Bahamas Calypso und Flamingos

Der Saum des Atlantiks ist seidenzart und blütenweiß. Sonnenkringel tanzen im Gegenlicht. Der Himmel strahlt in einem makellosen Azur, wie wir es in Deutschland nur in einem Jahrhundertsommer erleben. Ein vergnügtes Pärchen sitzt am Strand und plätschert mit den Zehen im glasklaren Wasser. Ganz im Hintergrund, dort, wo der Himmel auf einem Spiegel zu ruhen scheint, reckt eine fotogene Palme in kühnem Schwung ihre grünen Wipfel übers Meer. Das unwirklich schöne Titelfoto einer Hochglanz-Broschüre, mit der die Bahamas Appetit auf Urlaub in ihrer farbigen Inselwelt machen. Sie ist Bestandteil neuer strategischer Bemühungen, Europas Touristen — vor allem kapitalkräftige aus der Bundesrepublik — unter erschwerten Bedingungen zurückzugewinnen. »It’s better in the Bahamas« (Werbeslogan). Nachdem das Commonwealth der 700 Inseln und Cays, 35 Flugminuten südöstlich von Florida, jahrzehntelang der Traumurlaubsort schlechthin war, hatten die Bahamesen Anfang der 80er Jahre alles getan, um das Bild vom Paradies auf Zeit gründlich zu demontieren. Mit unrealistisch überzogenen Preisen und teilweise unfreundlichem Service wurden die Gäste aus Europa verprellt. Das Interesse sank so stark, daß die Direktflüge — sowohl Linie als auch Charter — von der Bundesrepublik nach Nassau eingestellt wurden. Der Niedergang in Zahlen: 1980 kamen 140000 Europäer, davon 66000 Deutsche. 1986 besuchten 37000 Touristen aus der alten Welt die Feriendestination, ganze 6000 aus der Bundesrepublik. Jetzt gibt es, sorgfältig geplant, einen Szenenwechsel, wie er krasser kaum vorstellbar ist. Die Preise wurden um 15 Prozent und mehr nach unten korrigiert, der niedrige Dollarkurs kam als zusätzliche, außerplanmäßige Stütze hinzu. Die Regierung der Bahamas investierte Hunderte von Millionen, um die staatseigenen Luxushotels und Unterkünfte auch für Gäste mit höchsten Ansprüchen perfekt zu machen. Durch Schulungen und die Verpflichtung von freundlichem, arbeitswilligem Personal ist der Service in den guten Hotels in Nassau, Paradise Island, Grand Bahama und Eleuthera wieder liebenswert und aufmerksam wie in alten Tagen. Das alles war den Tourismus-Verantwortlichen noch zu wenig. Sonne, Sport und Palmen, Golf auf jeder Wiese, Steelband-Klänge im Ohr, Hibiskusduft in der Nase und Rumpunsch im Glas gibt es schließlich auch auf allen anderen Inseln des karibischen Bogens zwischen Key West und Venezuela, die im harten Konkurrenzkampf mit den Bahamas stehen. Im besten und teuersten Hotel der Bahamas, dem Royal Bahamian Hotel & Villas, das dem Staat gehört, aber unter neuer Regie der Wyndham-Gruppe läuft, erinnerte man sich an den heilenden Schlamm aus dem Hinterland, der bei Rückenproblemen, Rheuma und Tennisarm wahre Wunder wirken soll. Flugs wurde ein komplettes Kurprogramm gezimmert, das sich mit klinischer Kühle krass von der Bilderbuch-Exotik des üblichen Bahamas-Urlaubs abhebt. In unseren Breiten löst die Vorstellung auf den ersten Blick Kopfschütteln aus: zum Kuren auf die Sonneninsel New Providence. Wir haben es ausprobiert. Die gekachelten Räume der Kurabteilung hinter den verschnörkelten Fassaden im Kolonialstil blitzen vor Sauberkeit. Mit einem fröhlichen Lächeln empfangen uns freundliche Bahamesinnen in kurzen gestärkten Kitteln. In schmalen Kabinen legen wir uns auf ein champagnerfarbenes Laken, dann packen uns die Mädchen mit Schwung dampfenden