Geschichte Florenz Teil 1

Florenz ist eine Gründung der Römer: Im Jahre 59 v. Chr. erließ Julius Cäsar ein Gesetz, die Lex Julia, das jedem römischen Veteranen ein Stück unkultivierten Bodens zuwies. Für eine dieser neuen Veteranenkolonien wählte man das fruchtbare Arno-Tal. Dort, wo Florentia erbaut wurde, teilte sich der Fluß in vier Arme und war somit leicht passierbar. Drei Straßen kreuzten sich hier: Die bereits anderthalb Jahrhunderte zuvor angelegte Cassia (die, von Rom kommend, in Fiesole endete) sowie zwei alte Etruskerstraßen — die Via Pisana (die Pisa und Spina verband) und die Volterrana (die von Volterra nach Fiesole führte). Florenz war nicht — wie man früher annahm — eine etruskische Siedlung. Die Etrusker mieden für ihre Städte die Flußtäler. Sie bevorzugten die Lage auf den Hügeln, wo sie sicher waren vor feindlichen Angriffen, vor Überschwemmungen und dem Sumpffieber. Fiesole, hoch über Florenz gelegen, ist eine typische Etruskergründung. Daß diese kleine Stadt älteren Ursprungs ist, Florenz dagegen erst von den Römern gegründet wurde, ahnten bereits die Florentiner des Mittelalters. In Dantes ‚Paradiso< hören wir von der Frau vergangener Zeiten, die am Spinnrocken »ihrer Familie von den Trojanern, von Fiesole und von Rom fabulierte«, und der Chronist Giovanni Villani, ein Zeitgenosse Dantes, nannte Florenz »Tochter und Geschöpf Roms, das auf seinem Aufstieg zu großen Dingen bestimmt war (figliola e fattura di Roma, la quale era nel suo montare a grandi tose disposta)«. Das römische Florentia hob sich zunächst kaum von anderen Städten des Imperiums ab, es erhielt ein Forum mit einem Tempel, zwei Thermenanlagen, ein Theater und ein Amphitheater. Als man im späten 19. Jahrhundert ein neues Stadtzentrum baute, stieß man auf zahlreiche römische Funde — Mosaiken, Pflastersteine, Kapitelle, Fragmente von Statuen, Münzen. All das wanderte ins Archäologische Museum, wo es von den Kunstfreunden kaum beachtet wird. Die vielen römischen Statuen im Pitti-Palast, in den Korridoren der Uffizien, in den Boboli-Gärten stammen nicht aus Florenz, sondern aus Rom und Süditalien; erst im 16. und 17. Jahrhundert gelangten sie in den Besitz der Medici- Großherzöge.
Von Interesse ist die römische Stadt für den Reisenden vor allem wegen ihrer Bebauungsstruktur, denn diese zeichnet sich noch deutlich im heutigen Stadtbild ab. Das mittelalterliche und das neuzeitliche Florenz behielten das römische Straßenschema weitgehend bei. Betrachtet man den Stadtplan und vergleicht ihn mit Figur S. 16, so erkennt man, daß im Zentrum die Straßen rechtwinklig aufeinanderstoßen, daß die Häuserblocks, die insulae, schachbrettartig angelegt sind. Es ist dies das übliche Grundrißschema einer römischen Kolonialstadt, die sich vom Militärlager, dem castrum, ableitet. Der Straßenverlauf folgt den Haupthimmelsrichtungen. Die nordsüdliche Hauptachse, der cardo maximus, wird von der heutigen Via Roma, der ostwestliche Straßenzug, der decumanus maximus, von der Via Strozzi und dem Corso gebildet. Dort, wo sich die beiden Hauptverkehrsadern trafen, bei der heutigen Piazza della Repubblica, öffnete sich, wie üblich, das Forum. Außerhalb der römischen Mauern lagen das Theater (an der Stelle des Palazzo Vecchio und des Palazzo Gondi) und das Amphitheater (westlich der Piazza Santa Croce). Die Lage des Amphitheaters ist im heutigen Stadtbild noch gut erkennbar im ovalförmigen Verlauf des Straßenzuges Via Torta (>gewundene Straße<) — Via de’ Bentaccordi — Piazza de’ Peruzzi. Wie man das Stadtgebiet in insulae einteilte, so das zu kultivierende Land in Parzellen, die man sortes, Lose, nannte. Denn per Los wurden die unterschiedlich weit von der Stadt entfernt