Okt 4

Imposant sind die klobigen Mauern, der Turm und der Wassergraben. Auf dem Vorplatz sind historische Kanonen aufgestellt; das In nere der Festung beherbergt das Museum Castillo de la Fuerza . Zwischen dem Ende des 16. Jahrhunderts und del Mitte des 18. Jahrhunderts war die Burg Sitz der spanischen Generalgouverneure. Auf ihrem 1632 errichteten Turm wurde die untet dem Namen „La Giraldilla” bekannte Bronzestatue aufgesetzt, ein Werk des Bildhauers Jerönimo Martinez Pinzön. Vom oberen Teil dei verwinkelten Anlage aus bieten sich lohnenswerte Blicke auf Vorplatz und Wassergraben sowie Teile der Bucht und des Hafens. An der Avenida del Puerto kann man auch das von einigen Palmen umstandene Monument zu Ehren der im Zweiten Weltkrieg gefallenen Ma rinesoldaten Kubas ausmachen. Verläßt man die Festung Real Fuerza, so geht man die dem Palacio de los Capitanes Generales gegenüberliegende Plaza-Seite entlang. Dort befindet sich das 1828 eingeweihte Gebäude „El Templete”, das an Havannas Stadtgründung, die erste Messe und die erste „Stadtratssitzung” im Jahre 1519 unter einer Ceiba erinnert. Vom „Templete” aus geht man am Palacio de los Condes de Santovenia (Ende 18. Jahrhundert) vorbei zum heimeligen Freiluftcafe und -restaurant „El Patio Colonial”(hier auch gelegentlich Folkloreshows). In angenehmer Atmosphäre lohnt sich hier eine Rast beim Stadtbummel. Direkt neben dem Patio gelangt man an der Ecke Obispo/Baratillo zur „Tabema del Galeön”; hinter dem unscheinbaren Eingang verbirgt sich ein „Rum-Palast”, in dem man kosten und zu wirklich günstigen Preisen Hochprozentiges einkaufen kann. Auch im kleineren Barraum im Obergeschoß kann man eine Rast in der Altstadt einlegen. Im nahen Umkreis der Plaza de Armas — nicht weiter als zwei Blocks entfernt — gelangt man zu weiteren Besuchszielen. In der Calle Oficios Nummer 8 kommt man zur Casa del Obispo (Haus des Bischofs), zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert Havannas Bi- schofsresidenz; dort findet man auch das Münzmuseum. Ganz in der Nähe stößt man auf die Kollegs San Fran- cisco de Sales (17. Jahrhundert) und San Ambrosio (18. Jahrhun- dert) sowie auf die Casa de los Arabes (Haus der Araber; vgl. unter „Museen”), ein Kolonialbau aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, in dem ein Museum Aufschluß gibt über die musulmanischarabische Kultur. Wer die Calle Oficios einige Blocks weiter hinabgeht, kommt an die Plaza de San Francisco und an die 1730 begonnene Kirche San Francisco de Asis. Schlägt man an der Plaza de Armas die Calle Obispo ein, sieht man gegenüber der Seitenfront des Palacio de los Capitanes Generales die aus dem 17. Jahrhundert datierende Casa de Obispo (Haus des Bischofs; nicht zu verwechseln mit der Casa del Obispo in der Calle Oficios). An der Ecke Obispo/Mercaderes liegt das bekannte Hotel „Ambos Mundos”, in dem man das Hemingway-Zimmer besichtigen kann (vgl. dazu das gesonderte Kapitel „Hemingway und Havanna”). Geht man von der Plaza de Armas aus kommend die Calle Mercaderes hinab, sind die Casa de la Obrapia (Calle Obrapia Nummer 158; Bürgerhaus mit Ursprüngen im 17. Jahrhundert) und die Casa de Africa („Afrika-Haus”; Calle Obrapia, zwischen Mercaderes und San Ignacio; vgl. unter „Museen”) rasch erreicht. Durch die heute nur für Fußgänger bestimmte Calle Obispo gelangt man von der Plaza de Armas aus nach weniger als zehn Gehminuten an die Hemingway-Bar „El Floridita” (vgl. dazu das gesonderte Kapitel „Hemingway und Havanna”) und an den weiteren großen Besuchsbereich um den Parque Central und den Paseo Marti. Ein Bummel rund um die Plaza de Armas läßt sich zunächst noch besser mit den nahen Besuchszielen rund um die Plaza de la Catedral (Platz der Kathedrale) kombinieren. Ab der Plaza de Armas geht man zwei Blocks durch die Calle O’Reilly und schlägt dann den Weg ein in ein Gäßchen namens San Ignacio; bald kommt einer der beiden Kathedraltürme ins Blickfeld.

