Okt 31

Am 10. Dezember 1898 bestätigte der Friedensvertrag von Paris das Ende des Spanisch-Amerikanischen Krieges und die Übergabe der Philippinen, Puerto Ricos und Guams an die USA — gegen eine Entschädigung von 20 Millionen US$. Im Gegenzug führte Aguinaldo eine rein philippinische Regierung an, um gegen die „Befreier” weiterzukämpfen. Was US-Präsident McKinley als Politik der „wohlwollenden Assimiliation” und als „mildes Regiment der Gerechtigkeit und des Gesetzes” bezeichnete, verurteilte Aguinaldo als „gewaltsame Okkupation”. Die Rebellion gegen die amerikanische Militärregierung eskalierte zum ersten Guerillakrieg Asiens. 120.000 US- Soldaten verfolgten die Truppen der Philippinischen Republik, die mehr als zwei Jahre lang erbitterten Widerstand leisteten. Die dabei äußerst brutal vorgehenden Amerikaner konnten erst 1901 Aguinaldo gefangennehmen, der seine Landsleute aufforderte, die Waffen zu strecken. Doch einzelne Gruppen des Katipunan kämpften bis 1911 weiter. Am Ende zählten die neuen Kolonialherren auf ihrer Seite 4200 Tote, bei den Gegnern waren 16.000 Guerilleros umgekommen. Rund 200.000 Todesopfer hatte die philippinische Zivilbevölkerung zu beklagen — allein 10.000 in Balangiga auf der Insel Samar, wo 1901 die Amerikaner alle Einwohner ab dem zehnten Lebensalter massakrierten! Mit Aguinaldos Schwur auf das Sternenbanner endete der philippinische Freiheitskampf erneut mit einem Kompromiß und in einer Niederlage. Hätte sich die 1898 ausgerufene Republik behauptet, dann wäre es den Philippinen gelungen, als erste asiatische Kolonie das Joch fremder Macht abzuschütteln. Nun mußten sie noch 50 Jahre warten, ehe die Amerikaner ihnen endlich die Unabhängigkeit gewährten. Diese Verzögerung hat — wie noch heute festzustellen ist — das philippinische Nationalbewußtsein erheblich beeinträchtigt.

