Okt 1

Die Marshall-Inseln bestehen aus über tausend sehr kleinen Atollen, die nur wenige Meter über dem Meeresspiegel liegen. So waren hier seit jeher die Navigationstechniken hervorragend ausgebildet. Seefahrtmeister gaben ihre Kenntnisse an ausgewählte Schüler weiter. Das berühmteste Beispiel der Fixierung der lokalen geographischen Gegebenheiten sind die aus zusammengebundenen Stäbchen hergestellten Seekarten, bei denen normalerweise der Süden oben und der Norden unten liegt. Diese Stabdiagramme wurden vor der Reise zu Rate gezogen, da ein Zurückgreifen darauf während der Fahrt als unschicklich oder unelegant galt. Die Verwendung dieser Stabdiagramme war den Europäern lange Zeit ein Rätsel: »Auf den zu Mikronesien zählenden Marshall-Inseln waren bis in den Anfang unseres Jahrhunderts hinein sogenannte >Stabkarten< wichtige Hilfsmittel bei der Schiffahrt der Insulaner. Obwohl den Europäern schon seit längerem bekannt, gelang es erst 1896/97 Kapitän Winkler, Auskünfte über ihre Bedeutung zu erhalten. Dies geschah buchstäblich in letzter Minute, denn sie wurden nur noch selten benutzt, nur noch wenige Insulaner kannten ihr >Geheimnis<. Und ein Geheimnis waren die Stabkarten tatsächlich, bewahrt von Häuptlingen und einigen Seefahrtspezialisten (rimedo) in ihren Diensten. Mit durch diese Geheimhaltung bedingt, konnte man eine solche Karte nur >lesen«, wenn derjenige, der sie anfertigte, sie auch erklärte. Die ein- zelnen geraden und gebogenen Stäbe, die angebrachten Seeschneckengehäuse, waren Gedächtnisstützen für den Benutzer, die er innerhalb eines gewissen Prinzips anordnen konnte. Dieses Prinzip beruht auf einer sehr genauen Kenntnis der Gewässer um die Inseln. Von Ende Juni bis zum Einsetzen des Passats im Oktober herrschen im Gebiet der Marshall- Inseln die günstigsten Wetterbedingungen für Fernfahrten mit den einheimischen Auslegerbooten. Bevor Kompaß und Seekarten von den Europäern bekannt und übernommen wurden, richteten sich die Marshall-Insulaner auf ihren Fahrten außer nach den Sternen besonders nach den Meeresbewegungen um eine Insel, den Dünungen. Bei den Marshall-Inseln steht einmal eine Dünung von Osten her an, rileb in der Sprache der Insulaner, die als stärkste Dünung der Inselgruppe das ganze Jahr über zu erkennen ist. Von einer Insel wird sie, durch den Rückstau des Wassers vor der Insel, bogenförmig abgelenkt. Dieser Dünung entspricht eine wesentlich schwächere, für den Ungeübten kaum erkennbare Dünung vom Westen (kaeleb). Auch sie wird natürlich von der Insel abgeleitet. Im südlichen Teil der Insel ist eine, ebenfalls ganzjährige, vom Süden heraufstehende Dünung (bungdokerik) besonders deutlich zu erkennen. Ihr entspricht eine, im Norden stärkere, vom Norden her- unterstehende Dünung (bungdokieng). Durch die Ablenkung, die zwei entgegenstehende Dünungen durch eine Insel erfahren, bilden sich beiderseits der Insel Kabbelungspunkte (bot), in denen die Dünungen aufeinandertreffen. Diese Punkte setzen sich in beliebiger Reihe zur offenen See hin fort, wobei sie jedoch immer schwächer werden. Vom ersten sicher ausgemachten Kabbelungspunkt zweier Dünungen auf hoher See konnten die Insulaner über weitere Kabbelungspunkte auf einer Führungslinie (okar)bis zur Insel gelangen. An anderen Merkmalen erkannte der erfahrene Bootsführer, daß er an einer Insel vorbeigefahren war: Aus den Brechern der östlichen Dünung entsteht 15 Seemeilen hinter der Nordspitze einer Insel eine nach Nordwesten auslaufende starke See- bewegung (rolok), die noch nach 30 Seemeilen zu bemerken ist, und im Süden eine nach Südwesten auslaufende Seebewegung (fit in kot), sowie 10 Seemeilen hinter einer Insel eine nach Nordosten und Südosten auslaufende Seebewegung Our in okme), durch die westliche Dünung hervorgerufen. Je nach der Art und Richtung der Seebewegungen sah der Bootsführer, wo die Insel zu suchen war. Ein anderes Hilfsmittel zur Auffindung einer Insel war die bis auf 15 Seemeilen Entfernung zu bemerkende Kabbelung vor einer Passage (ai in kabin da), die durch einen durch die Gezeiten verursachten Stau des Wassers vor einer Öffnung im Atoll entsteht. Da die geschilderten Verhältnisse für jeden Teil der Inselgruppe und für jede Insel spezifische Abweichungen aufweisen, war es nicht nur nötig, die einzelnen Merkmale im allgemeinen zu erkennen und richtig zu deuten, sondern ganz bestimmte örtliche Besonderheiten mußten beachtet werden. Als Gedächtnisstützen dienten dazu die Stabkarten, auf denen bestimmte Dünungen durch Stäbe, bestimmte Inseln durch Seeschneckengehäuse angedeutet wurden. Tatsächliche Entfernungen und Richtungen zwischen den einzelnen Inseln waren hierfür nebensächlich; sie waren dem Bootsführer so gut bekannt, daß er darüber keine >Notizen< brauchte.«* Auf den äußeren Inseln der Marshalls und in anderen Gebieten Mikronesiens dienen z. T. heute noch neben Karten europäischen Stils auch Stabdiagramme zur Orientierung bei der Navigation, auch wenn diese meist weniger kompliziert gehalten sind als die der Vorfahren.

