, fährt gemächlich um den Block und kommt direkt zum Ausgangspunkt am Flughafen zurück. Mit sicherem Blick macht er weitere vier Paare aus, die auf eigene Faust gekommen sind und kein Taxi gefunden haben. Entschuldigend rollt er mit den Augen, faßt sich verlegen ans Ohr und angelt dann strahlend ein Röllchen Dollarscheine aus der Tasche »extra money, you know«. Alles klar, 50 Dollar zusätzlich, ohne Mehrarbeit. Geldverdienen ist Hobby Nummer eins auf Oahu. Der millionenfach fotografierte Südseetraum, wenn am hawaiianischen Horizont der feuerrote Planet in Pastelltönen verglüht und in das Aquamarin und Smaragd der Küstengewässer eintaucht, wiederholt sich allabendlich mit einem Übermaß an Kodak-Rosa und Pink. Dennoch einer der wenigen Programmpunkte, die völlig unbeeinflußt von der perfekten Touristikorganisation sind. Ansonsten bleibt wenig den normalen Abläufen der Natur überlassen. Unzulänglichkeiten, Schwachstellen im Bild der Inseln wurden gründlich ausgemerzt. Was am Südseeklischee noch fehlte, entstand durch Menschenhand. Schwarze Lavabuchten funkeln nach dem Einsatz von Arbeitskolonnen und Hunderten von Lastwagen voll weißem Sand, wie es Südseestrände nun einmal in der Phantasie tun: weiß und rein. Palmengärten wurden angelegt, wilde Wasserfälle mit angepflanzten Orchideen noch fotogener gemacht. Die Natur des Südpazifiks oder der Fidschis zu kopieren, begann man schon bei der Besiedlung des Archipels. Die meisten Blumen und Pflanzen, die heute als typisch für Hawaii gelten, sind kein Bestandteil der ursprünglichen Inselflora, sondern wurden von den ersten Auswanderern aus Tahiti, von asiatischen und europäischen Immigranten eingeführt. Chinesische Arbeiter brachten den Jasmin und die Gardenie mit, Seeleute die Ananas, Orchideen und exotische Farne aus Westindien und Afrika. Ein Höhepunkt hawaiianischer Neuschöpfung ist das Polynesian Cultural Center an der Nordküste Oahus, eine Autostunde von Honolulu entfernt. Auf der Fläche einer Kleinstadt verkleinerten die Mormonen in jahrzehntelanger Arbeit den riesigen polynesischen Raum wie auf einem Mikrochip: Landschaften, Flora, Tierwelt, Siedlungen und Kulturen. Wir zahlen 16 Dollar Eintritt und machen uns auf den Weg. Einundzwanzig sanfte Ruderschläge liegen zwischen der Tahiti- Insel Bora Bora im Süden und Hawaii. Das blumengeschmückte Doppelkanu mit 20 Touristen, Soft-Eis und Ananasstrips lutschend, wird vom Collegeboy Mato bei Hula-Klängen durch die Hollywood-Farben gesteuert. Türkisgrünes Wasser, bernsteinfarbene Kunststrände, eine exotisch bewachsene Bucht, und wie bestellt für Film und Video spannt sich über allem ein azurblauer Himmel. An der Anlegestelle wiegt sich eine Riege Studentinnen in Baströckchen und Blüten im Haar zu Südseeklängen. Sie inszenieren ihre folkloristisch aufgeputzte Geschichte, und beim Tanz flüstern sie den fotografierenden Touristen noch Blende und Belichtungszeit zu. Ein paar Meilen nördlich von Honolulus Minivulkan Diamond Head hat sich der Trubel gelegt. In einer stillen Bucht hinter Farnen, Palmen und Orchideen versteckt sich das prächtige Kahala Hilton. In einem silbernen See tummeln sich Delphine und angeln für Erinnerungsfotos die Badehandtücher der Gäste. Auf künstlichen Eisfelsen spazieren Pinguine, und von der Steilwand prasselt ein Wasserfall in die Tiefe. Zur Rückseite ist das Gebäude von einem gepflegten Golfplatz begrenzt. Am kilometerlangen Sandstrand ist man fast allein. Hier ist rein gar nichts mehr von der beängstigenden Enge von Waikiki zu spüren. Von diesem südlichen Zipfel Oahus starten wir über den Highway 72 (und später 83) nach Norden. Die Fahrt macht deutlich, daß sanfte Strände abseits der Urlauberburgen die Ausnahme und schroffe Klippenküsten die Regel sind. Natürliche Häfen gibt es so gut wie keine. So manches Schiff zerschellte am schroffen Fels, weil die Seeleute der magischen Anziehungskraft eleganter Palmen erlagen und von tückischen Strömungen erfaßt wurden. Im Norden zwischen Kawela und dem Waimea Beach ist das Reich der Surfer, der Artisten des Sports, die selbst haushohe Brecher mit ihrem Brett locker meistern. Wir bestaunen ihre bis zu 200 Meter langen Ritte auf gischtgekrönten Wellenbergen und wie sie sich dem Rhythmus des Wassers anpassen. Akrobatisch schwingen sie auf, rasen mit der Düne heran. Dann wenden sie plötzlich mit einem Kniefall und schießen aufs offene Meer hinaus. Am Abend bei der Strandparty geht es hier ebenso wild und ausgelassen zu wie in den Restaurants von Waikiki. Eine Frage, die sich aufdrängt: Gibt es auf Hawaii tatsächlich überall nur Touristenprogramme amerikanischen Zuschnitts, die sich vom rheinischen Karneval nur durch ein vielkehliges Aloha statt Alaaf unterscheiden? Und Feiern mit Bier, das am Tag der Kelemania (der Deutschen) in Bayrischblau und am St. Patricks-Tag ins Grün der Iren eingefärbt wird? Der Schein trügt, so ist es sicher nicht. Hawaii bietet ein perfektes Angebot für jeden Geschmack, Stimmung und Unterhaltung rund um die Uhr, wer mag, aber ebenso Inseleinsamkeit pur. Auch die vielfach vorhandene Darstellung der Rekordpreise und Kosten ist falsch. Natürlich gibt es Hotelzimmer für 400 Dollar die Nacht, aber ebenso für 40, und Abendunterhaltung mit Menü wird für 75 Dollar pro Person angeboten, aber auch für 7,50.
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