Okt 31

Ein klangvoller Name, ein exotischer Ort — Manila ist Haupteinreisetor in das widersprüchliche Inselreich der Philippinen. Der Besucher erwartet in der Regel eine fernöstliche Metropole und findet sich in einem eher westlich geprägten Betonmoloch wieder. Dennoch trifft er auf durchweg asiatisches Temperament — Lässigkeit und Chaos inbegriffen. Fast zwölf Millionen Menschen leben hier, und die Folgen des Wachstums sind buchstäblich erdrückend: Gewühl, Lärm, Verkehrsstau überall, Dreck am Straßenrand, Dreck in der Luft. Fast trifft der Begriff Umweltverschmutzung nicht mehr zu, weil man Stunden reisen muß, bevor die Umwelt sichtbar wird. Manila ist eine der ausgedehntesten Städte der Welt — sie bedeckt eine Fläche von 636 qkm!
Manchmal, vorzugsweise während des betörenden Sonnenuntergangs über der Manila Bay, gelingt es, sich vorzustellen, was die Keimzelle des urbanen Ungeheuers einst war: eine kleine Tropensiedlung am Südchinesischen Meer, ein Malaiendorf des 5. Jh. n. Chr. an der fast kreisrunden Bucht, die noch heute einen der besten Naturhäfen der Erde und ein unverändert fesselndes Panorama bietet. Romantik birgt auch der Name: May nilad — „dort, wo weißblühende Wasserpflanzen wachsen” — so hieß der Ort vor der Ankunft der Spanier. Aber am Ufer des trägen Pasig-Flusses wachsen schon lange keine Nilad-Pflanzen mehr. Der Fluß ist heute eine Kloake, über die Manila ungehemmt ins Meer entsorgt wird. Am Pasig begann 1570 die niedergeschriebene Geschichte der Stadt. An seiner Mündung war die Vorhut von Miguel Legazpi auf die hölzerne Festung des Raja Sulayman gestoßen. Zunächst begnügten sich die Spanier mit der Plünderung, um nach einem Jahr unter der Führung von Legazpi den strategisch günstigen Hafenort erneut zu belagern. Sulayman wurde getötet, und am 24. Juni 1571 erklärte Legazpi die „höchst ehrenwerte und immer getreue Stadt” zum Besitz der spanischen Krone. Intramaras, seine neue Festung, liegt noch heute im Zentrum von Manila. „Innerhalb der Mauern” und etwas höher über dem Meeresspiegel, durften zunächst jedoch nur Spanier, allenfalls Mestizos wohnen. Die Indias lebten in den sumpfigen Außenbezirken der Stadt, chinesische Kaufleute mußten sich am Flußufer, in Reichweite der Kanonen, niederlassen. 1584 veranlaßte Gouverneur Santiago de Vera weitere Befestigungen einschließlich des nach ihm benannten Fort Santiago, denn mehrere Angriffe des chinesischen Pira- ten Limahong und lokaler Häuptlinge be- drohten die Besitzung. Manila, nun Hauptstadt der Kolonie und Erzbistum, dehnte sich rasch aus, wurde aber gleichzeitig zum Schauplatz ethnischer Spannungen. Anfang des 17. Jh. brandschatzten Chinesen die Stadtteile Quiapo und Tondo und wagten sogar einen Angriff auf Intramuros. Nur mit Hilfe philippinischer Söldner gelang es den Spaniern, den Aufstand niederzuschlagen. Weitere Angriffe von außen folgten. Mit dem Galeonenhandel wuchs die Bevölkerung erneut — von 42.000 Einwohnern (1650) auf 86.000 (1780) — und Tausende von Chinesen strömten in die Metropole. Mehrere neue Stadtteile wie Ermita und Santa A na entstanden außerhalb der Mauern. Doch auch diesmal kam es zu sozialen Querelen unter den Bewohnern. Um die 1660 erstmals rebellierenden Filipinos „auf den rechten Weg zurückzuführen”, schickte Madrid scharenweise Priester und Mönche, die die Monumente ihres Glaubens in Manila errichteten. Mit dem Bau der San-Augustin-Kirche war schon 1599 begonnen worden; die Santo- Tomas-Universität, Asiens älteste Hochschule, gründeten die Dominikaner 1611. Nach der englischen Besetzung von 1762 bis 1774, als Sack of Manila bekannt, suchte wiederholt die Cholera die Stadt heim. Das Ende des Galeonen-Monopols zwang Manila, sich dem internationalen Markt zu öffnen. Zunächst durften Schiffe aus Asien, dann aus der ganzen Welt vor Anker gehen. Die Eröffnung des Suezkanals 1869 war für die Wirtschaft nur förderlich, während die europäischen Ideen von Freiheit und Unabhängigkeit den Kolonialherren weit weniger gefielen. In Tondo, nahe des Hafens und noch heute Inbegriff von Armut und Proletariat, wuchs Andres Bonifacio auf, der 1892 den revolutionären Geheimbund Katipunan gründete. Mit den Amerikanern hielt deren Anspruch auf Demokratie und Bildung Einzug. Manila, das zwischen 1903 und 1938 von 220.000 auf 620.000 Einwohner anwuchs, übernahm auch hierin die zentrale Position. Die 1908 in Quezon City gegründete University of the Philippines (UP) ist seitdem des Landes führende weltliche Hochschule. Eine Ieidvolle Rolle spielte die Hauptstadt während des 2. Weltkrieges. Nach dem Rückzug von General MacArthur wurde sie 1942 zur offenen Stadt erklärt und von den Japanern besetzt. Zwei Jahre später wurde bei erbitterten Kämpfen der größte Teil der jahrhundertealten spanischen Architektur vernichtet. In den 50er Jahren erlebte Manila die Industrialisierung und seine Wiederbelebung als Handelsknotenpunkt. Das unabhängige Land sollte neue Akzente erhalten: 1948 wurde Quezon City zum offiziellen Regierungssitz erklärt. Monumentalbauten und Wohnkomplexe schossen in den Himmel, um Progressivität kundzutun und die vom Land in die Hauptstadt strömenden Menschen aufnehmen zu können. Auf dem Grundbesitz der einflußreichen Ayala-Familie in Makati entstand das multinationale Geschäftszentrum des Landes, ein Möchtegern-Manhattan. Das Bild vom glitzernden Mekka, das arme Provinzler anlockt, förderten die Marcos ganz gezielt. Imelda verfolgte als Gouverneurin von Manila die Idee, Manila zur City of Man, zu einer für alle lebenswerten Stadt zu entwickeln. Das Bussystem wurde verbessert, Bauland durch Aufschütten eines Teils der Bucht gewonnen. Die Slums mußten von den Präsentierstraßen verschwinden oder wurden wie in Tondo durch hübsche Fassaden getarnt. Dutzende von Gemeinden faßte 1976 eine Anordnung des Präsidenten zum Großraum Manila als Metropolitan Manila, kurz Metro Manila, zusammen. Die Hauptstadt besteht seitdem aus den alten Bezirken — Intramuros, Tondo, Binondo, Santa Cruz, Quiapo, San Miguel, Santa Ana, Ermita, Malate — und Calaoocan im Norden, Quezon City im Nordosten, Pasay im Süden. Dazu zählen 13 weitere Gemeinden: Makati, Mandaluyong, San Juan, Malabon, Navotas, Parafiaque, Las Muntinglupa, Taguig, Valenzuela, Marikina, Pasig und Pateros. Man wollte so die Stadtplanung erleichtern und die öffentlichen Dienste verbessern. Doch der Besucher wird die heutigen Zustände, von den Reichenghettos und geruhsameren Vororten abgesehen, nach wie vor als chaotisch empfinden. Ein Fortschritt ist die 1984 fertiggestellte LRT (Light Rad Transit) oder Metrorail, eine Schnellbahn zwischen Caloocan und Baclaran im Süden. 1992 wurde mit dem Bau von Hochstraßen begonnen, die ebenfalls zur Entflechtung beitragen sollen. Mängel im Straßenbau, eine veraltete Kanalisation und Stromausfälle wirken sich zur Regenzeit besonders schlimm aus. Dann stehen ganze Stadtteile unter Wasser, verstopft Müll die Abflüsse, bedingen Kurzschlüsse Brände. Dicke Luft und Transportprobleme sind wohl die größten Hindernisse, wenn man Manila ausgiebig kennenlernen will. Mit den Jeepneys, die zu Zigtausenden durch die Stadt pendeln, und Bussen fährt man billig, aber unbequem, da sie meist hoffnungslos überfüllt sind. Taxis verkehren zuhauf, werden aber nur zögernd modernisiert.

