Kurs auf die bunten Inseln im Sonnenlicht

Die weiße Sagafjord gleitet mit halber Kraft durch die Silver Bank Passage, 20. Breiten-, 68. Längengrad, südlich Caicos Islands, die zu den Bahamas gehören. Vom wuchtigen Stampfen der Maschinen bei Vollast ist nur ein leichtes Vibrieren geblieben. Irgendwo im Dunst am Horizont muß die Insel Hispanola liegen. Zu erkennen ist sie nicht, doch Albatrosse, die dem Schiff in eleganten Schwüngen folgen, kündigen sie bereits an. Ein karibischer Morgen. Erstes, noch bläuliches Licht flirrt über dem Ozean. Wohlige 23 Grad signalisiert das Bordthermometer. Im Laufe des Tages wird das Quecksilber klettern, auf 27 Grad, vielleicht höher. Drei Tage und Nächte erleben die 500 Passagiere nur die See. Rundherum nichts als Wasser und vom dritten Tag an die strahlende Sonne am wolkenlosen Himmel. Fliegende Fische, in deren transparenten Flossen sich die Sonne spiegelt, werden von den Decks eifrig fotografiert. Die Fische und die Wasservögel bleiben die einzigen Lebewesen, die die Passagiere auf diesem Teilstück der 14-Tage-Reise zu sehen bekommen. Morgen früh werden wir Roadtown auf Tortola erreichen, das erste karibische Ziel auf den Virgin Islands. Danach jeden Tag eine andere Insel; ein farbiger Bilderbogen, neue Attraktionen. Abgelegt hatten wir mit Spektakel an einem eiskalten Spätnachmittag in New York. Als die bunten Luftschlangen als letzte Verbindungen zur Kaimauer zerissen und der mächtige weiße Schiffsleib behutsam abrückte, schmetterte die Bordkapelle das Lied vom Sternenbanner und ein paar Seemannssongs. Amerikaner feiern den Beginn der Kreuzfahrt übermütig; eine verrückte Mischung aus Erntedank und Karneval. Der 25000-BRT-Luxusliner schob sich an der ManhattanKulisse vorbei, in den Kabinen knallten die Champagnerkorken. Die Freiheitsstatue war in der Dunkelheit schon nicht mehr zu sehen. Zu dem Zeitpunkt hatten die Gäste bereits den Stammplatz im Speisesaal gefunden. Draußen tanzten die Küstenlichter. Aufregung bescherte Gesprächsstoff. Eine gewaltige Welle, die einen Stabilisator blockierte, ließ die Sagafjord zur Seite kippen. Im großen Unterhaltungssaal kugelten die Menschen durcheinander. Der weiße Flügel löste sich aus der Verankerung, schoß quer durch den großen Raum und zerschellte an der Wand. Zum Glück wurde niemand ernsthaft verletzt.Am zweiten Tag erreichte das Schiff bei ruhiger See den Frühling und den Sommer am dritten. Da hatten die meisten Gäste bereits mit wackeligen Pendelschritten einen Marsch über die oberen der neun Decks gewagt und die Jogger die ersten Runden absolviert. Spencer und Richard, die beiden weißhaarigen Animateure, rangelten auf dem hinteren Upper Deck um jeden Zentimeter Platz. Richard organisierte Turniere an der grünen Tischtennisplatte. Unmittelbar daneben ließ Spencer eine lange Schlange Golfer Bälle in ein Fangnetz dreschen. Durch die starken Schwankungen mußten die Deck-Sportler in beiden Lagern ihre Beine mehr kontrollieren als die Bälle. Das Platzproblem löste sich mit nachlassender Aktivität der Gäste , die mit jedem Tag gelöster und träger wurden. An Essen und Unterhaltung rund um die Uhr hatte sich jeder schnell gewöhnt. Für die Küchencrew blieb das unglaubliche Tempo eine stän- dige Herausforderung. Im Gegensatz zu den meisten anderen Kreuz- fahrtschiffen gibt es auf der Sagafjord nur eine Sitzung im Speisesaal. Das bedeutet Schwerstarbeit für die Küchen- und Service-Brigade. Unsere Sagafjord-Reise von New York aus ist nicht typisch für die Angebote in die meistbefahrene Kreuzfahrtregion der Erde. Normalerweise startet die weiße Flotte der »Traumschiffe« in Miami oder Fort Lauderdale. Aus diesen Häfen erreichen sie den bunten Inselbogen bereits nach