Okt 4

Ein Stück kubanische Wirklichkeit liegt in den Altstadtstraßen zwischen Plaza de Armas und Parque Central. Schon am frühen Morgen ist es über zwanzig Grad warm, noch liegt Schatten über den Warteschlangen aus Menschen. Gewartet werden muß überall, und die Geduld scheint vor den Ausgabestellen staatlicher Lebensmittelzuteilung groß und routiniert zu sein. Waren gibt es nur auf „libreta”, auf Schein. Angesichts all der wirtschaftlichen Mißstände muß die ma kellose Kleidung der Menschen erstaunen. „Lieber hungern als schlecht angezogen vor die Türe treten” — so hat es mir einige Tage später eine kubanische Lehrerin erklärt.
Wir sind verabredet mit dem Verantwortlichen für Havannas Zeitungsarchiv, treffen ihn in seinem Büro an der Calle Obispo, ein durch Neonlicht erhellter Raum ohne Fenster. Auch er ist gut gekleidet und gibt uns bereitwillig Auskunft zu staatlichen Bemühungen auf dem Erziehungssektor. Er lobt sein System in höchsten Tönen, schwenkt dann auf die Vorzüge des Gesundheitswesens über und spielt damit die größten Trümpfe pro Sozialismus aus. Sein Kommentar zur aktuellen Lage? Ein Verbaltanz um den heißen Brei. Immerhin gebe es negative Seiten, läßt er sich entlocken, wird aber nicht konkret. Angst vor den Abhöraktionen des staatlichen Geheimdienstes? Nun, bevor wir uns freundlich verabschieden, werden die Fehler im System pauschal entschuldigt. Schuld, ja Schuld, trügen im Grunde nur die USA mit ihrem Embargo. Wir treten wieder hinaus auf die Obispo, erkunden die Parallelstraßen Richtung Parque Central. Wir fühlen uns unwohl, nein, nicht bedroht, sondern es stinkt erbärmlich nach Moder, nach Fäkalien, nach den offenen Müllcontainern an den Ecken. Als wir einen halbverwesten Hund auf der Straße sehen, drehen wir ab und gehen zurück auf die Obispo. Wieder Schlangen vor den Läden; die Schaufensterauslagen in einem Schuhgeschäft sind erbärmlich. Gedränge vor einer „Casa Comisionista”, wo zum Beispiel Kleidung auf Kommission verkauft wird. Deprimierend ist allein die Beleuchtung in solchen Häusern; schummrigtristes Neonlicht flackert, mehr lassen der Energiemangel und die täglichen Stromsperren nicht zu. Wir erreichen den Parque Central. Einige Kinder wollen sich Kaugummis und Kulis erbetteln — ein Zeichen zumindest, daß die staat- liche Versorgung noch funktioniert und niemand Hunger leiden muß. Doch scharf auf solche „Luxusartikel” sind viele, da nützen all die sozialistischen Gleichheitsparolen nichts. Wir durchstreifen die Straßen hinter „Inglaterra”-Hotel und großem Theater. Man sieht zusammengebrochene Häuser, von den nur noch die Fassaden stehen. „Supermercados” (Supermärkte) sind nicht mehr als staatliche Zuteilungslager. Natürlich kann man auch als Tourist nichts kaufen — Bäckereien, Obststand, Fleischerei, es gibt nichts. Für den Touristen nicht, für den Kubaner nicht. Später gehen wir den Paseo de Marti Richtung Meer hinab und werden einige dekorative Fassaden gewahr mit kunstvoll ausstaffierten Balustraden, mit Topfblumen auf den Balkons und Wäscheleinen vor Stuckarbeiten. Doch dann sieht man wieder Bauten im Übergangszustand zu Ruinen, Putz blättert von den Wänden, Farbe ist seit Jahrzehnten nicht mehr aufgetragen worden. Es mangelt an allem, an Geld, an Farbe, an Pinseln. Als Kubaner freut man sich allgemein über Kleinigkeiten: Deo, Seife, Creme, Toilettenpapier. Seinen Gästen kann man allenfalls Kaffee anbieten. Den gibt es in manchen „Cafeterias” an der Straße literweise zum Mitnehmen — für den, der die eigenen Behältnisse mitbringt und ein bis zwei Stunden Zeit zum Anstehen. Von der Marti-Promenade aus gehen wir am Gömez-Denkmal vorbei zum Palacio de la Artesania. Ein Mädchen spricht uns an, es mag sechs Jahre alt sein. Versteckt in der Hand hält es Intur-Geld, Blechmünzen, mit denen man offiziell in den Intur-Shops kaufen kann. Sie drückt uns das Geld fast in die Hand. „Huevitos de choco- late, seis bolsitas”, sagt sie geradezu befehlsmäßig und gibt uns zu verstehen, wir sollten im Intur-Shop sechs Tütchen