Okt 30

Am 8. Dezember 1941, kurz nach dem Angriff auf Pearl Harbour, landeten japanische Truppen in den Philippinen. Trotz größten Widerstandes der vereint kämpfenden Filipinos und Amerikaner hatten sie bald Manila eingenommen. Die Alliierten unter General Douglas MacArthur zogen sich auf die Bataan-Halbinsel und auf die Festungsinsel Corregidor vor Manila zurück. Massiv griffen die Japaner die letzten Bastionen der Verteidiger an, bevor sich diese am 6. Mai 1942 ergeben mußten. MacArthur hatte Corregidor bereits verlassen. “I shall return!” waren seine berühmten Worte — ein Versprechen, das er zwei Jahre später einlöste.
Noch vor ihm war Präsident Quezon in die USA geflohen. Seine Regierung hatte er angewiesen, zwischen den Japanern und der Bevölkerung zu vermitteln. Viele der im Land gebliebenen Angehörigen der philippinischen Elite arbeiteten im Eigeninteresse mit den Besatzern zusammen. Quezon selbst starb 1944 im Exil, ohne seine Heimat je wiedergesehen zu haben. Mittlerweile waren die Japaner bemüht, das philippinische Volk für sich zu gewinnen. Unter dem Slogan „Asien für Asiaten” verordneten sie einige nationalistisch verbrämte Reformen, wie den Ersatz des Englischen durch Tagalog in Unterricht und Verwaltung. Indes blieb die Mehrheit der philippinischen Politiker und Bevölkerung pro-amerikanisch gesinnt, und im Untergrund organisierte sich der Widerstand. Schon zu Friedenszeiten hatten Filipinos den Großteil der amerikanischen Truppen gestellt. Sie kämpften nun in der Guerilla weiter, der japanische Terror ließ sie im Lauf der Zeit auf über eine Viertelmillion Mitglieder anwachsen. 1943 gingen die Japaner so weit, eine „Philippinische Republik” auszurufen, und eine Marionettenregierung unter dem Richter Jost Laurel als Präsidenten wurde eingesetzt. Andererseits bekräftigte der Kongreß in Washington die zehn Jahre alte Zusage, den Philippinen die Unabhängigkeit zu gewähren. Damit vollzog sich auf der historischen Bühne das groteske Gerangel zweier Kolonialmächte, die sich mit Souveränitätsangeboten an ihr Beuteland gegenseitig überbieten wollten. Im Oktober 1944 löste immerhin General MacArthur sein Versprechen ein. Mit vier Divisonen landete er auf der Insel Leyte. Von dort kämpften sich die Alliierten bis Manila durch. In einer fürchterlichen Schlacht wurde die Hauptstadt zurückerobert, und die Japaner flüchteten in den Norden Luzons. Nach monatelangem Wüten endete der Krieg, der über eine Million Filipinos das Leben kostete. Nach Quezons Tod war Osmefia 1944 im Exil als Präsident des Commonwealth nachgerückt. Der Befreier MacArthur unterstützte jedoch Manuel A. Roxas, der zwar als Kollaborateur der Japaner galt, insgeheim aber mit den USA zusammengearbeitet haben soll. 1946 gewann Roxas die Präsidentschaftswahlen des philippinischen Commonwealth. Am 4. Juli, an dem Tag, an dem auch die Amerikaner ihre Unabhängigkeit feiern, wurde die Republik der Philippinen ausgerufen — mit Roxas als erstem Präsidenten des nun formell unabhängigen Inselstaates.

Okt 30

Für die Amerikaner war das gewonnene Territorium in Südostasien keineswegs ein reiner Segen. Vielmehr stellte die Kolonie in moralischer Hinsicht ein Problem dar. Erst knapp ein Jahrhundert zuvor hatten sie selbst ihre Unabhängigkeit von der britischen Krone erlangt. Seither fühlten sie sich, gestützt von der ältesten demokratischen Verfassung der Welt, als Vorreiter für die Ideale von Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit. Doch schon zur Jahrhundertwende stand der demokratische Anspruch in krassem Widerspruch zur Realität des Kapitalismus. Auch der US-Imperialismus war lediglich auf wirtschaftlichen Vorteil bedacht: Märkte beherrschen, günstig handeln, und durch Militärstützpunkte den eigenen Interessen mehr Gewicht verleihen. In den Philippinen rechtfertigte sich die amerikanische Herrschaft von Anfang an mit der angeblich demokratischen Mission: Eine politisch unreife Kolonie sollte zur Unabhängigkeit erzogen werden. Bis dahin wollte man sich mit ihren wirtschaftlichen Früchten begnügen. Nach den Erfahrungen unter den Spaniern akzeptierten die Filipinos diese Einstellung zunächst gern. Die Amerikaner ernannten ihren späteren Präsidenten William Howard Taft zum Zivilgouverneur des Landes und stellten ihm eine Legislaturkommission zur Seite. Die Verwaltung der Städte und Gemeinden aber wurde in philippinische Hände gelegt. Eifrig machten sich die Amerikaner an die Erneuerung des Schulwesens. Hunderte von Lehrkräften wurden aus den USA zu den Inseln gesandt, und bald verstanden die Filipinos Englisch besser als die Sprachen ihrer Landsleute. Besonderen Eindruck aber machte die Entscheidung der Kolonialregierung, die Besitztümer der Kirche zu erwerben und an Filipinos zu verkaufen. Die Anerkennung, die diese Maßnahmen den neuen Herren einbrachte, ist auch heute noch nicht ganz verschlissen. Weiterhin gelten die USA bei weiten Teilen der Bevölkerung als das „Gelobte Land”, und so manche Eigenart des „American way of life” hat hier feste Wurzeln geschlagen. Ab 1907 forcierten die Amerikaner die politische Emanzipation. Sie setzten eine philippinische Versammlung ein, die mit gesetzgebenden Befugnissen für regionale Angelegenheiten zuständig war. Das Wahlrecht blieb zunächst den lese- und schreibkundigen Männern vorbehalten — die Frauen durften erst ab 1936 zu den Urnen — doch die Demokratie fand raschen Zuspruch. 1916 wurde mit dem Jones-Gesetz versprochen, die Unabhängigkeit der Philippinen anzuerkennen, sobald dort eine stabile Regierung im Amt wäre. Die anhaltende Abhängigkeit aber beunruhigte die Filipinos. Unter Führung von Manuel Quezon und Sergio Osmeiia bildeten sie die Nationalistische Partei, die bald Gesandte nach Washington schickte. Eine erfolgreiche Aktion, denn den Philippinen wurde gestattet, einen Senat nach amerikanischem Muster — mit Quezon als gewähltem Präsidenten — einzurichten. Auch in Rechtsprechung und Exekutive übernahmen bald Filipinos die führenden Ämter. Wirtschaftliche Reformen waren allerdings weniger begünstigt. Schon 1909 erlaubte ein Freihandelsabkommen die zollfreie Einfuhr für philippinische Agrarprodukte in die USA, die ihrerseits aber vorwiegend verarbeitete Güter nach Fernost verschifften. Unter diesen Bedingungen konnte sich eine einheimische Industrie kaum entwickeln, lediglich die großen Hacienderos und Besitzer von Zuckerfabriken und Reismühlen profitierten davon. Die Konzentration von Ländereien in den Händen der Oligarchie nahm also ständig zu, und die in Washington vorsprechenden Delegationen aus den Philippinen bestanden fast ausschließlich aus Vertretern der reichen Klan-Gemeinde.
1933 rang sich der amerikanische Kongreß endlich dazu durch, ein Datum der philippinischen Unabhängigkeit festzulegen. Heimische Probleme, Depression und Druck durch die eigenen Bauern, die die philippinische Konkurrenz satthatten, steckten hinter dem Angebot. Nach der Unabhängigkeit sollten Zölle für verschiedene Agrarprodukte aus den Philippinen erhoben werden. Nach heftigem Streit zwischen Osmeiria und Quezon wegen des tückischen „Geschenks” aus Amerika billigte die philippinische Volksvertretung ein Jahr später das Tydings-McDuffie-Gesetz. Für die Dauer von zehn Jahren sollten nun die Philippinen den Status eines Commonwealth erhalten. Kurz darauf wurde eine verfassungsgebende Versammlung der Philippinen gewählt, mit einer dem amerikanischen Vorbild sehr ähnlichen Verfassung. Erster Präsident des am 15. November 1935 ausgerufenen philippinischen Commonwealth wurde Manuel L. Quezon mit Osmetia als Stellvertreter. Quezon verstand es geschickt, mehrere soziale Neuerungen gesetzlich zu verankern. Doch die Verwaltung litt weiter unter der Korruption. Die Philippinen näherten sich der formellen Unabhängigkeit wie ein Schiff einer zu engen Hafeneinfahrt, in der die Hoffnungen des solange kolonialisierten Volkes zerschellen mußten. Freiheit wäre nur in völliger, also wirtschaftlicher, politischer und geistiger Unabhängigkeit möglich gewesen. Aber ein radikaler Bruch mit dem „großen Bruder” wäre einer Art Kulturrevolution gleichgekommen, die kein Politiker provozieren wollte. Der fast 400 Jahre lange Kolonialismus hatte Spuren hinterlassen, die das Gesicht der Freiheit verfälschten. Fortan sollten die Philippinen als „Land zwischen Ost und West” gelten — aber nicht, bevor ein letzter Versuch ihrer „Asiatisierung” gescheitert war.

