Aug 27

Die Sonne zaubert ein flimmerndes Glitzerdreieck in Weiß und Silber auf die winzigen Wellen der Doubtless Bay im hohen Norden Neuseelands. Geographisch präzise an der oberen Westküste der Nordinsel, zirka 200 Kilometer von Auckland entfernt. Nicht weit davon steht verloren ein verwitterter Wegweiser vor dem Leuchtturm am Cape Reinga. Es ist ein heiliger Platz, der täglich von Hunderten von Touristen »entweiht« wird. Von hier aus sollen, nach der Mythologie der Ureinwohner, der Maoris, die Seelen der Verstorbenen die weite Reise ins ewige Glück antreten. Die warme Luft duftet nach süßem Holz, und nur die winzigen schwarzen Raubtiere, die »Sandflys« — Mücken, die nicht stechen, sondern der menschlichen Haut mit einer winzigen Säge zu Leibe rükken —, sind lästig und erinnern schmerzhaft daran, daß wir uns noch in irdischen Gefilden befinden. Hier im tropischen Teil Neuseelands träumen wir in der Sonne und lassen die Stationen der Reise ans Ende der Welt vorüberziehen. Es sind eindrucksvolle Bilder und persönliche Erlebnisse aus dem Land, das von Deutschland am entferntesten liegt, ein paar Schnappschüsse aus dem Zwei-Inselstaat am Rande der Südsee, Szenen, Notizen aus dem Reisetagebuch: Da war das durch und durch britische Auckland, wo wir, nach neunstündigem Flug aus Singapur kommend, landeten. Vor dem Aufbruch in die größte Stadt des Staates mußten wir die übelriechende, aber unabänderliche Zeremonie erdulden: Uniformierte versprühten Desinfektionsmittel, um Ungeziefer zu töten. Erst danach durften wir Stadt und Land betreten. Die Hauptstraßen der Nord-Süd-Linie sind ausgezeichnet, das gilt übrigens für die subtropische Nordinsel ebenso wie für die gemäßigte Südinsel mit ihren skandinavisch anmutenden Fjorden. Eine gute Viertelstunde Fahrt vom Flughafen und man ist am Rande des Zentrums am oberen Ende der Queen Street, die schnurstracks zum Wasser hinunterführt. Die grüne, blumengeschmückte City erstreckt sich auf etwa 500 Quadratkilometern zwischen dem Tasman-See und dem Pazifik Hibiskus und Hortensien wachsen üppig und farbenfroh. Die tropische Blütenpracht ergänzt sorgfältig angelegte englische Parklandschaften mit satten grünen Rasenflächen. In den Vorstädten setzen die pastellfarbenen Holzhäuser zarte Farbtupfer in die Landschaft. Allerdings ist die Beschreibung Rudyard Kiplings, der 1891 die Stadt besuchte, nicht mehr treffend: Er nannte sie überschwenglich die »letzte einsamste, lieblichste, entlegenste« Stadt. Auch in der Jet-Zeit liegt Auckland nicht um die Ecke, sondern am, so steht es in den Prospekten, »schönsten Ende der Welt«. Doch von Einsamkeit ist auf der Queen Street mit ihren Großkaufhäusern und Boutiquen nichts mehr zu spüren. Vorbei an der Universität, dem Rugbyplatz und dem War-Memorial-Museum wanderten wir auf unmittelbar angrenzenden Waldwegen unter hohen Kauri-, Rimu- und Totara-Bäumen und erlebten in der Parnell Road den Hauch der Kolonialzeit. Das imponierend ausgestattete Kriegsgedenk-Museum besitzt die größte pazifische Sammlung von polynesischen und melanesischen Segelfahrzeugen und Ruderbooten. Die Kanus sind reich mit Schnitzereien verziert. Dämonenmasken und das in der Maori-Kunst beherrschende Spiralmotiv wurden in allen Farben verwandt. Stunden später erlebten wir diese Maori-Pracht noch ausgeprägter, in Rotorua am See nämlich, einer der größten Attraktionen des Landes. Rotorua ist gleichzeitig Zentrum der faszinierenden Maori-Kultur mit Bugschnitzereien und Steinbildern und die vulkanische Sensation der Insel. Die Erdkruste ist an manchen Stellen so dünn, daß heiße Quellen und mineralischer Dampf mit Urgewalt an den Tag drängen. Vier Thermalgebiete rund um den Ort öffnen den Blick in die »Unterwelt« mit unzähligen Minikratern, sattschmatzenden Schlammfontänen und regelmäßig ausbrechenden Geysiren. Folgt man einer Legende der Maori, dann hat das menschliche Leben auf Neuseeland mit der Landung von sieben Kanus angefangen. Sie waren nach heutiger Zeitrechnung etwa um 1350 von einer Südseeinsel mit Namen Hawaiki aufgebrochen, um nach langer Fahrt »Tiritiri o Te Moana« zu entdecken: das »Geschenk des Meeres«. Die sieben Kanus landeten an verschiedenen Stellen Neuseelands, und jedes von ihnen war das Fundament für die Ansiedlung eines Stammes. Schon einige Jahrhunderte zuvor hatten hier andere Polynesier, wahrscheinlich umherstreifende Jäger, Sammler oder Abenteurer ihre Spuren hinterlassen, bis zum Jahre Null aber dürfte wohl kaum ein Mensch die einsamen Inseln betreten haben. »Jeff«, stellte sich mein Jeep-Fahrer und Scout für die Drei-TageTour über die Nordinsel vor. Sein Alter war schwer zu schätzen. Leuchtende, jugendliche Augen in einem zerfurchten Gesicht. »Menschenlandschaft«, dieser Begriff fällt mir ein. Er paßt exakt zu Jeffs Aussehen. Jeff vermittelt mit Optik, Art und Gestik das Bild: Bei mir bekommst du exakt, was du hier siehst, ohne Korrekturen und modische Retouschen. Mit diesem grundehrlichen Naturburschen fuhr ich in Richtung Süden zum Mount Egmont, dem Regenmacher der Insel. Als es prompt vom Himmel schüttete, kommentierte Jeff knochentrocken: »Ist der Mount Egmont klar, dann wird’s gleich regnen. Und ist er nicht zu sehen, dann regnet’s bereits.