Kuba in den neunziger Jahren

„Socialismo o muerte” — Sozialismus oder Tod: Solch propagandistische Parolen als Hauswandgraffitis oder als Fidel Castros Durchhaltefloskeln sind in der Öffentlichkeit überall präsent. Wer Kuba durchfährt, mag heute eher an die letztere Möglichkeit denken.Kubas ökonomischer Abstieg nach dem Zusammenbruch des sozia- listischen Ostblocks in Europa wird im eigenen Land selbstredend nicht auf das stoische Festhalten an einem verkrusteten System zurückgeführt, sondern auf die Blockade-Allmacht der USA. Wieviele Schritte es noch bis zum Abgrund sein werden, ist ungewiß. Gewiß hingegen ist die Einschätzung ausländischer Beobachter, die nicht den Blick verloren haben für die Realität: Ohne Reform droht der Kollaps. Beispiel 1993: Energie- und Treibstoffmangel haben gravierende Auswirkungen. Keine Benzingutscheine mehr an Privatpersonen, Industriebetriebe fahren auf halber Leistung, zwei Drittel der Stadt- busse Havannas bleiben in den Depots, nachts nur geisterhafte Notbeleuchtung in der Hauptstadt. Kurzfristig ließ Fidel Castro 100.000 chinesische Fahrräder importieren, doch damit auf Dauer das landesweite Transportproblem lösen zu wollen, bleibt ein schlechter Scherz. Devisenbringende Touristen sollen wohlweislich an solch unangenehmen Randerscheinungen vorbeigelotst werden. Für sie eröffnen sich goldene Pfade beim Transport, bei den Mahlzeiten in den Hotels, während Kubas Volk darbt. „Solange wir zu essen haben, geht es noch”, hat mir ein Busfahrer in Havanna erklärt, als wir ohne Zuhörer an einer Haltestelle nahe des Paseo Jose Marti standen. Mit Wehmut blicken die Polit-Verantwortlichen Kubas auf die achtziger Jahre zurück, da die damalige Sowjetunion jährlich 13 Millionen Tonnen stark verbilligtes Öl lieferte und dafür kubanischen Zucker zu überhöhten Preisen abnahm. In minimaler Menge wird Erdöl auf Kuba selbst gefördert. Ansonsten existieren Lieferverträge mit Kasachstan und dem Iran sowie das russisch-kubanische Handelsabkommen: 1,5 Millionen Tonnen kubanischer Zucker gegen drei Millionen Tonnen russisches Erdöl. Doch alles das reicht bei weitem nicht aus. Unbeirrt halten Fidel Castro und seine Getreuen am Kommunismus fest. Bei Fernsehauftritten wirken manche der Alt-Herrscher wie Fossilien, die sich selbst überlebt haben und krampfhaft ihre Plätze in den Geschichtsbüchern als kompromißlose Kommunisten zu sichern suchen. Mehr Phantasie in der Wirtschaftspolitik forderte Staatschef Castro bei einer Rundfunkansprache zu Jahresbeginn 1993. Nach Meinung internationaler Beobachter helfen nur radikale, ernsthafte Reformen. Von 1 991 an sind sich erzreaktionäre Exil-Kubaner im US- amerikanischen Bundesstaat Florida sicher gewesen: Der Zusammenbruch des Sozialismus in ihrer einstigen Heimat sei nur eine Frage kurzer Zeit. Viele planen für die Post-Castro-Ära. Reiche Exil- Kubaner im Süden der Vereinigten Staaten haben gegen harte Dollar Reservierungen bei Flug- und Schiffahrtsgesellschaften hinterlegt: Sie wollen die ersten sein, die nach Kuba zurückkehren — nach dem Sturz Fidel Castros. Hunderttausende sitzen fern der Heimat gewissermaßen auf Abruf… So muß trotz der Mängel an allen Ecken und Enden erstaunen, daß Castro und Genossen noch fest im Sattel zu sitzen scheinen. Ei- ner der Gründe liegt sicher in der kubanischen Mentalität — im Strom der Zeit lassen sich viele lethargisch treiben. Ein anderer Grund fußt auf der allgegenwärtigen Repression, die bisher keinerlei organisierten Widerstand hat aufkommen lassen und Proteste mit harter Hand im Keim erstickt. „Die Dissidenten-Bewegung, die noch im Herbst 1991 mit dem Zusammenschluß mehrerer neuer Gruppen an Schwung zu gewinnen schien, ist zur Zeit so gut wie zerschlagen”, meldete die Deutsche Presse-Agentur im März 1993. Zur selben Zeit ging die Gefangenenhilfsorganisation Amnesty International von bis zu 500 inhaftierten Regimekritikern in kubanischen Gefängnissen aus. Häuser von Dissidenten werden beobachtet, Telefongespräche abgehört, Systemgegner werden brutal zusammengeschlagen. Den Klagen über Menschenrechtsverletzungen hält die kubanische Regierung entgegen, das aggressive Verhalten der USA gegenüber dem Inselstaat erfordere schon aus Gründen der nationalen Sicherheit ein hartes Vorgehen gegen Abweichler. Jene Kontrolle von oben ist im Alltag überall zu spüren. So existieren „Nachbarschaftskomitees” und die „Komitees zur Verteidigung der Revolution”. Wer angesichts des Mangels an Nahrungsmitteln und Transportmöglichkeiten aufbe- gehrt, muß mit „Besuch” rechnen, der ihn an seine „patriotischen Pflichten” erinnert. Immer öfter sind auch die 1991 gegründeten „Schnellen Brigaden” zur Stelle, um schlagkräftig für Ruhe zu sorgen.Überall grassiert die Angst vor Spitzeln und Repressionen. Wer als Einheimischer allzu engen Kontakt mit ausländischen Autoren und Journalisten pflegt, wird von seinen Landsleuten mißtrauisch gemustert. „Sie fliegen zurück, aber ich muß hier bleiben”, lautet dann der Tenor — ich habe es selbst erlebt. An anderer Stelle konnte eine einstige Lehrerin, jetzt Tourismus-Verantwortliche in Havanna, ihre Enttäuschung in einem Gespräch unter vier Augen nicht verbergen. Sie hatte das Thema selbst angesprochen. Natürlich sei man neidisch auf die Touristen, die relativ frei im Lande reisen könnten. Ihr Mann habe jetzt zwei Wochen Urlaub, ein Auto, man will raus aus der Stadt, doch es gibt kein Benzin. Bildungs- und Gesundheitswesen seien noch gut in Kuba, aber sonst…? Sie mag nicht weiterreden, ein Restgefühl an Mißtrauen mir gegenüber bleibt, und vielleicht wird man doch von irgendwoher abgehört. Zum Abschied tauschen wir Blicke, die mehr besagen als Worte…

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