An den Ufern des dunkelgrünen Saquenaystroms im kanadischen Osten bricht sich der langgezogene Signalruf der Schiffssirene. Die schlanke weiße Royal Viking Sky verlangsamt die Fahrt bis zum Stillstand. Die meisten der 500 Gäste an Bord drängen sich auf dem Promenaden- und Skydeck nach Steuerbord. Mitten in der Wildnis auf einem Felsen hoch über dem Fluß leuchtet ein steinernes Marienbildnis. Andächtige Stille an Bord breitet sich aus. Nur das Klicken der Kameraauslöser ist zu hören. Doch mit einem Mal ist es mit der Ruhe vorbei. Aus den Lautsprechern ziehen in voller Tonstärke leicht verzerrte Klaviertöne in die Einsamkeit. Die Stimme eines Tenors kommt vom Band und schmettert A-v-e M-a-r-i-a. Gutgemeinte Untermalung auf amerikanisch. Die Natur hat den Nebelvorhang, der zwei Tage lang den Fluß, der bei den Siedlern einst als Zivilisationsgrenze galt, einhüllte, einen Zipfel weit gelüftet. Zwischen den heißen Augusttagen und dem Beginn des Indian Summer mit prächtigen Oktobertagen und roten Wäldern an den Ufern verhindern hartnäckige Nebel oft lange Zeit die Sicht. Fünf Tage sind die Vergnügungsreisenden mittlerweile an Bord eines der luxuriösesten Kreuzfahrtschiffe der Welt. Wo in anderen schwimmenden Hotels vergleichbarer Größe 1000 bis 1300 Gäste zusammenleben, verlaufen sich die 500 Passagiere (730 sind möglich) hier auf den zehn Decks. Der bedeutendste Kreuzfahrtführer Fieldings hat den drei baugleichen Viking-Schiffen über die höchste Auszeichnung hinaus das Prädikat »Fünf Sterne Plus« gegeben. Auch die eingeschlagene Reiseroute hebt sich von den »alltäglichen« Vergnügungsreisen auf den Meeren des amerikanischen Großraums deutlich ab. Während von Miami an manchen Tagen eine ganze Flotte Vergnügungs-Liner in Sichtabständen Kurs auf die karibische Inselwelt nimmt, entschloß sich das RVL-Management zu zwei Routen nach Norden: die Royal Viking Star fährt sechsmal in der Sommersaison von San Francisco nach Alaska, gleitet von New York die Neuengland-Küste entlang nach Montreal und zurück. Wer diese Kategorie Kreuzfahrtreisen bucht, spricht nicht über Geld. Sei’s drum. Die Zwei-Wochen-Reise kostet ab 6180 Mark pro Person. Experten, die Kabinenpreisspiegel kennen, wissen selbstverständlich, daß man für eine »Außen« mittlerer Güte zirka 10000 Mark ohne Trinkgelder rechnen muß, das Penthouse kostet doppelt soviel. New York haben wir im Abendrot verlassen. Nach Begrüßungschampagner und Farewell-Parties, die amerikanische Gäste stets mit Freunden und Familie lautstark feiern bis der Anker eingeholt wird, gleitet der 205 Meter lange Norweger an der Manhattan-Kulisse vorbei. Die Freiheitsstatue ist in der Dunkelheit schon nicht mehr zu sehen. Später, die Gäste haben bereits an den Rundtischen im Speisesaal Platz genommen, tanzen noch stundenlang die Lichter der Vorstädte vorbei. Das festliche Abendessen wird stets in einer Sitzung serviert. Das bei anderen Kreuzfahrten oft ärgerliche Warten und spätere Platzmachen für die zweite Runde entfällt damit. Für die Küchen-Crew ist das Tempo unglaublich. Alle Gerichte sind ordentlich, sauber verarbeitet, jedoch ist fehlender Pfiff im Finish auch hier der Preis der Geschwindigkeit. Die Sorbets wurden fertig in New York eingekauft und schmecken nach Großpackung, die Stopfgansleber nach grober Leberwurst. Phantastisch sind die Pool-Büfetts, die neben den Mittagsmenüs im Speisesaal und dem schnellen Hamburger-Grill eine dritte Möglichkeit der Abwechslung bieten. 