Sep 1

Es ist ähnlich wie mit den Muscheln, die, von den Heimkehrern den Freunden zu Hause ans Ohr gedrückt, das ewige Rauschen des Meeres vermitteln sollen: Wer von seinem Kajütenbett auf der Queen Mary nur lange und intensiv genug auf das messinggefaßte Schiffsbullauge schaut, glaubt, tief im Rumpf des Ozeanriesen das kräftige Brummen der drei Schiffsmotoren zu hören — dabei ist es nur die zu laute Klimaanlage. Das Gefühl, als Promenadendeck-Passagier den Atlantik zu überqueren, wird bei Übernachtungen im Hotelschiff gratis vermittelt. Das RMS (Royal Mail Ship) Queen Mary, einst Englands größtes und elegantestes Schiff, liegt seit 1967 fest verankert an Pier J, Long Beach bei Los Angeles. Der mehr als drei Jahrzehnte lang luxuriöseste Dampfer der Welt ist heute »nur« noch eine Nobelherberge mit Atmosphäre der dreißiger Jahre und gleichzeitig Schiffsmuseum, vollgestellt mit Erinnerungen aus jener Zeit. Der 1930 in Schottland auf Kiel gelegte 81000-Tonnen-Liner war zu seiner Zeit auf dem Atlantik konkurrenzlos. Heute quält er sich im harten Wettbewerb mit den modernen Luxushotels an der Long Beach-Küste. Obwohl schon im ersten Jahr eine halbe Million Amerikaner das »Traumschiff« besichtigten und die 382 Kabinen sowie acht Suiten als Hotelzimmer häufig ausgebucht waren, kostete die Instandsetzung des Riesen derart viel, daß jährlich ein Defizit zwischen drei und fünf Millionen Mark errechnet wurde. Zum Glück für alle, die diese ausgefallene Art zu wohnen und die Eleganz der dreißiger Jahre beim Candlelight-Dinner erleben wollen, hat das Unternehmen Wrather Corporation die Queen Mary aufgekauft, noch einmal zehn Millionen Renovierungskosten investiert und das Schiff für die US-Westküste »gerettet«. Ein Besuch an Bord— so stellte Ex-Präsident Richard Nixon fest — »ist ein Schritt in eine vergessene, glanzvolle Zeit«. Das Walnußholz in den Gängen duftet noch, die dienstbaren Geister tragen wie einst Steward- Uniformen. Die Schiffskabinen mit den metallbeschlagenen Mahagoni-Möbeln haben nichts vom alten Reiz verloren. Wer Glück hat, wird wie bei der Ozeanüberquerung vom Kapitän begrüßt. Kapitän nächte sind hier heiß wie Hochsommertage unseres Landes. Dieses konstante Klima war es, das den millionenschweren Bauunternehmer Ken Irwin veranlaßte, den Privatclub La Mancha zu bauen, wertvoll eingerichtete Villen mit eigenem Pool, Blumenterrasse und Tennis- platz. Hier im Club komponierte Burt Bacharach, hier wurden die Watergate-Memoiren niedergeschrieben. Bei einem Ausflug durch die Steinwüste den Blauen Bergen entgegen flimmert die Hitze auf der Motorhaube. Nach 15 Minuten Fahrt ins Hochland, vorbei am Living Desert Reserve, erreicht man die Seilbahn, die Touristen für 21 Mark in 3000 Meter Höhe und zurück bringt. Vom Mount San Jacinto hat man einen einmaligen Ausblick über die unendliche Weite der Wüsten und der Prärie, auf Berge mit schneebedeckten Spitzen und tiefe Schluchten. Ein bißchen atemlos sind sie alle hier oben, weil die Luft so dünn ist, vielleicht aber auch aus Andacht, einen Zipfel des verlorenen Paradieses vor Augen zu haben. Der Kontrast zwischen der Ruhe der Berge und dem 24-Stunden- Wirbel von Las Vegas, der nächsten Station im Südweststaaten-Angebot, kann kaum größer sein. Doch selbst die Sun Corner-Besucher, die einen so stark verkümmerten Spieltrieb haben, daß sie die Slots, bei uns »einarmige Banditen« genannt, ungefähr mit soviel Begeisterung anfassen wie eine defekte Luftpumpe, sollten Las Vegas nicht von der Reiseroute streichen. Mindestens zwei