Okt 2

„Socialismo o muerte” — Sozialismus oder Tod: Solch propagandistische Parolen als Hauswandgraffitis oder als Fidel Castros Durchhaltefloskeln sind in der Öffentlichkeit überall präsent. Wer Kuba durchfährt, mag heute eher an die letztere Möglichkeit denken.Kubas ökonomischer Abstieg nach dem Zusammenbruch des sozia- listischen Ostblocks in Europa wird im eigenen Land selbstredend nicht auf das stoische Festhalten an einem verkrusteten System zurückgeführt, sondern auf die Blockade-Allmacht der USA. Wieviele Schritte es noch bis zum Abgrund sein werden, ist ungewiß. Gewiß hingegen ist die Einschätzung ausländischer Beobachter, die nicht den Blick verloren haben für die Realität: Ohne Reform droht der Kollaps. Beispiel 1993: Energie- und Treibstoffmangel haben gravierende Auswirkungen. Keine Benzingutscheine mehr an Privatpersonen, Industriebetriebe fahren auf halber Leistung, zwei Drittel der Stadt- busse Havannas bleiben in den Depots, nachts nur geisterhafte Notbeleuchtung in der Hauptstadt. Kurzfristig ließ Fidel Castro 100.000 chinesische Fahrräder importieren, doch damit auf Dauer das landesweite Transportproblem lösen zu wollen, bleibt ein schlechter Scherz. Devisenbringende Touristen sollen wohlweislich an solch unangenehmen Randerscheinungen vorbeigelotst werden. Für sie eröffnen sich goldene Pfade beim Transport, bei den Mahlzeiten in den Hotels, während Kubas Volk darbt. „Solange wir zu essen haben, geht es noch”, hat mir ein Busfahrer in Havanna erklärt, als wir ohne Zuhörer an einer Haltestelle nahe des Paseo Jose Marti standen. Mit Wehmut blicken die Polit-Verantwortlichen Kubas auf die achtziger Jahre zurück, da die damalige Sowjetunion jährlich 13 Millionen Tonnen stark verbilligtes Öl lieferte und dafür kubanischen Zucker zu überhöhten Preisen abnahm. In minimaler Menge wird Erdöl auf Kuba selbst gefördert. Ansonsten existieren Lieferverträge mit Kasachstan und dem Iran sowie das russisch-kubanische Handelsabkommen: 1,5 Millionen Tonnen kubanischer Zucker gegen drei Millionen Tonnen russisches Erdöl. Doch alles das reicht bei weitem nicht aus. Unbeirrt halten Fidel Castro und seine Getreuen am Kommunismus fest. Bei Fernsehauftritten wirken manche der Alt-Herrscher wie Fossilien, die sich selbst überlebt haben und krampfhaft ihre Plätze in den Geschichtsbüchern als kompromißlose Kommunisten zu sichern suchen. Mehr Phantasie in der Wirtschaftspolitik forderte Staatschef Castro bei einer Rundfunkansprache zu Jahresbeginn 1993. Nach Meinung internationaler Beobachter helfen nur radikale, ernsthafte Reformen. Von 1 991 an sind sich erzreaktionäre Exil-Kubaner im US- amerikanischen Bundesstaat Florida sicher gewesen: Der Zusammenbruch des Sozialismus in ihrer einstigen Heimat sei nur eine Frage kurzer Zeit. Viele planen für die Post-Castro-Ära. Reiche Exil- Kubaner im Süden der Vereinigten Staaten haben gegen harte Dollar Reservierungen bei Flug- und Schiffahrtsgesellschaften hinterlegt: Sie wollen die ersten sein, die nach Kuba zurückkehren — nach dem Sturz Fidel Castros. Hunderttausende sitzen fern der Heimat gewissermaßen auf Abruf… So muß trotz der Mängel an allen Ecken und Enden erstaunen, daß Castro und Genossen noch fest im Sattel zu sitzen scheinen. Ei- ner der Gründe liegt sicher in der kubanischen Mentalität — im Strom der Zeit lassen sich viele lethargisch treiben. Ein anderer Grund fußt auf der allgegenwärtigen Repression, die bisher keinerlei organisierten Widerstand hat aufkommen lassen und Proteste mit harter Hand im Keim erstickt. „Die Dissidenten-Bewegung, die noch im Herbst 1991 mit dem Zusammenschluß mehrerer neuer Gruppen an Schwung zu gewinnen schien, ist zur Zeit so gut wie zerschlagen”, meldete die Deutsche Presse-Agentur im März 1993. Zur selben Zeit ging die Gefangenenhilfsorganisation Amnesty International von bis zu 500 inhaftierten Regimekritikern in kubanischen Gefängnissen aus. Häuser von