Okt 29

Im Zusammenhang mit den Unruhen in Kuba hatten die USA im Februar 1898 Spanien den Krieg erklärt. Das in Hong- kong stationierte Asien-Geschwader unter Commodore George Dewey sollte Manila einnehmen. Dort lagen schon die Kriegsschiffe von Briten, Franzosen, Japanern und Deutschen auf Reede, um ihre Bürger, aber auch eigene politische Ambitionen zu schützen. Ein Konflikt zwischen der amerikanischen und der deutschen Marine konnte gerade noch vermieden werden. Am 1. Mai vernichteten die Amerikaner die veraltete spanische Flotte, wobei 380 Spanier und nur ein einziger Amerikaner umkamen. Deweys Meldung nach Washington war bezeichnend für die verwirrende Situation: „Habe Philippinen erobert. Was soll ich damit machen?” Mit Deweys Hilfe kehrten Aguinaldo und seine Anhänger in die Philippinen zurück. Ein Bündnis entstand, das sicher der Pragmatik des Augenblicks entsprach, aber auch als historisches Mißverständnis bezeichnet werden kann. Dewey soll Aguinaldo versprochen haben, sich für die Unabhängigkeit einzusetzen, falls sie mit vereinten Kräften die Spanier besiegen könnten. Tatsächlich gelang es Aguinaldo, mehrere Städte südlich von Manila einzunehmen. Am 12. Juni 1898 rief er die Unabhängigkeit der Philippinen aus — ein Datum, das noch heute als Nationalfeiertag in Ehren gehalten wird. Die Amerikaner aber zwangen die Spanier erst am 13. August zur Kapitulation, nachdem sie auf deren Scheingefecht ein- gegangen waren und ihnen so zum „ehrenvollen” Abgang ohne allzu großen Gesichtsverlust verholfen hatten. Sie besetzten Manila, den Truppen Aguinaldos jedoch wurde die Hauptstadt unter Gewaltandrohung verwehrt — ein Befehl, der die Filipinos empörte, weil sie sich um den Sieg betrogen sahen.

