Aug 28

Die abgegriffene, vergilbte Karte in der verrosteten Halterung vor dem Kapitänssitz sieht aus, als stamme sie aus der Zeit der großen Entdecker. Die Beförderungsvorschrift aus den zwanziger Jahren verlangt, daß dieses Altertümchen mit den Meeresstraßen stets greifbar ist, auch hier am äußersten Rand eines Erdteils. Tresore, dem Mann am Steuerrad, ist sie längst keine Hilfe mehr. Sechsmal am Tag lenkt er den alten Kahn immer auf gleichem Kurs: vom Townsville-Hafen ein Stück nördlich die grüne Küste hoch und dann nach einigen Meilen ohne wahrnehmbaren Hinweis zum offenen Meer. Nach einer knappen Stunde Fahrt taucht am Horizont eine winzige schwimmende Scheibe auf, die rasch größer wird und sich schließlich gestochen scharf vom Himmel abhebt, ähnlich wie bei den Scherenschnitten, die es für einen Dollar auf dem Flohmarkt in Brisbane gibt. »Magnetic Island« heißt das Inselchen, so benannt, weil auf der von Neuseeland kommenden Endeavour des Engländers Cook plötzlich der Kompaß versagte und er gewaltige Magnetfelder auf dem Land vor der Küste dafür verantwortlich machte. Heute ist die Insel ein beliebtes Ausflugsziel: zwei Ferienhotels, einsame Strände, Autoverleih, Orchideenfarm und eine Koala-Kolonie, wo die vom Aussterben bedrohten Schmusetierchen behutsam großgezogen und später auf Eukalyptusbäumen im weiten Land wieder ausgesetzt werden. Magnetic Island ist Zwischenstation auf dem Weg zum Großen Barrier-Riff, das sich mit der gigantischen Länge von 2000 Kilometern vor Australiens Ostküste erstreckt. Die zerklüftete Korallenfestung ist allerdings so weit vom Festland entfernt, daß man die aufregende Schönheit nur mit einem Schiff (am besten mit dem für Touristen umgebauten U-Boot), mit einem Wasser-Flugzeug oder Helikopter (rund 150 Mark kostet der Rundflug) erreichen kann. Zwar läßt der Name Great Barrier Reef auf einen einzigen massiven Wall, auf eine Mauer aus Korallenfels, schließen, doch die Wirklichkeit sieht völlig anders aus. Es ist ein Labyrinth aus vielen verschiedenen Riffen, Koralleninseln und Lagunen, hellgrün schimmernden flachen Passagen und dunkelblauen Meerestiefen. Ein Schiff durch dieses Korallenbollwerk zu navigieren, war nie ungefährlich. Nachdem James Cook hier seinen Schoner schwer beschädigte, wurde das Riff zum Friedhof für mehr als 500 Schiffe. So wählen die Kapitäne der Touristenboote aus Sicherheitsgründen immer die gleiche Streckenführung bei den Fahrten durch den Meeresgarten. Die sicheren Passagen sind Trinity Opening gegenüber Cairns’ und Flinders Passage bei Townsville, die Edward, Steuermann unserer auf Magnetic Island gecharterten Yacht, wählte. Es ist der direkte Weg vom Festland durch die Coral Sea, Richtung Turtle Island. Gegen elf Uhr vormittags erreichen wir das Davis-Riff, eins von 2500 Riffen in diesem Gebiet. Ein hellblaues Band signalisiert flaches Wasser über dem Riffabhang. Eine weiße Brandungslinie säumt den dunkelgrauen Rand. Daran grenzt das Hellgrau lebender Korallen, durchsetzt mit kräftigen Farbtupfern wie auf der Palette des Malers. Weit im Hintergrund hebt sich das dunkle Tintenblau des tiefen Pazifiks ab. Die Korallen beherrschen das Gebiet rechts von der Durchfahrt. Die kleinen Polypen finden ideale Lebensbedingungen: 30 Grad warmes Wasser und geringe Meerestiefe. Die einzelnen Lebewesen bilden eine äußere Schale aus Kalkstein in erstaunlicher Formenvielfalt. Verzweigte Geweihe, Spitzenfächer, Phantasiepilze. Die Korallenriffe wiederum sind die Voraussetzung für dieses überdimensionierte Aquarium, das Taucher aus aller Welt anzieht. Wo sonst können sie so riesige Schwärme rotweiß gestreifter Harlekin-Stoßzahnfische, blaufleckiger Zackenbarsche, schwarzgelber Halfterfische, großer Schnapper und Haie sehen? Im Laufe des Tages verändert die tropische Sonne die Farben des Meeres. Die klaren Türkis- und Blautöne werden in flüssiges Silber verwandelt. Auf der Rückfahrt zur Insel dösen alle Passagiere vor sich hin. Keiner ist mehr in der Lage, noch weitere Eindrücke aufzunehmen. Um diese Faszination der starken Farben erleben zu können, mußten Europäer seit jeher eine Menge Mühe und Aufwand an Zeit und Kosten in Kauf nehmen: Bis zu 40 Stunden dauert der Flug von Deutschland nach Australien, wenn mehrere Stopps die Route zerstückeln. 