einem kurzen Sprint. Die Rundreisen zu den Großen und Kleinen Antillen, stets mit einem Stopp im Einkaufsparadies St. Thomas kombiniert, sind ganz auf die amerikanischen Reisegewohnheiten zugeschnitten: acht Tage, zehn Tage, selten länger. »Kurztrip zu para- diesischen Eilanden«, lockt die Werbung. Lauter Paradiese? Schöne Flecken mit Sonnengarantie, aber knallharten Geschäftsmethoden. Doch wer am Abend zurück aufs Schiff geht und neuen Eindrücken entgegenfährt, den stört das nicht besonders. In langer Reihe, nur durch die Weite des Ozeans unsichtbar füreinander, nehmen die Nordic Prince, die Sun Viking, die Royal Viking Star oder die SS Norway, dieser Gigant mit 1860 Passagieren an Bord, Kurs auf die Inseln, die nach Calypso klingen und aus Träumen geboren sind. In Puerto Ricos altem Hafen San Juan liegen stets etliche nebenein- ander—ein Festival der Musikdampfer. Während auf anderen Inseln die Souvenir- und Klimbimläden erst aufgeschlossen werden, wenn ein Schiff in den Hafen einläuft, hat San Juan Hochbetrieb ohne Pause. Die Geschäftsleute haben sich speziell auf Kreuzfahrer eingestellt. »Welcome, Song of America«, »Hello, Starward«, oder wie sie auch immer heißen, steht auf großen Plakaten im Schaufenster oder für schnelle Aktualisierung mit Kreide auf Tafeln gemalt. Wer seinen Bord-Paß vorzeigt, bekommt einen Planter’s Punch oder ein kleines Geschenk. »Stolz« stecken wir einen Schlüsselanhänger mit grünem Frosch ein, dem Wahrzeichen von San Juan, und verschenken die Schätze auf der Straße an spielende Kinder. Das scheint häufiger zu passieren, denn die fröhlichen Krausköpfchen rennen postwendend in den Laden und tauschen die Geschenke gegen zwei Streifen Kaugummi. In San Juan kauft man Gold, und in jedem Laden wird auf so hohe Rabatte hingewiesen, daß Mitleid mit den ach so armen Geschäftsleuten das Herz erweicht. Scharen von Gästen spazieren über das holprige Kopfsteinpflaster mit den wunderschönen alten Häuschen, die wie die Kulisse eines geschichtsträchtigen Theaterstücks aussehen. Von buntbemalten Holzbalkonen ranken blühende Kletterpflanzen. In Sichtweite hoch über der Hafeneinfahrt ragt das Kastell Morro, erbaut im 16. Jahrhundert, in den wolkenlosen Himmel. Juan Ponce de Leon, ein Begleiter von Columbus, hatte die Stadt 1521 gegründet und die große geschützte Bucht »Puerto Rico« genannt, was soviel heißt wie »reicher günstiger Hafen«. Columbus aber taufte die Insel San Juan Bautista. Später wurden dann die beiden Namen vertauscht. Puerto Rico bedeutet für die Sagafjord den Wendepunkt zurück nach Norden. Andere Kreuzfahrtschiffe ziehen Zugvögeln gleich weiter nach Süden, der Sonne entgegen. Ihre beliebtesten Ziele sind St. Lucia, die wilde, von zwei Vulkangipfeln bewachte und von tropischem Regenwald überzogene Insel südlich von Martinique, Barbados, das weiter östlich im Atlantik liegt, Frankreichs schönste Tochter Guadeloupe und im Norden des Bogens Jamaica. Aber auch die kleinen, wie Dominica oder die Vulkaninsel St. Vincent, werden angelaufen, vor allem von Großseglern. Insgesamt gut zwei Dutzend Staaten und Territorien mit vier verschiedenen offziellen Landessprachen sind hier zusammengewürfelt, ethnisch, historisch, kulturell, politisch und vor allem vom Aussehen und der Vegetation her grundverschieden. Alles verteilt auf eine Fläche von der Ausdehnung Hamburg-Neapel und Amsterdam-Moskau, mit viel Wasser dazwischen. Der 4000 Kilometer lange Inselbogen, der sich von der Küste Venezuelas bis in die Höhe von Florida hinaufzieht, trägt offiziell noch den Namen, den er von Columbus erhalten hatte, weil er irrtümlich meinte, ganz woanders angelegt zu haben: West- Indien.

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