Okt 29

Als ein spanisch-philippinisch-chinesischer Mestizo wurde Dr. Jos6 Rizal am 19. Juni 1861 in Calamba geboren. Als einer der Ilustrados, der Nachkommen der gebildeten Oberschicht, also Hacienderos, Beamte, chinesische Kaufleute und uneheliche Kinder der Spanier, begann er sein Studium der Medizin, Philosophie und Literaturwissenschaft an der angesehenen Universität Santo Tomas. Mit 20 Jahren reiste er nach Europa, in die Vereinigten Staaten und nach Japan. In Spanien lernte Rizal den Philippinischen Journalisten Marcelo H. del Pilar kennen, der gegen die Macht der Mönche in seinem Heimatland wetterte. Del Pilar hatte die revolutionäre Zeitschrift La Solidaridad gegründet, für die nun auch Rizal schrieb. Darin riefen die Ilustrados in Spanien nach Reformen: Meinungsfreiheit, Machtbeschränkung der Orden, und — heute eher befremdlich — sie forderten die Umwandlung der Philippinen in eine spanische Provinz, um den Inseln mehr Mitspracherecht zu ermöglichen. Anfangs war also ihr Ziel keineswegs die Unabhängigkeit, sondern die Reform eines archaischen politischen Systems und die Neuverteilung der Macht. Erst kurz vor seinem Tod in Barcelona erkannte del Pilar die Hoffnungslosigkeit seiner Idee, die nach wie vor am erbitterten Widerstand der Kirche scheiterte. Inzwischen war der promovierte Augenarzt Rizal auch in Heidelberg gewesen, wo er Schillers Wilhelm Teil ins Tagalog übersetzt hatte. In Berlin beendete er 1887 sein Hauptwerk Noli Me Tangere („Berühre mich nicht”), in dem er die Mißstände zu Hause anprangerte. Obwohl der Roman, wie auch El Filibusterismo („Die Rebellion”), in die Heimat geschmuggelt die Unabhängigkeitsbewegung beeinflußte, blieb Rizal doch eine zwiespältige Figur. Fast ausschließlich schrieb er auf Spanisch, seine Ideen schwankten zwischen intellektueller Revolte und schrittweiser politischer Entwicklung. Seine abwägende Haltung geht auch auf den Einfluß seines Freundes Ferdinand Blumentritt zurück. Den k.u.k. Regierungsrat und Lehrer, der sich — obwohl nie dort gewesen — bestens mit den Philippinen auskannte, hatte Rizal in Österreich kennengelernt. Gegen den Rat seiner Freunde kehrte er 1892 in die Heimat zurück und gründete die Liga Filipina, eine gemäßigte, reformbestrebte Vereinigung, die weiter die Loyalität zu Spanien und nicht die schnelle Unabhängigkeit anpeilte. Rizal wandte sich gegen die Kirche, aber nicht gegen die umfassende Macht der Kolonialherren. Diese jedoch fürchteten Rizals Einfluß. Er wurde noch im selben Jahr nach Dapitan auf Mindanao verbannt. Seine Schriften wurden verboten, zirkulierten aber im Untergrund weiter und nährten das schwelende nationalistische Feuer. Am Abend vor Rizals Abreise ins Exil gründete sein Freund Andres Bonifacio den Kataastaasang Kagalanggalangang Katipunan ng mga Anakng Bayan — KKK („Höchst angesehene und ehren werteste Vereinigung der Söhne des Landes”), einen Geheimbund mit klar separatistischen Zielen. Im Ausland war Bonifacio nie gewesen, stand aber gerade deshalb dem Volk viel näher als Rizal. Ein Arbeiter und Autodidakt, gewann er binnen kurzem eine große Anhängerschar. Neben der Trennung von Spanien forderte der Katipunan die Landreform. Gleichzeitig kam es auf der anderen Seite der Erde, in Kuba, zur Revolte gegen die spanische Herrschaft. Im Exil meldete sich Rizal freiwillig, um den Spaniern als Militärarzt zu dienen. War es ein Anflug von historischer Ironie, eine kluge taktische Entscheidung oder ein weiterer Beweis seiner politischen Loyalität? Jedenfalls wurde seinem Ansuchen stattgegeben. Rizal war schon unterwegs, als im August 1896 in Manila und den umliegenden Provinzen der Aufstand des Katipunan losbrach. Rizal wurde nach der Ankunft in Barcelona verhaftet und verbrachte die folgenden Wochen als Gefangener im Fort Santiago in Manila. Schließlich verurteilte man ihn zum Tod, angeblich wegen Verschwörung — obwohl er am Aufstand persönlich nicht beteiligt war —, letztlich aber, weil die Spanier ein Exempel statuieren wollten. Am 30. Dezember 1896 wurde Jose Rizal auf dem Campo de Bagumbayan, wo schon die drei Priester gestorben waren, von spanischen Soldaten erschossen. Heute heißt der Ort Rizal Park, und Fort Santiago ist ein Museum. Besonders gut bezeugt die Ambivalenz des philippinischen Unabhängigkeitsstrebens das Gedicht, das Rizal am Vorabend seines Todes in der Zelle geschrieben hat: Mi Ultimo Adios — „Mein letztes Lebewohl”: Die Mehrzahl der Strophen ist, wie fast alles aus Rizals Feder, in der Sprache seiner Henker geschrieben. Eine Hymne ohne Melodie, die noch heute jedes Schulkind auswendig lernt, obwohl kaum jemand noch spanisch spricht. Der Aufstand des Katipunan scheiterte, so wie Rizal es prophezeit hatte. Die Ziele Bonifacios, insbesondere die Landreform, deckten sich nicht mit den Inter- essen der philippinischen Bourgeosie. Bonifacio wurde verraten. Verfrüht hatte er eine Philippinische Republik ausgerufen und sogar Teile der regulären Armee für sich gewinnen können. Deutlich hatte sich der Katipunan erstmals an das „Volk der Filipinos” gewandt, um den kolonialistischen Begriff Indio zu eliminieren. Nach monatelangem Kampf mußten die KKK-Rebellen jedoch in die Berge flüchten. Bonifacio wurde vom Kommandanten seiner Truppe, General Emilio Aguinaldo, kaltgestellt und mit seinen Brüdern am 10. Mai 1897 von Gesinnungsgenossen hingerichtet. Aguinaldo, Bürgermeistersohn aus Cavite, war nun ein Mitglied jener eher obskuren Klasse, der weniger an der Befreiung des Volkes als an der Chance gelegen war, selbst in die Stiefel der Spanier zu steigen. So überrascht es nicht, daß nach Ankunft des neuen spanischen Befehlshabers 1897 der Kompromißvertrag von Biakna- Bato zustande kam. Aguinaldo erhielt eine hohe finanzielle Abfindung und zog freiwillig nach Hongkong ins Exil. Die Spanier versprachen ernsthafte Reformen: Ausweisung der Orden, Vertretung der Philippinen in der spanischen Cortes, rechtliche Gleichstellung der Filipinos mit den Spaniern und die Achtung der Menschenrechte. Oft wird behauptet, daß keine Seite wirklich die Bedingungen des Abkommens zu erfüllen gedachte, sondern daß die Spanier nur ihre Macht festigen wollten und Aguinaldo das Geld annahm, um die Revolution weiter finanzieren zu können. Andererseits war es genau jene Art von Kompromiß, den die philippinischen Führer im Laufe der Zeit noch öfter eingehen sollten. Der wohl eindrucksvollste Moment der Freiheitsbewegung der Filipinos verblaßte schnell im Zwielicht der Geschichte. Denn schon ein Jahr später wurde der Archipel abermals von der Weltpolitik eingeholt.