Gründe gibt es für einen Besuch: die zweifelsfrei phantastischsten Shows der Welt — im Frontier- Hotel gastieren Siegfried und Roy, im MGM Dean Martin, im Stardust die Lido-Show und in Union Plaza die Broadway-Truppe um George Maharis —, und den Flug mit ein- oder zweimotorigen Chartermaschi- nen von der Spielerstadt zum Grand Canyon. Die Piloten der Gesellschaft, allesamt langgediente Kampfflieger der US Air Force, machen aus jedem Rundflug ein atemberaubendes Luftabenteuer. Das sanfte Gleiten über dem Kaibab-Kalkgestein der oberen Schicht des 446 Kilometer langen und 29 Kilometer breiten Canyons bricht jäh mit einem Sturzflug in die Schlucht ab, hinein in die Wildnis aus Stein, tief hinab in purpurne Abgründe über dem reißenden Colorado. Oft, so berichten Flugzeugführer, sind die Gäste, die fotografieren wollten, von dem Anblick derart fasziniert, daß sie vergessen, den Auslöser zu betätigen. Die Maschine wird über scharlachroten Klippen stabilisiert, unter steinernen Regenbögen hindurchgelenkt und schwebt dann über immer neue violette Abgründe, spitze Säulen, abgeflachte Kegel in Rot, Gold und Orange zum Grand Canyon-Flughafen im Nationalpark. Wer hier oben auf dem zugigen Hochplateau am Rande des Naturwunders für einen Spaziergang aussteigen will, sollte beim Abflug an warme Kleidung denken, auch wenn auf dem Flugplatz in Las Vegas bei 30 Grad Celsius im Schatten die Hitze über dem Asphalt flimmert. Während die Grand Canyon-Besucher Natur pur erleben, rattern in den beiden Vergnügungszentren auf dem Strip und im Stadtzentrum der 550000-Einwohner-Stadt Las Vegas ohne Pause die Spielautomaten. 38406 Slots werden in Hotelhallen, Restaurants und Spielkasinos rund um die Uhr gefüttert, mit Blinken, Aufleuchten, Klingeln und Rattern verabschieden sie pausenlos erfolglose Spieler. Ganz selten nur ist das Scheppern von Münzen zu vernehmen, die mit viel Druck in den Auffangtopf gespuckt werden. Viele hören dieses für Spieler so begeisternde Geräusch und wechseln auch den letzten Dollar in der Hoff- nung, ebenfalls Gewinn zu machen und mit den Automaten das Glück herbeizwingen zu können. In den 27 Hochzeitskapellen an den Ecken der knallbunten, neonleuchtenden Straßen geht man ähnlich leichtfertig mit dem Glück um. Ohne Wartezeit und viele Fragen wurden im letzten Jahr 56510 Paare getraut, für 60 Dollar einschließlich Musik und Kerzen. Die kürzeste Verbindung, die in der 1829 gegründeten Westernstadt geschlossen wurde, hielt ganze drei Tage, eine von exakt 9748 Scheidungen in der Spielerstadt wurde aktenkundig. Auf dem Highway 15 südwärts und später auf der »5« entlang der Küste oder aber mit dem gewaltigen weiß-blau-rot lackierten Amtrak- Zug (Schlafkojen und Restaurant im 1. Stock) erreicht man den südlichsten Punkt der US-Sonnenecke, San Diego, ebenfalls unser Zielort auf der A 1. Diesmal erreichen wir die Stadt von Osten. San Diego, wo Kalifor- nien einst begann, als 1542 der portugiesische Eroberer Cabrillo landete, ist mehr Erholungsoase und Ort gelöster Unterhaltung als turbulente Großstadt. Genau in diesen Rahmen passen die beiden schönsten Hotels im Südwesten der USA: das Westgate und das Del Coronado. Viele werden den Coronadokomplex mit Türmchen und roten Ziegeldächern in der Orange Avenue wiedererkennen. Das Lieblingshotel des Ex-Präsidenten Richard Nixon war die Kulisse für Marilyn Monroes Film Some like it hot. In einem kleinen Hausmuseum wird dem Gast nicht ohne Stolz verkündet, daß das Coronado das erste Hotel Amerikas mit elektrischem Licht war (1880).