Lehm-Matsch auf den Rücken. Die Heilerde muß vorher wochenlang bei 55 Grad in heißen Becken »reifen«, bevor sie verarbeitet wird. Die 38 Grad warmen Fangoberge auf Schultern, Nacken und Wirbel werden mit etlichen Tüchern abgedeckt, damit die Temperatur in den klimatisierten Räumen nicht absinkt. Dann geht’s unter die Dusche und in den Whirlpool. Wer mag, kann sich anschließend vom Spa-Direktor Charles Bowleg, dem Masseur mit den Riesenhänden, durchkneten lassen. Bis auf die Massage sind alle Behandlungen im Hotelpreis inbegriffen. Die Schönheitsmasken aus Blüten, Heilpflanzen und Gräsern — in der Werbung wird von 400 Einzelsubstanzen gesprochen —, die Falten beseitigen und Frauen schöner machen sollen, sind äußerst preiswert (14 Dollar). Ältere Amerikanerinnen genießen die Behandlung täglich mit nie versiegender Hoffnung. Da der Vergleich fehlt, läßt sich über die tatsächliche Wirkung allerdings schwerlich etwas sagen .. Neues Leben, Glamour und gesteigerte Attraktivität wurden dem Cable Beach mit den übrigen Wyndham-Häusern Ambassador, Cable Beach Hotel und Casino, die im ständigen Wettbewerb mit den Hotels auf Paradise Island liegen, verpaßt. Der Saum des Atlantiks ist hier tatsächlich so blütenweiß, das Wasser so klar wie auf dem Prospektfoto. Durchscheinende und bunte Fische stoßen neugierig die Schwimmer an. Jüngere Urlauber lassen sich von Booten hinausziehen, um am überdimensionierten Fallschirm ein Stückchen in den Himmel zu schweben. Wenn der ZwanzigminutenIkarus das flaue Gefühl im Magen überwunden hat und sich die Augen an die gleißende Helligkeit zwischen Himmel und Meer gewöhnt haben, wird ein Eindruck von einzigartiger Kraft vermittelt. Umweht vom Wind, der an den Halteleinen rüttelt, erkennt man aus dieser Perspektive die Lebenslinien der bedeutendsten Insel des Archipels, die unförmig geschwungene Brücke zum Anhängsel Paradise Island und die Pastell-Farben der Meereszonen ringsum, die türkisfarbenen und veilchenblauen Bahnen um Korallenbänke und Riffe. Nach der Landung im seichten Wasser verwandelt sich der Vogel- Mensch wieder in den einfachen »Snowbird«, wie die Einheimischen die Besucher aus kälteren Gefilden nennen, die es auf die Inseln der Sonne zieht. Ganz in der Nähe wurde der Club MMiterrane in die Bucht gebaut. Mit lautem Programm rund um die Uhr und nachdrücklicher Animation dominiert eindeutig der amerikanische Way of Life. Doch auch wer’s ruhiger mag, kommt beim Sonnenuntergang auf der Landzunge oder auf der Terrasse des weißen Restaurants bei klassischer Musik auf seine Kosten. Es duftet nach Muskat, nach tropischen Blüten und Holz. Nirgendwo schmeckt die Piiia Colada (Kokosmilch, Rum, Lemonen- und Ananassaft mit viel Splittereis) besser als hier. Der Drink kostet übrigens zwölf Kugeln (etwa fünf Mark) aus der Holzperlenkette, weil Bares ebenso verpönt ist wie Trinkgeld. Auch sonst erinnert wenig an den Alltag zu Hause. Am Strand dösend beobachten wir, wie Bahama-Mamas mit Grazie Körbe voller Kokosnüsse und Ananas auf dem Kopf balancieren, dazu gibt es Rum und Reggae, das smaragdgrüne Meer, einen traumhaft schönen Golfplatz unter Palmen — Balsam für streßgeplagte Seelen. Der Vollständigkeit halber sei zugegeben, daß selbst das Paradies kleine Fehler hat. Einmal die Unterkünfte: Sie sind klein und eng, zwar funktionell, doch nur spartanisch eingerichtet.

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