Okt 28

Im Vergleich zu anderen Kolonien blieben die Philippinen von den Wehen und Innovationen der europäischen Geschichte weitgehend unberührt. Oft heißt es ja, daß Italien besonders durch die Renaissance, Frankreich durch die Aufklärung und Deutschland durch die Romantik geprägt worden seien. Die spanische Psyche aber, und damit auch die der asiatischen Kolonie, wurde besonders durch das Mittelalter geprägt. Erst die weltweite Wirkung der französischen Revolution von 1789 schuf hier Veränderungen. Nun durften sich Filipinos zum Priester weihen lassen. Neben der einheimischen Bourgeoisie bildete sich damit zunächst der Kern einer intellektuellen Schicht. Denn vor 1863 gab es im Land keine öffentlichen Schulen, und selbst danach stand der Lehrplan unter kirchlicher Aufsicht. Höhere Bildung war völlig in der Hand der Orden, die noch heute die angesehensten Universitäten der Philippinen leiten: das Ateneo de Manila der Jesuiten, die von Dominikanern gegründete University of Santo Tomas und die De 1.,i Salle University der La-Salle-Bruderschaft. Dennoch konnten damals weniger als 20 Prozent der Einheimischen Spanisch lesen oder schreiben. Reiche Filipinos, in erster Linie Mestizos, schickten ihre Kinder lieber zur Ausbildung nach Spanien, um der Diskriminierung durch die Kirche zu entgehen. Die Öffnung des Suezkanals 1869 beschleunigte diese Entwicklung. Spanien hatte 1861 den Jesuiten gestattet, wieder in den Philippinen zu missionieren. Natürlich stießen die Mönche dabei auf den Widerstand der einheimischen Priester, die inzwischen die geistige Führung des Volkes übernommen hatten. Zunächst blieb es bei passiver Ablehnung der Verwaltung und des spanischen Klerus. Doch nach zwei Jahren relativ liberaler Kolonialpolitik — in der spanischen Revolution von 1868 war Königin Isabel II. gestürzt worden — begannen mit der Wiedereinführung der Monarchie auch in den Philippinen wieder Restriktionen von seiten der Regierung und der Kirche. 1872 meuterten in Cavite philippinische Söldner. Die Spanier reagierten schnell und grausam. Alle Anführer und drei der Rebellion beschuldigte philippinische Priester, Jos6 Burgos, Mariano Gomez und Jacinto Zamora, wurden durch die Garotte — das noch im modernen Spanien unter Franco benutzte Würgeeisen — hingerichtet. Unabsichtlich hatten die Spanier den Filipinos die ersten Märtyrer im Freiheitskampf geliefert. Ihr Tod löste im ganzen Land eine Sympathiewelle für die Idee einer Befreiungsbewegung aus. Nun fehlte nur noch eine herausragende Führerpersönlichkeit, ein Theoretiker, um das nationale Selbstbewußtsein aufzurütteln.