gelegenen Felder unter den Veteranen verteilt. Der Ager Florentinus erstreckte sich im Westen der Stadt bis zum heutigen Prato. Auch der Acker war durch cardines und decumani unterteilt. Doch im Gegensatz zur Stadt brauchten die Wege und Straßen nicht streng nach den vier Himmelsrichtungen ausgerichtet zu werden. So konnten die Feldmesser Rücksicht nehmen auf die natürlichen Gegebenheiten, vor allem auf den Verlauf des Arno. Daher war der Florentiner Acker in einem Winkel von 30° gegenüber dem castrum verschoben. Auch dies zeigt der heutige Straßenverlauf, sowohl in der Arno-Ebene als auch im Stadtgebiet. Schon in der römischen Kaiserzeit wuchs die Stadt über ihre Mauern hinaus, vor allem im Südwesten, zum Hafen hin. Der Arno war bis ins Mittelalter schiffbar, in der Nähe von Florenz allerdings nur für kleinere Boote und Flöße. Jenseits des Arno, im Oltr’Arno, auf der Ausfahrtsstraße nach Rom, bildete sich ein Vorort, der vornehmlich von Händlern bewohnt wurde. Diese gründeten hier die vermutlich älteste Florentiner Kirche — Santa Felicita. In ihren Katakomben fand man auffallend viele Grabsteine mit griechischen Namen. So ist anzunehmen, das Christentum sei von griechisch sprechenden Händlern aus dem Orient, vor allem von Syrern, von Rom nach Florenz gebracht worden. Auch der HI. Minias (San Miniato), der um das Jahr 250 n. Chr. in Florenz das Martyrium erlitt, war wahrscheinlich orientalischen Ursprungs. Das Apsismosaik seiner Grabeskirche San Miniato al Monte bezeichnet ihn als »König der Armenier«. Ein zweites frühchristliches Gotteshaus, San Lorenzo, lag ebenfalls vor den Toren der Stadt — auf einer leichten Erhebung an der Straße nach Fiesole. Diese im Jahre 393 vom Hl. Ambrosius von Mailand geweihte Kirche war der erste Florentiner Bischofssitz. Wir wissen nicht genau, was der Name Florentia bedeutet: Ob er von fluere (fließen) abzuleiten ist oder von florens (blühend) oder den ludi florales, den alljährlich vom 27. April bis 3. Mai gefeierten Frühlingsfesten. Eine Blume, die Lilie, die noch heute wild im Arno- Tal wächst, wurde im frühen Mittelalter in das Stadtwappen aufgenommen. Möglicherweise wollten die Römer mit dem Namen Florentia auch nur ausdrücken, daß ihre neue Kolonialstadt blühen möge — ein Wunsch, der sich bald, nicht erst im Mittelalter, erfüllen sollte. Florenz überflügelte nicht nur die alten Etruskerstädte Fiesole, Volterra und Chiusi, sondern auch die anderen römischen Kolonialstädte wie Lucca oder Pistoia. Kaiser Diokletian (284-305 n. Chr.) erhob Florenz zur Hauptstadt der Siebten Region, die das Gebiet der Toscana und Umbrien umfaßte. Einer der correctores Italiae nahm Sitz in dieser Stadt. Die begünstigte geographische Lage in fruchtbarer Ebene und in der Nähe des Flusses war zugleich die gefährlichere. Die Stadt war Überschwemmungen und feindlichen Angriffen ausgesetzt. Zur Regulierung des Arno, zur Entwässerung der Ebene, zur Instandhaltung der allein Schutz bietenden Mauern bedurfte es ständiger Bemühungen. Als nach dem Zerfall des Römerreiches die Völker aus dem Norden den Apennin überquerten, als das Gebiet der Toscana von Byzanz umkämpft wurde, war Florenz den feindlichen Truppen stärker ausgesetzt als die alten Etruskerstädte. Dies mag erklären, daß die Stadt am Arno während der Völkerwanderungszeit nahezu vollständig zerstört wurde. Am meisten hatte sie unter dem Krieg zwischen Goten und Byzantinern zu leiden. Um 541 wurde sie mehrmals geplündert, die Gebäude verfielen, nicht mehr als tausend Einwohner blieben in ihren Mauern. Der von den Byzantinern angelegte Verteidigungsring (er gilt als die zweite Stadtmauer) umfaßte etwa ein Drittel der ursprünglichen Römerstadt (von 48 insulae nur 16).