Okt 1

Auf Majuro, der Hauptinsel des Landes, ist heute außer im Alele-Museum nicht mehr viel von den kulturellen Traditionen der Mikronesier zu merken. Bis zur Mitte des Jahrhunderts war die Bevölkerung hauptsächlich auf den Inseln der Westseite angesiedelt. Nachdem die Amerikaner einen Luftwaffenstützpunkt am Ostende angelegt hatten, verlagerte sich langsam das demographische Schwergewicht auf diese Seite: Arbeitsmöglichkeiten, Stromversorgung und die Existenz von Geschäften dienten als Magnet. Von den ca. 60 Inselchen des Atolls wurden schließlich die der südlichen Hälfte durch Aufschüttung von Straßendämmen zu einer 50 km langen Fahrstraße zusammengeschlossen. Heute leben von den etwa 40 000 Marshallesen etwa 20 000 auf den Inseln des Majuro-Atolls. Die Bevölkerungsdichte im Gebiet des Hauptzentrums D-U-D (Abkürzung der Inselnamen Delap, Uliga und Darrit) ist extrem hoch, und es geht dort für Südseeverhältnisse sehr hektisch zu. Wem die Strände in Stadtnähe zu überfüllt und verschmutzt sind, sollte die 30 Meilen von Rita (Darrit) nach Laura fahren (die Ortsnamen stammen aus der Zeit der Stationierung der Amerikaner). Der Ausblick auf das bewegte offene Meer auf der einen und die stille Lagune auf der anderen Seite ist eine gute Einführung in das Leben auf einem Atoll. Wem die Hauptinsel auch an ihrem ruhigen Ende zu belebt ist, der kann einen Flug oder eine Schiffsreise auf eine der äußeren Inseln buchen. Majuro ist nur eines der 29 Atolle der Marshalls, die sich in zwei Hauptgruppen, die RatakKette (der Name bedeutet >in Richtung der Morgendämmerung<) und die Ralik-Kette (>in Richtung des Sonnenuntergangs<) aufteilen. Viele der äußeren Inseln sind sehenswert und bieten herrliche Strände mit ausgezeichneten Tauchmöglichkeiten. Auf den Marshalls wird ganz besonders die Kehrseite der >Inselparadiese< deutlich: Zum Staatsgebiet der Marshall-Inseln gehört auch der Bikini-Atoll, auf dem »zum Wohle der Menschheit und um alle Weltkriege zu beenden« zwischen 1946 und 1958 23 Atombomben gezündet wurden, und Eniwetok mit 43 Atomversuchen zwischen 1948 und 1958. Mit der Einstellung der Nuklearversuche auf ihren Atollen endete das Leid der Bewohner von Bikini und Eniwetok keineswegs: Wiederholt wurden sie umgesiedelt, vergessen, auf ihre noch verseuchten Atolle rückgesiedelt, wieder abgeholt, anderswo neu angesiedelt, so daß sie heute völlig wurzellos sind. Die Vereinigten Staaten sehen im nahe bei Asien gelegenen Mikronesien vor allem ein strategisches Interesse, das sie auch mit der Auflösung des Treuhandterritoriums nicht aufzugeben gewillt sind. Auf Kwajalein, dem größten Atoll der Welt, unterhalten sie weiter eine große Militärbasis, deren Existenz für viele Probleme in der Gesellschaft der Marshalls direkt oder indirekt verantwortlich ist.