25 Stunden beträgt die kürzeste Anreisezeit. Wir erreichen Melbourne, den Ausgangspunkt unserer Rundreise, total zerschlagen. Die Geschäftsmetropole Victorias, die ständig im Kampf mit Sydney liegt, wer nun Australiens heimliche Hauptstadt ist, hat drei Millionen Einwohner, Sydney etwas mehr. Offiziell wurde Canberra, eine Stadt aus der Retorte, 1927 Bundeshauptstadt, damit der Einfluß der beiden Millionenzentren nicht auf die Regierung durchschlagen konnte. Melbourne, für sportbegeisterte Europäer immer noch die Stadt, die 1956 die Olympischen Sommerspiele ausrichtete, bietet wenig, um müde Krieger munter zu machen: das Modern Art Center mit Galerien und Experimentiertheater, der Königliche Botanische Garten mit Freiluftkonzerten, der Sherbrooke Forest, Ziel der Wochenendausflügler, die guten Sportanlagen natürlich, aber sonst? Die quadratisch angelegte Stadt spielt für Besucher wohl mehr die Rolle des Starthelfers zur Australien-Rundreise. Es regnete, als wir uns auf die vielgerühmte romantische Küstenstraße nach Westen begaben. Als Fahrzeug dienten uns Leihwagen (alle bekannten Marken sind erhältlich). Nach unseren Ansprüchen sind die Station Cars lebensgefährliche Klappermühlen. Das Schlimmste waren die indirekte, seifige Lenkung und die total ausgeschlagenen Achsenschenkel, die in Verbindung mit den losen Geröllrändern der Straße den Wagen wild tanzen ließen. Eine lebensgefährliche Polka über den Prince’s Highway (Nummer 1) in Richtung Geelong, der zweitgrößten Stadt Victorias. Die Landschaft und die eingebetteten Orte sind eine interessante Mischung. Satte grüne Weiden, sanfte Hügel wie in Mittelengland und kleine an den Highway gelehnte Nester mit einstöckigen Ziergiebelbauten, wilden Reklame- tafeln und knallbunten Tankstellen, frappierend ähnlich den Siedlungen amerikanischer Südstaaten. In Geelong, hinter dem unbefestigten Naturhafen, der weitläufigen Port Philip-Bucht, verlassen wir die Hauptverkehrsader und folgen der kurvigen Strecke entlang dem Indischen Ozean. In Lorne kehren wir im ältesten Gasthaus (ohne Namen) an der Küste ein: holzgetäfeltes Zimmer mit vergilbten Fotos an den Wänden. Es gibt nur ein Gericht: köstliche Muscheln in Weißwein. Bis zum Fischerdorf Apollo Bay beherrschen bizarre Strandfelsen, Ergebnis jahrtausendelanger Erosion, das Bild. Höhepunkt der Landschaftszene sind die Twelve Apostles, zwölf freistehende Felsspitzen im Meer, eines der begehrtesten Fotomotive des Kontinents. Als wir das altchristlich benannte Kliff-Klippenbild mit der tosenden Brandung vor der Steilküste bewundern, entwickelt sich auch das Wetter biblisch. Ungefähr so muß es geregnet haben, bevor Noah seine Arche zu Wasser ließ.Am späten Nachmittag erreichten wir Adelaide. Im Gegensatz zu Melbourne ist der Regierungssitz von Südaustralien geradezu eine Perle. Hier ist die Kombination geglückt, moderne Bauten und liebevoll gepflegte Fassaden aus der Kolonialzeit mit viktorianischem Charme behutsam zusammenzufügen. Weitläufige Parks mit schönen eleganten Brunnen und wuchtigen Denkmälern signalisieren Reichtum. Die Stadt sieht so aus, wie sich die Bürger fühlen: besser als die anderen. Die Väter waren eben ausschließlich Siedler, keine Strafgefangenen .  wie in anderen Städten.
- Obwohl die Produktionsstätten der Automobilindustrie außerhalb der Stadt liegen, galt Adelaide lange als das Detroit Australiens. Spätestens seit 1960, als das nunmehr alle zwei Jahre stattfindende Kunst-Festival gegründet wurde, gilt es als Australiens kultureller Trendsetter. In Adelaide wurden Attraktionen wie Menuhin, Nurejew oder die Royal Shakespeare Company erstmals auf dem fünften Kontinent offeriert. Auf dem Festspielgelände realisierte der deut- sche Künstler Otto H. Hajek für rund 55 Millionen Mark eine »Vision von begehbaren Plastiken« von einer mit Farbwegen überzogenen Landschaft im großzügigen Maßstab. Da gibt es Teiche, Lichtspiele und Springbrunnen mit dem elf Meter hochragenden Stadtzeichen in Blau, Rot und Gelb. Der optisch schönste Platz ist allerdings immer noch der Victoria Square, umrahmt von der St. Francis Xaviers’s Cathedral, dem State t    Administration’s Centre und dem aus Sandstein erbauten Treasury Building. Der nachts angestrahlte Springbrunnen in der Mitte des Platzes, Victoria Square Fountain, wurde von John Dowie entworfen, die drei gewaltigen Wasserfontänen stellen die Flüsse Torrens, Onkaparinga und Murray dar. Von diesem zentralen Punkt kann man zu Fuß das Einkaufszentrum, die großzügigen Sportanlagen und alle Sehenswürdigkeiten erreichen. In dem Spezialitätenrestaurant The Grange im Hilton fanden wir eine der besten Küchen Australiens. Das ist überhaupt eine grundsätzliche Erfahrung auf diesem Kontinent. Anders als in Europa, wo das kulinarische Erlebnis in Feinschmecker-Tempeln oder in kreativen Küchen kleiner Bistros gepflegt wird, zünden hier Hotelküchen die wenigen Glanzlichter. An der Spitze die Hiltons in Adelaide und Sydney. Der Wein hat nach Adelaide den kürzesten Weg. Er kommt aus dem Barossa Valley. Hier lebten der Rheingau und Oberbayern, werden deutsches Winzerleben und Gasthausgemütlichkeit gepflegt.