Dissidenten werden beobachtet, Telefongespräche abgehört, Systemgegner werden brutal zusammengeschlagen. Den Klagen über Menschenrechtsverletzungen hält die kubanische Regierung entgegen, das aggressive Verhalten der USA gegenüber dem Inselstaat erfordere schon aus Gründen der nationalen Sicherheit ein hartes Vorgehen gegen Abweichler. Jene Kontrolle von oben ist im Alltag überall zu spüren. So existieren „Nachbarschaftskomitees” und die „Komitees zur Verteidigung der Revolution”. Wer angesichts des Mangels an Nahrungsmitteln und Transportmöglichkeiten aufbe- gehrt, muß mit „Besuch” rechnen, der ihn an seine „patriotischen Pflichten” erinnert. Immer öfter sind auch die 1991 gegründeten „Schnellen Brigaden” zur Stelle, um schlagkräftig für Ruhe zu sorgen.Überall grassiert die Angst vor Spitzeln und Repressionen. Wer als Einheimischer allzu engen Kontakt mit ausländischen Autoren und Journalisten pflegt, wird von seinen Landsleuten mißtrauisch gemustert. „Sie fliegen zurück, aber ich muß hier bleiben”, lautet dann der Tenor — ich habe es selbst erlebt. An anderer Stelle konnte eine einstige Lehrerin, jetzt Tourismus-Verantwortliche in Havanna, ihre Enttäuschung in einem Gespräch unter vier Augen nicht verbergen. Sie hatte das Thema selbst angesprochen. Natürlich sei man neidisch auf die Touristen, die relativ frei im Lande reisen könnten. Ihr Mann habe jetzt zwei Wochen Urlaub, ein Auto, man will raus aus der Stadt, doch es gibt kein Benzin. Bildungs- und Gesundheitswesen seien noch gut in Kuba, aber sonst…? Sie mag nicht weiterreden, ein Restgefühl an Mißtrauen mir gegenüber bleibt, und vielleicht wird man doch von irgendwoher abgehört. Zum Abschied tauschen wir Blicke, die mehr besagen als Worte…

Okt 2

„Havanna — lassen Sie das Wort wie das Aroma einer guten Zigarre auf Ihrer Zunge zergehen, gönnen Sie sich den Genuß des Träumens: Den Traum von einer Stadt an einer blauen Bay, von stillen Straßen, verschlafenen Plätzen und maurisch anmutenden Innenhö- fen im Wechselspiel von Licht und Schatten. Ihre Gedanken führen Sie durch eine bunte Welt architektonischer Kostbarkeiten, vom spanischen Barock bis zur floralen Ornamentik des Jugendstils, von der Stilstrenge des Art Deco bis zum Funktionalismus der Postmoderne. Sie wachen auf — und alles ist doch da. Im alten Havanna, als Teil des kulturellen Erbes unserer Welt. Geschützt und liebevoll restauriert von der UNESCO präsentiert es sich als lebendiger Gegensatz zur modernen Hauptstadt Cubas, zur belebten Metropole eines jungen Staates voller faszinierender Kontraste…” Mit solch peinlicher Phrasendrescherei wird Kubas Hauptstadt Havanna — spanisch La Ha- bana — in Katalogen und Prospekten noch immer in den Himmel gelobt. Entsprechend manipuliert und voller „Tagträume” kommt der Besucher in jene Zwei-Millionen-Metropole, die sich über eine riesige Fläche von rund 750 Quadratkilometern erstreckt. Spätestens vor Ort wird man das ins Ausland übermittelte Trugbild gewahr, denn der Traum vom alten Havanna ist vielerorts ausgeträumt. Natürlich gibt es noch faszinierende Fassaden, die Bay ist blau, und die Straßen sind still. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Hinter vielen Fassaden im alten Havanna steht kein Haus mehr, die Umweltverschmutzung und den Gestank an der blauen Bay läßt man besser weg, und die Straßen sind deshalb so still, weil kubanische Privatleute vom Staat kein Benzin mehr bekommen und das städtische Bussystem aufgrund des Treibstoffmangels zu zwei Dritteln zusammengebrochen ist. Darüber spricht niemand gerne. Havannas Siechtum kommt nicht von ungefähr. Die sozialistische Revolution hat das Erbe aus alten kapitalistischen Zeiten verkommen lassen, hat es nie gemocht. Das alte Havanna stirbt. Sozialismus, wirtschaftliche Not und das aggressive feuchtheiße Klima haben Fassaden und Leben ausgehöhlt, und die UNESCO-Bemühungen bewirken nicht mehr