Okt 28

Zunächst wurde die neue Kronkolonie durch Spaniens Vizekönig in Mexiko verwaltet. Denn zum einen war die direkte Route nach Spanien in westlicher Richtung um Afrika herum zu riskant — hier kontrollierte Portugal. Dann waren den Philippinen laut königlichem Dekret zum Schutz spanischer Produkte nur Exporte nach Mexiko erlaubt. Manila war in erster Linie Umschlagplatz für chinesische Güter — Seide, Porzellan, Parfüm, Gewürze — die nach Acapulco verschifft wurden. Von dort kam das Silber, das Zahlungsmittel. Von 1565 bis 1815 pendelten die legendären Galeonen über den Pazifik. Angelockt vom überaus lukrativen Handel, ließen sich immer mehr chinesische Geschäftsleute in den Philippinen nieder. Die Spanier mißtrauten ihnen und versuchten sie zu unterdrücken, waren aber trotzdem auf sie angewiesen. Der große Nachteil dieses nach außen orientierten Handels war natürlich, daß dadurch die Wirtschaft des Landes selbst vernachlässigt wurde. Waren die Spanier die Nutznießer der Kolonialisierung und die Chinesen die Opportunisten, so waren die Filipinos sicherlich von Anfang an ihre Opfer. Mit dem schon in Amerika bewährten System der Encomiendas (bevorzugten Persönlichkeiten zugeteilte Verwaltungsbezirke) regierten die Spanier die Inseln. Auf den von der Krone vergebenen Landsitzen mußten die Einheimischen Bandala, festgelegte Abgaben an Reis, Baumwolle oder Zucker entrichten und außerdem noch ihre Arbeitskraft oft unentgeltlich für Kirchen-, Festungs- und Straßenbau zur Verfügung stellen. Priester und Mönche kamen zuhauf, um ihr Bekehrungswerk voranzutreiben, aber auch um die Kolonialverwaltung zu unterstützen. Die jahrhundertelange spanische Epoche in den Philippinen war durch diesen Klerikalkolonialismus gekennzeichnet. Während die Gouverneure in den Städten residierten, regierte die Kirche auf dem Land. Dort kamen die Priester in direkten Kontakt mit den Indios, erlernten ihre Sprache und zeugten oft genug Kinder mit den Indio-Frauen. Sie genossen in der Provinz eine absolute Machtstellung, die früher oder später zu Ressentiments auf seiten der Einheimischen führen mußte. Die Spanier hielten jedoch ihr Kolonialvolk auf einem — scheinbar — kontrollierbaren Niveau. Die längste Zeit durfte die Mehrheit der Filipinos keine spanischen Schulen besuchen und auch nicht den Priesterberuf ergreifen. Klerikale Auswüchse führten 1768 zur vorübergehenden Ausweisung der Jesuiten. Doch die Aufstände gegen die gierige Kirche verebbten keineswegs. Im Mutterland Spanien zweifelte man nach wie vor am wirtschaftlichen Potential der fernen Inseln. Vorübergehend dachte man sogar an Auflösung der Kolonie. Außenpolitische Aspekte, der Anspruch einer brüchigen, aber immer noch einflußreichen Weltmacht sprachen dagegen. Las Islas Filipinas wurden immer mehr vernachlässigt und befanden sich bald mehr oder weniger in den Händen der Priester und Mönche. Sie waren es, die die Kommunen kontrollierten, die hin und wieder stattfindenden Wahlen absegneten und den Zugang zu den Schulen dirigierten. Das Erlernen der spanischen Sprache war den Mestizos, den spanisch- einheimischen Mischlingen, vorbehalten, der Unterricht für die anderen beschränkte sich auf den Katechismus. Trotz der umfassenden Präsenz des Klerus kam die spanische Verwaltung nicht ohne Mithilfe der Einheimischen aus. In Manila herrschte der Generalgouverneur, in den Provinzhauptstädten regierten sogenannte Alcaldes mayores. Auf unterer Ebene jedoch setzte man Filipinos ein, meist Datus, die man Cabe.ar de barangay nannte. Für die Posten der Gemeindevorsteher beauftragte man Gobernadorcillos. Mehr als Handlanger und Kollaborateure der Kolonialherren stellten die philippinischen Beamten zunächst nicht dar. Sie trieben die Bandala, die Steuern, ein und organisierten den Polo, die Zwangsarbeit. Keine leichte Aufgabe, doch nicht ohne Vorteile: Steuererlaß, die Möglichkeit zur Unterschlagung und Bestechung aller Art, und Militärschutz. In vorspanischer Zeit war auf den Inseln der Begriff eines festen persönlichen Landbesitzes unbekannt. Nun eigneten sich die Datus, die ehemals als sozial geachteten Dorfoberhäupter, in Nachahmung ihrer Kolonialherren Land an und erpreßten ihre zu Untertanen degradierten Landsleute. Man kann hierin den Keim der philippinischen Oligarchie sehen, die noch heute einen großen Teil der Nationalökonomie im Würgegriff hält. Wie auch in anderen Ländern der sogenannten Dritten Welt wird in den Philippinen gerne debattiert, ob soziale Mißstände wie Korruption, Prostitution, Vetternwirtschaft und Günstlingswesen allein durch die Praxis des Kolonialismus entstanden seien, oder ob sie dem Wesen des jeweiligen Volkes entsprächen. Einheimische neigen meist zur ersten, viele Ausländer im Land eher zur zweiten Interpretation. Das Entstehen einer philippinischen Bourgeoisie fiel mit einschneidenden Veränderungen im internationalen Handel zusammen. 1811 zerbrach das Manila-Acapulco-Monopol, 1815 segelte die Magallanes, die letzte der jährlichen Galeonen, über den Stillen Ozean. Immer mehr Agrargüter fanden ihren Weg nach Europa. Der Umschwung belebte die philippinische Landwirtschaft. Bald hatten die Mittelsmänner in den Städten, nun zunehmend auch Filipinos, eine regelrechte Schlüsselposition für wirtschaftlichen Erfolg inne. Auch von außen wurde die Kolonie bedrängt. Seit 1571 mußten die Spanier Angriffe fremder Mächte abwehren. Der chinesische Piratenführer Limahong bedrohte 1574/75 Manila, und auch Japan spähte schon damals nach den Philippinen. Die portugiesischen Attacken endeten erst mit der Annexion Portugals durch Philipp II. im Jahr 1580. Die Holländer, die die Portugiesen bereits als Kolonialmacht in Indonesien abgelöst hatten, bedrohten mehrmals zwischen 1600 und 1646 Manila, das im Westfälischen Frieden von 1648 endgültig an die Spanier fiel. Nur den Engländern gelang es 1762 während des Siebenjährigen Krieges, die Hauptstadt vorübergehend einzunehmen und zu plündern. Nach dem Frieden von Paris räumten sie allerdings 1764 die Stadt wieder. Die spanische Herrschaft über die Philippinen, die das zergliederte Land erstmalig in seiner Geschichte annähernd vereint hatte, war damit noch einmal gesichert.

