Yap

Von allen mikronesischen Inselvölkern scheint es den Bewohnern von Yap am besten gelungen zu sein, die Werte und Traditionen ihrer Vorfahren bis ins 20. Jh. hinein lebendig zu erhalten. So begegnet man sogar im Hauptort Colonia (nicht zu verwechseln mit Kolonia, der Hauptstadt Pohnpeis) nur mit Grasröcken bekleideten Frauen und Männern mit bunten Tüchern. Die traditionelle Lebensweise ist hier völlig natürlich und hat nichts Aufgesetztes an sich. Ein Prospekt für Touristen erklärt dies: »Yap ist keine Welt, die für Touristen errichtet wurde, aber eine Welt, die Besucher willkommen heißt.« Besucher auf der Insel sollten sich Zeit nehmen, um mit den örtlichen Sitten vertraut zu werden. Bevor man z. B. einen Einheimischen photographiert oder auf einer Wanderung sein Land betritt, ist es eine strikte Regel der Höflichkeit, vorher sein Einverständnis zu erbitten. Yap ist berühmt für sein Steingeld. Die Ursprünge dieser Tradition, einen besonderen Kalkstein aus Korallenformationen (Aragonit) in Palau auf einem über 400 km langen Seeweg nach Yap zu transportieren, gehen auf die voreuropäische Zeit zurück. Ein legendärer Urahn und Seefahrer namens Anagumang soll als erster in Palau die großen Steinscheiben abgebaut haben, die dann Ausdruck des Wohlstandes eines Dorfes und zum Rückgrat der Gesellschaft in Yap wurden. Die Bedeutung eines Häuptlings war von der Menge an Steingeld (rai) abhängig, über die er verfügte. Die größten Steinscheiben erreichen Durchmesser von fast 4 m und wiegen 4 bis 5 Tonnen. Sie haben ein Loch in der Mitte, durch das für den Transport ein Stab gesteckt wird: So können sie gerollt werden. Nicht alle rai haben denselben Wert. Bei der Einschätzung spielen die Größe, die Feinheit der Steinmetzarbeit und vor allem die Mühen und Strapazen eine Rolle, unter denen sie herangeschafft wurden. Immer wieder fanden Seeleute den Tod, wenn die schwer beladenen Boote bei Sturm und Wellengang hin- und hergeworfen wurden, und oft trägt das Steingeld den Namen der Männer, deren Tod es verursachte. 1871 wurde David O’Keefe, ein schiffbrüchiger Amerikaner irischer Abstammung, in Yap an Land gespült. Durch die Pflege der Inselbevölkerung gelangte er wieder zu Kräften. Es gelang ihm, einen sehr guten Kontakt zu den Yapesen herzustellen, und er baute schließlich ein großes Handelsimperium auf, indem er auf einer chinesischen Dschunke Steinscheiben aus Palau nach Yap brachte und diese bei den Insulanern gegen Kopra eintauschte. Sein Erfolg ist auf die gute Kenntnis der lokalen Sitten zurückzuführen, denn zuvor hatten schon mehrere Handelsgesellschaften - gerade auch deutscher Herkunft - erfolglos versucht, mit Yap in Handelsbeziehungen zu treten. Eine japanische Zählung von 1929 gab an, daß 13 281 >Münzen< im Umlauf waren. Im Zweiten Weltkrieg wurden viele davon durch die Japaner zerstört, die damit die Bevölkerung einzuschüchtern versuchten. Bis zum heutigen Tag hat das Steingeld einen hohen Wert. Auf der Insel ist es vor allem in Reihen aufgestellt, in sogenannten Steingeldbanken. Erst kürzlich nahm eine moderne Bank in Yap Hypotheken auf Steingeld auf. Landkäufe und Verpflichtungen in der Dorfgemeinschaft werden zum Teil immer noch mit dieser traditionellen Währung ausgeführt. Eng verbunden mit dem Steingeld ist der hohe Entwicklungsstand der Schiffbau- und Navigationskunst. Die großen Hochseekanus der Yapesen wurden aus einheimischen Edelhölzern gebaut, die mit Kokosfasern miteinander verbunden und mit Brotfruchtsaft abgedichtet wurden.
Bei einer Fahrt über die Insel fallen dem Besucher auch die beeindruckenden Bauten der Männerhäuser (abai) auf. Sie wurden aus großen Baumstämmen errichtet, welche ohne einen einzigen Nagel nur durch kilometerlange Schnüre aus gedrehten Kokosfasern zusammengehalten werden. An die jüngere Geschichte erinnern Flugzeugwracks und militärische Anlagen, die noch aus der japanischen Besatzungszeit stammen.

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