Erst nachdem die Langobarden um 568 die Toscana erobert hatten, gab es Anzeichen eines wiederbeginnenden städtischen Lebens. Die Langobarden errichteten zehn neue Kirchen. Von diesen wurden vier, darunter Or San Michele, dem Erzengel Michael, ihrem Schutzheiligen, geweiht. Doch Florenz, die ehemalige Hauptstadt der Siebten Region, verlor seine führende Position an Lucca und Pisa, die Residenzstädte des Langobardenherzogs und seines Stellvertreters. Eine neue, immer mehr an Bedeutung gewinnende Verkehrsader, die Strata Romea, die spätere Frankenstraße, zog an Florenz vorüber. Im Jahre 774 eroberte Karl der Große das Langobardenreich. Das regnum Italiae wurde fränkische Provinz. Den einzelnen langobardischen Verwaltungsregionen, den iudicaria (die weitgehend — aber nicht ganz — den Diözesen entsprachen), wurden Grafen vorgesetzt, die in den Städten, so auch in Florenz, ihren Sitz nahmen. Unter den Karolingern verbesserte sich die wirtschaftliche Situation. Im Jahre 825 konnte Kaiser Lothar in Florenz (wie auch in acht anderen italienischen Städten) eine theologische Schule gründen. Die Einwohnerzahl stieg auf etwa 15000 an. Ein neuer, erweiterter Mauerring war erforderlich, der auch das Dreieck zwischen der römischen Südmauer und dem Arno umschloß. Im Jahre 854 vereinigte Lothar die Grafschaften Florenz und Fiesole. Dies war zunächst nicht mehr als eine Verwaltungsvereinfachung, denn ohnehin hatte nur eine einzige Person, der Markgraf, die verschiedenen Grafschaftsämter der Toscana inne. Doch diese Vereinigung der beiden Grafschaften erwies sich später als vorteilhaft für Florenz, denn sie brachte der Stadt ein zweifaches Landgebiet (contado). Florenz wurde wirtschaftlich mächtiger und wurde wehrfähiger. Die Markgrafen der Toscana hatten anfangs ihren Sitz in Lucca; in Florenz hielten sie sich nur zu Gerichtssitzungen und anderen Amtsgeschäften auf. Erst Markgraf Hugo verlegte seine Residenz nach Florenz. »Ihm gefiel die Toscana und besonders die Stadt Fiorenza, und er ließ auch seine Frau kommen und nahm hier als Vikar Kaiser Ottos III. seinen Wohnsitz« (Malespini). Die Wappenfarbe dieses Markgrafen deutschen Namens (von Brandenburg) — Weiß und Rot — wurden die Farben der Stadt. Der legendenumwobene Markgraf Hugo soll auch sieben große Abteien gestiftet haben; gestorben ist er am 21. Dezember 1001 in Pistoia, doch beigesetzt wurde er in der Badia Fiorentina, die seine Mutter Willa gestiftet und mit 31 Landgütern und 21 Häusern großzügig ausgestattet hatte.

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