Okt 1
Yap

Von allen mikronesischen Inselvölkern scheint es den Bewohnern von Yap am besten gelungen zu sein, die Werte und Traditionen ihrer Vorfahren bis ins 20. Jh. hinein lebendig zu erhalten. So begegnet man sogar im Hauptort Colonia (nicht zu verwechseln mit Kolonia, der Hauptstadt Pohnpeis) nur mit Grasröcken bekleideten Frauen und Männern mit bunten Tüchern. Die traditionelle Lebensweise ist hier völlig natürlich und hat nichts Aufgesetztes an sich. Ein Prospekt für Touristen erklärt dies: »Yap ist keine Welt, die für Touristen errichtet wurde, aber eine Welt, die Besucher willkommen heißt.« Besucher auf der Insel sollten sich Zeit nehmen, um mit den örtlichen Sitten vertraut zu werden. Bevor man z. B. einen Einheimischen photographiert oder auf einer Wanderung sein Land betritt, ist es eine strikte Regel der Höflichkeit, vorher sein Einverständnis zu erbitten. Yap ist berühmt für sein Steingeld. Die Ursprünge dieser Tradition, einen besonderen Kalkstein aus Korallenformationen (Aragonit) in Palau auf einem über 400 km langen Seeweg nach Yap zu transportieren, gehen auf die voreuropäische Zeit zurück. Ein legendärer Urahn und Seefahrer namens Anagumang soll als erster in Palau die großen Steinscheiben abgebaut haben, die dann Ausdruck des Wohlstandes eines Dorfes und zum Rückgrat der Gesellschaft in Yap wurden. Die Bedeutung eines Häuptlings war von der Menge an Steingeld (rai) abhängig, über die er verfügte. Die größten Steinscheiben erreichen Durchmesser von fast 4 m und wiegen 4 bis 5 Tonnen. Sie haben ein Loch in der Mitte, durch das für den Transport ein Stab gesteckt wird: So können sie gerollt werden. Nicht alle rai haben denselben Wert. Bei der Einschätzung spielen die Größe, die Feinheit der Steinmetzarbeit und vor allem die Mühen und Strapazen eine Rolle, unter denen sie herangeschafft wurden. Immer wieder fanden Seeleute den Tod, wenn die schwer beladenen Boote bei Sturm und Wellengang hin- und hergeworfen wurden, und oft trägt das Steingeld den Namen der Männer, deren Tod es verursachte. 1871 wurde David O’Keefe, ein schiffbrüchiger Amerikaner irischer Abstammung, in Yap an Land gespült. Durch die Pflege der Inselbevölkerung gelangte er wieder zu Kräften. Es gelang ihm, einen sehr guten Kontakt zu den Yapesen herzustellen, und er baute schließlich ein großes Handelsimperium auf, indem er auf einer chinesischen Dschunke Steinscheiben aus Palau nach Yap brachte und diese bei den Insulanern gegen Kopra eintauschte. Sein Erfolg ist auf die gute Kenntnis der lokalen Sitten zurückzuführen, denn zuvor hatten schon mehrere Handelsgesellschaften - gerade auch deutscher Herkunft - erfolglos versucht, mit Yap in Handelsbeziehungen zu treten. Eine japanische Zählung von 1929 gab an, daß 13 281 >Münzen< im Umlauf waren. Im Zweiten Weltkrieg wurden viele davon durch die Japaner zerstört, die damit die Bevölkerung einzuschüchtern versuchten. Bis zum heutigen Tag hat das Steingeld einen hohen Wert. Auf der Insel ist es vor allem in Reihen aufgestellt, in sogenannten Steingeldbanken. Erst kürzlich nahm eine moderne Bank in Yap Hypotheken auf Steingeld auf. Landkäufe und Verpflichtungen in der Dorfgemeinschaft werden zum Teil immer noch mit dieser traditionellen Währung ausgeführt. Eng verbunden mit dem Steingeld ist der hohe Entwicklungsstand der Schiffbau- und Navigationskunst. Die großen Hochseekanus der Yapesen wurden aus einheimischen Edelhölzern gebaut, die mit Kokosfasern miteinander verbunden und mit Brotfruchtsaft abgedichtet wurden.
Bei einer Fahrt über die Insel fallen dem Besucher auch die beeindruckenden Bauten der Männerhäuser (abai) auf. Sie wurden aus großen Baumstämmen errichtet, welche ohne einen einzigen Nagel nur durch kilometerlange Schnüre aus gedrehten Kokosfasern zusammengehalten werden. An die jüngere Geschichte erinnern Flugzeugwracks und militärische Anlagen, die noch aus der japanischen Besatzungszeit stammen.