330 Mann Besatzung sind ständig im Einsatz, rennen und rackern; grob gerechnet sorgt ein Crew-Mitglied für zwei Passagiere. Ob man das nun wahrhaben will oder nicht, die fünf Mahlzeiten vom Frühstück bis zum Mitternachts-Büfett sind die Orientierungspunkte des Bordlebens. Für die Phasen dazwischen gibt es überall ruhige, gemütliche Plätzchen. Bars, eine altenglisch ausgestattete Bibliothek und weitläufige Decks. Als Abendprogramm können die Gäste zwischen zwei Shows und einem Film im Bordkino wählen. Das Oberdeck bietet tagsüber fast die Ausstattung eines Sporthotels. Tennis auf verkleinertem Feld mit Holzschlägern, ein Übungsplatz für Golfspieler — die Bälle werden wie auf Japans Hochhausdächern in Fangnetze katapultiert, Tontaubenschießen am Schiffsdeck, Tischtennis und Schwimmen in den beiden Pools (die Crew-Mitglieder haben zusätzlich ihren eigenen). Auf der Neuengland-Route bleiben die Schiffsaktivitäten für alle nur Rahmenprogramm. Die Natur ist hier eine Freilichtbühne in Silber und Blau. Am Tage nach der Abreise erreichen wir Nantucket (Massachusetts), einst der größte und wichtigste Walfängerhafen der Welt. Am Wasser stehen heute noch die niedrigen schindelgedeckten Häuschen, und die kopfsteingepflasterte Hauptstraße wird von hellen Bauten im Kolonialstil gesäumt. Die stille Romantik des 17. Jahrhunderts wurde für gehetzte Ausflügler um die Jahrtausendwende konserviert: hübsche hölzerne Kapellchen, ein alter Leuchtturm, Pferdeschmied und Entenschnitzer und in der Ferne Cape Cod, wo 1620 die Pilgerväter als erste Auswanderer landeten. Zurück an Bord macht uns John aus Newport auf eine Menge Seevögel aufmerksam, die winzige Inseln im weiten Meer als Start- und Landeplatz nutzen. Beim Näherkommen verschwinden die Vogelinseln, und die Tiere flattern hoch. Jetzt ist es auch ohne Fernglas zu erkennen: Wale, 40 bis 50 dieser Riesensäuger passieren das weiße Schiff, tauchen, blasen Fontänen in die Luft und setzen ihre Wanderung nach Süden fort, ganz ohne Hast. Der Landausflug in Charlottetown, eingebettet in sanfte Hügel der Prince Edward-Insel, ist wohl mehr eingeplant, um sich die Füße zu vertreten, als um Bewegendes oder Erbauliches zu entdecken. Zwei Ausnahmen im tristen Einerlei: das Province House, wo Kanadas Geschichte begann. Hier fand 1864 die Konferenz statt, die zur Vereinigung des Landes führte. Wer von den Romanen Lucy Maud Montgomerys fasziniert ist, der wird selbstverständlich auch zum Farmhaus Green Gables hinausfahren, Schauplatz der meisten Erzählungen. Kreuzfahrtgäste, die allerdings eine Stadtrundfahrt im zweistöckigen Bus machen, erfahren lediglich, welcher Bauer die besten Kartoffeln anbaut und wer die dicksten Eier verkauft. Am Abend vor der Ankunft in Montreal, der aufregenden französisch-kandischen Stadt und Wendepunkt für die Sky, feierten wir das wöchentliche Etappenziel in der Prinz Olaf-Lounge des Schiffes. Passagiere, die sich rechtzeitig anmelden, finden auf dem neunten Deck einen stilvollen Rahmen für ein intimes Candlelight-Dinner. Die sieben Gänge des Menüs werden mit Pianoklängen begleitet, ein bißchen Rachmaninow im Wechsel mit Clayderman-Romantik. Zur Abrundung des Salzburger Desserts serviert ein Trio ein Viertelstündchen Mozart und obendrauf »die Träumerei« als Zugabe.
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