Okt 27

Den Spaniern war an den Philippinen eigentlich nicht viel gelegen. Was sie dort reizte, war die Feindschaft mit den Portugiesen, denen sie den lukrativen Gewürzhandel auf den indonesischen Inseln neideten. 1519 eroberte Hernän Corte das Aztekenreich in Mexiko. Im selben Jahr gab der spanische König Karl V. dem Drängen des Seefahrers Fernäo de Magalhäes, selbst Portugiese, nach und beauftragte ihn mit der Erkundung des west-östlichen Seeweges zu den Molukken. Um das portugiesische Monopol zu brechen, umsegelte der uns als Ferdinand Magellan bekannte Haudegen erstmals mit seiner kleinen Flotte Südamerika und  Ferdinand Magellan, Kupferstich, 1673.überquerte den bislang unbekannten Ozean, den er „El Pacifico", („der Friedliche") taufte. 1521 landeten die erschöpften Europäer in der Nähe des heutigen Samar — im Osten des Archipels. Magellan nannte seine Entdeckung zunächst „Inseln des heiligen Lazarus", nach dem Heiligen, an dessen Namenstag er dort gelandet war, und segelte zuversichtlich weiter, denn die Insulaner hatten sie freundlich und ohne Argwohn empfangen. Am 16. März erreichte die Expedition Zubu, die heutige Insel Cebu. Hier gelang es Magellan, mit Hilfe von Tauschwaren und Geschenken den Raja Humabon und seine 800 Untertanen zum Katholizismus zu bekehren. Das heißt: Die verblüfften Insulaner ließen sich tagelang beschenken und taufen. Auch den Nachbarfürsten gefiel die neue Religion — außer einem gewissen Lapu-Lapu, einem zugereisten Krieger aus dem SuluArchipel, der sich nun als Oberhaupt von Mactan, der Insel gegenüber der heutigen Stadt Cebu City, den Befehlen der Weißen widersetzte. Magellan zog aus, um Lapu-Lapu einzuschüchtern. Bei dem Kampf von Mactan am 27. April 1521 kam der Portugiese jedoch ums Leben. Seine Männer kehrten nach Cebu zurück, wo Humabon ihnen eine weitere Überraschung bescherte. Unter anderem lernten nämlich die Europäer hier zum ersten Mal, daß die Gastfreundschaft der Malaien Grenzen hatte, und sie bekamen das Gespür der Einheimischen für Machtverhältnisse aller Art zu spüren. Der Häuptling der Weißen war tot, ihr Zauber verflogen, einige der Matrosen hatten sich wohl auch zu frech den Insulanerinnen genähert, und der neue starke Mann prahlte auf der Nachbarinsel. Für ihn entschied sich Humabon und ließ einen Teil der Spanier massakrieren — während eines Festmahls zum Abschluß weiterer Tauschgeschäfte. Am 6. September 1522 endete die Magellansche Reise nach einer Odyssee durch die indonesische Inselwelt und um die Südspitze Afrikas herum mit der Rückkehr nur noch eines der anfänglich fünf Schiffe nach Sevilla. Von 265 Männern hatten nur 18 Weltumsegler überlebt. Doch die spanische Krone gab sich nicht so schnell geschlagen. Drei weitere Expeditionen wurden nach Südostasien geschickt. Alle drei schlugen fehl. 1543 kam Ruy Lopez de Villalobos mit leeren lländen, aber immerhin mit der Genugtuung zurück, die Inseln erneut getauft zu haben. „Las Islas Filipinas" sollten sie von nun an heißen, zu Ehren des zukünftigen Königs von Spanien. Philipp II., 1556 an die Macht gekommen, entschloß sich acht Jahre später, eine weitere Flotte zu „seinen" Inseln auszusenden — mit dem ausdrücklichen Befehl, diplomatischer vorzugehen. Mit vier Schiffen und 400 Mann landete Miguel Lopez de Legazpi 1565 auf der Insel Bohol und schloß einen die Einheimischen beeindruckenden Blutpakt mit Raja Sikatuna. Schnell und im Wechsel zwischen Diplomatie und Waffen gelang es Legazpi, (’chu und die restlichen Visayas zu unterwerfen. Damit begann die 333jährige spanische Kolonialherrschaft über die Philippinen. Legazpi eroberte 1571 das strategisch wichtige May nilad, das heutige Manila, damals ein muslimischer Stützpunkt an der Pasig-Mündung unter dem Befehl von Raja Sulayman. Ein Jahr später standen die gesamten Philippinen unter spanischer Herrschaft — mit drei wichtigen Ausnahmen: Mindanao und die Sulu-Inseln im Süden sowie die Bergregion von Nord-Luzon. In den unterworfenen Gebieten bauten die Spanier auf die schon in Lateinamerika bewährte Taktik, die Einheimischen gegeneinander auszuspielen. Und überall folgte dem Schwert das Kreuz. Wenn man schon keine Gewürze und nur wenige Bodenschätze fand, so sollten doch wenigstens Seelen für Kirche und Krone gewonnen werden. In vielerlei Hinsicht scheint die philippinische Bevölkerung allerdings für die abrupte Bekehrung zum Katholizismus prädestiniert gewesen zu sein. Die Filipinos glaubten an Anitos, an Naturgeister, aber auch an eine machtvolle Gottheit namens Bathala. Die Geister fanden sie in den Heiligen wieder, Bathala wurde vom christlichen Gott überlagert. Die noch heute legendäre Geduld und Leidensfähigkeit der Menschen fand im Evangelium Parallelen, ihre fatalistische Weltanschauung wurde bestätigt in der neuen Lehre vom Gott, dessen Wille überall walte — im Guten wie im Schlechten. Die Spanier nannten die Einheimischen Indios, eine Reminiszenz an die Bevölkerung Lateinamerikas. Die muslimischen Einwohner Mindanaos aber schimpften sie Moros, in Erinnerung an die Mauren, die ein paar Jahrhunderte zuvor halb Spanien erobert hatten. 300 Jahre versuchten die europäischen Herren vergeblich, ihre Macht auf die Moros auszudehnen. Erst 1851 gelang es den Spaniern, sich vorübergehend auf den Sulu-Inseln festzusetzen.

Okt 26

Mehr noch als in manch anderem Land reicht die Geschichte der Philippinen unmittelbar in die Gegenwart hinein. Sie ist im wesentlichen eine sehr früh einsetzende und mit rund 400 Jahren überlange Kolonialgeschichte. Erst mit Auflösung der letzten amerikanischen Militärstützpunkte Ende des 20. Jh. wird sie ihr vorläufiges Ende gefunden haben. Die Hinterlassenschaft der fremden Mächte ist ein Land, in dem neben Pilipino-Englisch weiterhin als Amtssprache gilt; wo die Mehrheit der Bevölkerung spanische Namen trägt, aber kaum jemand spanisch spricht; wo die ursprünglich malaiische Kultur noch immer von einem Schuß kolonialer Mentalität gefärbt ist.Eigentlich ist das Inselreich schon durch seinen Namen charakterisiert. Es ist das einzige Land Asiens, das nach einem europäischen Herrscher — Philipp II. von Spanien — benannt ist. Die Filipinos leben im christlichsten Land Asiens, wo die katholische Religion mit mehr Hingabe praktiziert wird als in den meisten westlichen Staaten. Doch waren die Spanier und Amerikaner nicht die einzigen Kolonialherren auf dem südostasiatischen Archipel. Schon die malaiischen Seefahrer hatten die negroide Urbevölkerung verdrängt, die heute, dezimiert und abgesondert, kaum mehr am nationalen Geschehen teilnimmt.

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