Okt 1

Auf den 15 Inselgruppen von Truk mit ihren insgesamt 118 km2 Landfläche konzentrieren sich fast die Hälfte aller Bewohner des mikronesischen Staatenbundes. Die Hauptinsel Truk besteht aus 14 gebirgigen Inseln; sie bilden einen riesigen Korallenring, der über 2000 km2 Lagunenfläche umschließt. Heute verläuft das Leben in Truk in ruhigen Bahnen. Zahlreiche bauliche Überreste erinnern jedoch daran, daß die Japaner im Zweiten Weltkrieg die natürlichen Vorteile des Ortes (die Weite der Lagune, die Sicherung durch das Riff, die Tiefe der natürlichen Fahrrinnen und die große Anzahl der Atollinseln) nutzten, um ihre zentrale Marinebasis anzulegen, von der aus sie die Eroberung des Pazifikbeckens voranzutreiben gedachten. Am 18. Februar 1944 führte die US-Marine ihren Angriff auf die Lagune von Truk aus. In einer Attacke, die an Zerstörungskraft die von Pearl Harbor um ein Vielfaches überstieg, wurden 60 japanische Schiffe in der Lagune versenkt. 30 000 japanische Soldaten waren zu dieser Zeit auf dem Land stationiert gewesen. Ihrer Transportmittel beraubt, mußten sie das Ende des Krieges abwarten, bevor sie die Insel als Besiegte verlassen konnten.Heute sind die Überreste der japanischen Flotte ein Paradies für Taucher: Von Geisterschiffen mit perfekter Ausrüstung bis hin zu Skeletten, Korallenformationen in den verschiedensten Farben und Formen und Myriaden von tropischen Fischen wird hier wirklich alles geboten. Die Lagune von Truk zieht immer wieder Filmregisseure und Photographen an. Aufgrund der massiven Einflüsse von außen sterben die Traditionen von Truk aus oder aber ihre Überbleibsel leben nur in der Souvenirindustrie weiter. Dies ist der Fall für die sogenannten >love sticks< (Liebesstäbe), die in früheren Zeiten in Truk in Gebrauch waren. Jeder Jüngling schnitzte sich aus einheimischem Hartholz einen etwa 1 m langen Stab, den er mit meist gelb und schwarz abgesetzten geometrischen Mustern verzierte. Besondere Mühe verwandte er auf die Fertigung der Spitze, denn sie diente ihm als persönliche Visitenkarte. Gefiel ihm ein Mädchen im Dorf, näherte er sich zur Nachtzeit ihrer Behausung, durchstieß mit seinem Stab vorsichtig die geflochtene Hüttenwand und versuchte, sich damit ihrer Schlafmatte zu nähern. Nachdem die mikronesischen Familien die Gewohnheit haben, alle zusam- men auf engem Raum zu nächtigen, war diese Kontaktaufnahme mit einigen Risiken verbunden. Traf der Botenstab tatsächlich die Richtige - die weiblichen Dorfbewohner waren geübt in der Kunst des Lesens der >Visitenkarten< - und war sie an einem Treffen interessiert, so zog sie den Stab etwas näher zu sich heran. Durch diese Geste war der Mut des jungen Mannes gestärkt, und er wagte sich in die Hütte. Ein Zurückstoßen des Stabes bedeutete Abweisung. Die Überlieferung teilt nicht mit, wie oft solche nächtlichen Besucher in eine von der ganzen Familie aufgestellte Falle gingen oder sich auch nur in den Armen einer anderen als der Angebeteten wiederfanden. Da auch in Mikronesien die traditionelle Bauweise aus Naturmaterialien immer mehr aus der Mode kam, ist mit den neuen Bauten aus Beton, Holzplanken und Wellblech auch die Sitte der Liebesstäbe in Vergessenheit geraten. Heute sind sie nur noch als Souvenirs für Touristen in Gebrauch.