Schokoladeneier kaufen. Denn: Kubaner kommen nicht rein in diese Geschäfte. In der zur Kathedrale führenden Gasse San Ignacio werden uns Tage dar- auf zwei Frauen mit ähnlichem Vorhaben ansprechen: Seifenkauf im Intur-Shop. Die Geschäfte werden vom Türsteher bewacht, der gelegentlich seine Landsleute wie räudige Hunde mit abwertenden Gesten davonjagt. Am Zugang zum Patio des Palacio de la Artesania geht es vergleichsweise „human” zu. Doch ob Seife oder Scho- koladeneier: Wir lehnen ab. Man mag sich jetzt empören. Doch wir sind einfach wütend und schockiert darüber, daß man uns wie selbstverständlich als „privilegierte Menschen erster Klasse” ansieht. Rassentrennung übelster Sorte — da liegt ein Fehler im System, den man nicht kitten kann mit Seife oder Schokoladeneiern. Das Bedürfnis in der Bevölkerung ist da. Ein wenig mehr Luxus für sich und seine Geschmacksnerven — wer wollte das nicht? Was, wenn die Touristen als große Solidargemeinde auftreten und jeder sich weigert, Botengänge in Intur-Shops zu unternehmen. Verstärkt sich solche kubanische „Lust auf Luxus” nicht auf Dauer, macht unzufrieden über den Tag hinaus, macht rebellisch gegen sinnlose Dekrete „von oben”…? All die Widersprüche stehen gegeneinander, und der größte begleitet einen von Rechnung zu Rechnung zwischen Reisebeginn und Reiseende: Verlangt werden harte US-Dollar, das Geld von Kubas größtem Klassenfeind. Am Nachmittag haben wir einen Termin bei der Nationalen Tourismusbehörde im „Focsa”-Gebäude im Stadtteil Vedado. Wir gehen — wie so oft — zu Fuß, diesmal nicht über den Malecön am Meer entlang, sondern durch farb- und trostlose Straßenzüge der Aveni- das Simön Bolivar und Salvador Allende. Havanna könnte eine faszinierende Stadt mit Stil sein, denn die Substanz ist da: wunderschöne Fassaden und Arkaden über Arkaden. Durch viele der malerischen Säulenreihen traut man sich indes kaum durch. Denn immer wieder werden die Bauten durch wenig vertrauenerweckende Holzgerüste gestützt und vor dem Einsturz bewahrt — vorläufig. Vor unserem Termin schieben wir eine Rast im Foyer des noblen Hotels „Habana Libre” ein, kommen mit einem Spanier ins Gespräch, der an der Uni studiert. Er beschwört uns, bei allem in Kuba Geduld zu bewahren. Seit Monaten ist er in Havanna, wertet den Unterricht positiv, doch möchte er einmal raus aus der Hauptstadt, aber wie? Und wie zurück, denn dieses Transportproblem sei mindestens genauso groß? Eine halbe Stunde später sitzen wir drei kubanischen Touristikchefs gegenüber. Falsche Freundlichkeit, Ausfragetaktik und Mißtrauen sind im Spiel. Sie suchen das Interview zum Tourismus auf eine bestimmte Schiene zu lenken, halten uns vielleicht für radikale Politjournalisten, wollen manipulieren und schönreden, wo es nur geht. Und über den Dreck in den Straßen wolle ich doch bestimmt nichts schreiben in meinen Buch, oder…? Vor Sonnenuntergang sind wir zurück in „unserem” Hotel „Caribbean” am Paseo de Marti. Als wir Licht im Zimmer machen, springen einige Kakerlaken vom Bettlaken. Später drehen wir eine schnelle Runde zu Fuß. Die Dunkelheit in den Straßen der Hauptstadt ist unheimlich, viele Laternen bleiben ausgeschaltet. Liebespaare schlendern über den Paseo, finstere Gestalten huschen vorbei. Fast lautlos bewegen sich Radler auf ihren unbeleuchteten Velos durch die Nacht. Der Lichtstrahl eines Autos hat Seltenheitswert. In der Ferne dröhnt ein schwerer Diesel. Wie gut, daß wir keinen ausgedehnten Verdauungsspaziergang nötig haben, denn zu verdauen gibt es wenig: Die Fleischreste rund um ein müdes Hühnerbein, Reis, ein Tellerchen Kohlsalat und eine Wassersuppe. Ich denke an den Konsum daheim, an randvolle Geschäftsauslagen in Vitrinen, an verstopfte Straßen, dann an die Verkehrsöde Havannas mit hoffnungslos über- füllten Gelenkbussen, an denen sich in der Mitte Menschen in dieser „Gummi-Ziehharmonika” krampfhaft festkrallen. Hat man Grund unzufrieden zu sein bei uns daheim, in diesem unserem Lande, wo die Kälte Mühe hat, sich in überfüllte Kühlschränke zu zwängen…?