« Anders herum ausgedrückt: Wird in der Gegend um Neuseeland irgendwo eine Wolke geboren, dann fliegt sie zuallererst zum Mount Egmont. Neuseeland, das ist Natur pur. Immer wieder verwitterte Vulkanfelsen, Seen, Naturpools mitten im Busch. Das Vergnügen ist ungetrübt wie das Wasser. Es gibt weder Schlangen noch Skorpione. Die Fauna beschränkt sich auf eine reiche Vogelwelt und auf Tiere, die in früheren Zeiten »importiert« worden sind: Rehe und Hirsche, Wildschweine, Kaninchen und Opossums. Und nur hier gibt’s den Kiwi, einen Vogel, der nicht fliegen kann. Wie gesagt: Alles, wirklich alles, ist anders als in unseren Breiten. Die Sternbilder stehen Kopf, der Mond liegt auf dem Rücken und die Sonne leuchtet von Norden. Skifahren im Juli, Sonnenbaden in den Weihnachtsferien, Herbsturlaub zu Ostern, verkehrte Welt auf der anderen Seite des Erdballs. Nur hier haben die Alpen (sie heißen tatsächlich so) Sandstrände. Und wo sonst kann man Pinguine und Albatrosse beobachten und gleichzeitig wilde Papageien füttern und Robben streicheln? Nirgendwo auf der Welt gibt es einen längeren Ortsnamen als hier — 79 Buchstaben —, der nach Auskunft wohlmeinender Übersetzer etwa so heißt: »Das Dorf am Abhang des Berges, wo Tamatea, der um das ganze Land segelte, auf seiner Nasenflöte für seine Geliebte spielte« … Den südlichsten Zipfel der Nordinsel erreichen wir am Nachmittag des zweiten Tages, und damit Wellington. Die Hauptstadt ist genau im Zentrum des Staates placiert und liegt am malerischen Lambton Harbour, von sanften grünen Hügeln eingerahmt. Den schönsten Überblick hat man vom Mount Victoria, zu dessen Spitze man per Cable Car gelangt. Wellington wurde 1840 anstelle der älteren Siedlung Britannia gegründet. Sehenswert sind vor allem die Regierungsgebäude, die mit ihren Räumen zu den drei größten Holzhäusern der Erde zählen, die neugotische Kathedrale Old St. Paul’s Church und das Nationalmuseum mit seiner einmaligen Maori-Kunstsammlung und portugiesischen Fundstücken von der bei Raglan zerschellten Mendoffl Caravelle. Am Abend pfeifft ein garstiger Wind durch die Straßen. Wegen dieser scharfen Stürme vom nahen Ozean wird Wellington von den Einheimischen auch »Windy City« genannt. Mit der modernen Fähre setzen wir nach Picton auf die Südinsel über. Auf South Island scheint die Natur mit einsamen Küsten, dunklen Regenwäldern, Gletschern und skurrilen Typen noch grandioser, falls das überhaupt möglich ist. In der Provinz Marlborough ist das Klima dem von Bordeaux vergleichbar. Hier wachsen Neuseelands Weine. Wir besuchen John Buch in Havelock, der Cabernet, Chadonnay und Sauvignon Blanc anbaut. In den alten Bäumen vor dem Gutshaus rascheln die Blätter. Die Fassade ist in einem zarten Babyblau gestrichen. Bis zu den nächsten Nachbarn sind es nahezu 15 Kilometer. Ruhe und Abgeschiedenheit prägen die Südinsel. Einsamkeit wie vor hundert Jahren. Riesenfarne aus Urzeiten und Regenwald wuchern rechts und links der Fahrbahn. Wilde Bäche perlen über Erosionsgestein, Wasserfälle leuchten wie Silberfäden auf dunkelgrünem Untergrund. Es riecht nach Freiheit und Abenteuer. High Noon in Neuseeland. Am Wochenende hat die Insel geschlossen. Da betreibt das Freizeitvolk regelmäßig Sport. Rugby steht an erster Stelle. Man schaut zu oder spielt selbst mit Freunden auf der Wiese. Dann folgt Segeln und natürlich Angeln. Niemand wohnt weiter als rund 100 Kilometer vom Wasser entfernt. Populär sind Pferderennen, Golf und Bergsteigen. Für Gäste, die nicht mit dem Wohnmobil, Camper oder Zelt über die Insel ziehen wollen, bietet das Fernziel in der Südsee inzwischen den gewohnten Standard für Verwöhnte: komfortable Hotels, großzügige Zimmer in Farmhäusern, feine exklusive Lodges, aber auch Motels für preisbewußte Selbstversorger und ein 5-Dollar-Bett auf der Schafs-Ranch für den Wanderer, der tagelang durch unberührte Natur marschiert und höchstens durch einen gottverlassenen Postkasten an andere Menschen erinnert wird.