als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Ein Tourismus-Verantwortlicher, bis vor kurzem acht Jahre lang in dem Für Stadtplanung und -entwicklung zuständigen Ministerium beschäftigt, hat es mir gegenüber so gesehen: „Das alte Havanna? Hat alles keinen Zweck mehr. Ich würde Panzer bestellen und alles einebnen lassen…” Die geschichtlichen Wurzeln der Hafenstadt am Golf von Mexiko reichen bis ins Jahr 1514 zurück, da San Cristöbal de La Habana als eine der ersten Siedlungen im Namen des spanischen Konquistadors Diego Veläquez an der Südseite der Insel nahe der heutigen Stadt Batabanö gegründet wurde. Im Jahre 1519 wurde die Stadt an eine Bucht an der Nordküste verlegt und bereits 1552 Hauptstadt des Landes anstelle von Santiago de Cuba. Ende des 16. Jahrhunderts zählt Havanna 4.000 Einwohner. Wenige Jahre später kommt es zu immer häufigeren Angriffen englischer, französischer und niederländischer Freibeuter auf die spanischen Galeonen, welche die Reichtümer aus der „Neuen Welt” nach Spanien bringen. Havanna ist Vereinigungspunkt der Gold- und Silberflotten. Aus diesem Grunde werden die Hafenanlagen im Laufe der Zeit stark befestigt. Noch heute sind die Forts Wahrzeichen und zählen für Besucher zu den beeindruckendsten Sehenswürdigkeiten der Stadt. In den Jahren 1762/63 fällt Havanna kurzzeitig in die Hände der Engländer, wird von den Spaniern jedoch zurückgewonnen. Danach werden neue Befestigungsanlagen errichtet, Havanna avanciert zum wichtigen Exporthafen für Tabak und Zucker, und Ende des 18. Jahrhunderts setzt die große Zeit der Stadtblüte ein. Havanna erlangt den Status einer führenden Metropole in der „Neuen Welt”. Theater, Paläste und prachtvolle Bürgerhäuser werden errichtet, Bildungsstätten eröffnet und Zeitungen herausgegeben. 1837 wird die erste kubanische Eisenbahnlinie zwischen Havanna und Bejucal eingeweiht. Im Jahre 1863 werden die alten Stadtmauern zu großen Teilen ab
gebrochen, um Platz zu schaffen für städtebauliche Erweiterungen. Während Spanien seine Kolonien auf dem amerikanischen Kontinent bereits verloren hat, kann sich die Herrschaft der Krone in Kuba noch behaupten. Zu ersten ernstzunehmenden Erhebungen kommt es im spanientreuen Havanna in den 1870er Jahren. 1898 ist es mit der spanischen Vormacht zu Ende, denn nach der mysteriösen Explosion des US-amerikanischen Kriegsschiffes „Maine” im Hafenbecken der Hauptstadt greifen die Vereinigten Staaten auf der Insel ein. Auch nach Ausrufung der Republik im Jahre 1902 machen die USA auf Kuba und in Havanna ihren Einfluß geltend. Bis zur Revolution 1959 dominiert der „American way of life” in Kubas Metropole. Havanna wird zum exklusiven Treffpunkt in der Karibik, zur Stadt des Vergnügens für die Schickeria mit Kasinos, Bordellen, Hotels, Tanzbars und mondänen Schuppen, denen nach 1959 die Riegel vorgeschoben werden. 1982 wird Havannas Altstadt von der UNESCO zum „Kulturerbe der Menschheit” ernannt. Doch vom einstigen Glanz der Metropole ist heute oft nur ein Abglanz übriggeblieben. Natürlich bleibt die Zwei-Millionen-Stadt der Hauptindustriestandort Kubas mit Eisen- und Stahlwerken, Erdölraffinerien, Werften sowie Nahrungsmittel-, Tabak-, Düngemittel- und chemischer Industrie. Dem Besucher hat Havanna Plätze und Parks, Festungsanlagen und Kirchenbauten, Monumente und Museen zu bieten. Mein Lieblingsplatz: Der pflanzenumrankte Patio im Palacio de los Capitanes Generales an der Plaza de Armas. Mein Lieblingsblick: Von der Promenade an der Avenida del Puerto aus auf Hafeneinfahrt, Forts und Leuchtturm. Die Entfernungen in Havanna sollte man nicht unterschätzen. Zwischen der Altstadt und dem feudalen Villenviertel Miramar liegen rund acht Kilometer. Die wichtigsten Stadtteile Havannas sind La Habana Vieja (Altstadt), Centro Habana (Zentrum), Vedado (Neustadt) und Miramar. In Vedado stößt man auf die Mehrzahl der Hotels. Altstadt und Vedado haben die bedeutendsten Sehenswürdigkeiten aufzuweisen.