Geschichte Florenz Teil 2

Mit der Jahrtausendwende begann für Florenz eine erste kulturelle Blütezeit. Sie fand ihren großartigsten Ausdruck im Baptisterium und den Kirchen San Miniato und Santi Apostoli. Es sind die frühesten Zeugnisse eines spezifisch florentinischen Gestaltungsvermögens, auf das die Architekten der Frührenaissance, Brunelleschi und Alberti, zurückgriffen. So hat sich für diese Bauten aus der Zeit der Romanik der Stilbegriff Protorenaissance durchgesetzt. Anders als San Marco in Venedig oder der Pisaner Dom entstanden das Baptisterium und San Miniato al Monte noch nicht aus eigener Wirtschaftskraft oder aus der Beute militärischer Eroberungszüge. An den Kosten für San Miniato war Kaiser Heinrich II. beteiligt. Das Baptisterium hingegen kann als antikaiserliche, als päpstliche Kirche verstanden werden, die in ihren Ausmaßen und Ansprüchen römische Baugedanken (Pantheon, Laterans-Baptisterium) wiederbelebt. Wir gewinnen den Eindruck, daß Florenz sich im 11. Jahrhundert mehr oder weniger passiv verhielt, umworben von Kaiser, Papst und Markgrafen. Beide Bauten, San Miniato wie das Baptisterium, sind mit den von Cluny ausgehenden, sich gegen die Verweltlichung der Kirche richtenden Reformbewegungen verbunden, die in Florenz ein italienisches Zentrum fanden. Im Jahre 1055 tagte ein Konzil in dieser Stadt, das Beschlüsse gegen Simonie und Priesterehe faßte. Die Ursachen für die Verweltlichung (die sich nicht auf Florenz beschränkte) lagen weit zurück: in den Privilegien und Besitztümern, die den Bischöfen und Äbten schon seit den Karolingern zuteil wurden.* Kirchliches Gut wurde von den Amtsträgern als persönliches Eigentum betrachtet. Eine jede Pfründe, ob Bischofssitz oder Pfarrei, hatte ihren Kaufpreis. Der Florentiner Bischofsstuhl kostete im Jahre 1061 (sechs Jahre nach dem Konzil) den hohen Betrag von 3000 Pfund. Den Bischof Hildebrand, der die Benediktiner cluniazensischer Reform nach Florenz holte, der für sie San Miniato errichten ließ und Kaiser Heinrich II. zu einer Stiftung bewegte, bezeichnete der Historiker Davidsohn als »erfreulichen Fortschritt«, weil er sich mit nur einer Ehefrau begnügte und nicht — wie einer seiner Vorgänger — das Gut der Kirche mit Dirnen vergeudete. Zu den Anhängern der Reformbewegung zählte auch Papst Nikolaus II., der 1059 mehrere Florentiner Kirchen, darunter das Baptisterium, San Lorenzo und Santa Felicita weihte. Er war auf Betreiben des Cluniazensermönches Hildebrand zum Papst gewählt worden (behielt jedoch gleichzeitig den Florentiner Bischofsstuhl bei, den er seit 1045 innehatte). Hildebrand wurde 1077 selber zum Nachfolger Petri ernannt. Er war jener mächtige Gregor VII., dem sich Kaiser Heinrich IV. auf Canossa unterwarf. Die Burg Canossa aber gehörte der toscanischen Markgräfin Mathilde, der Gran’ Contessa, die aus der Gegnerschaft zum Kaiser ihre Städte, so auch Florenz, auf dem Weg zur Autonomie unterstützte. Keine zweite Frau wurde von den Florentinern so sehr verehrt. Ihr Titel Contessa wurde zu einem beliebten Vornamen für Mädchen. Bis ins 13. Jahrhundert müssen wir uns die Stadt noch ohne den mächtigen Dom-Neubau und ohne den Palazzo Vecchio vorstellen. Das Gebiet der Piazza Signoria war noch dicht bebaut, die einzigen größeren Plätze waren der Mercato Vecchio (das ehemalige Forum) und der Mercato Nuovo (der heutige Strohmarkt). Daneben gab es kleine Plätze vor den Kirchen, die sagrati, von denen die Piazza del Limbo vor Santi Apostoli oder die Piazza Santo Stefano noch eine Vorstellung vermitteln. Die Stadt war in sechsunddreißig Pfarreien aufgeteilt, doch mit Ausnahme von Santi Apostoli blieb keine der vielen romanischen Pfarrkirchen in ihrer damaligen Gestalt erhalten. Wir wissen nicht genau, wann Florenz die Städtefreiheit erlangte. Es war jedenfalls noch vor dem Tode der Mathilde von Canossa (1215). Aus Kreisen des Patriziats wurden Konsuln gewählt, denen der Rat der Hundert, die Centi Buonomini, zur Seite stand. Bei wichtigen Entscheidungen berief man eine Volksversammlung, den Consiglio Generale, ein. Den Bauten der Protorenaissance konnte Florenz in den kommenden anderthalb Jahrhunderten nichts Gleichwertiges zur Seite stellen. Im 12. und 13. Jahrhundert, als in Pisa der Dom erweitert, als dort Campanile, Baptisterium und Campo Santo erbaut wurden, als man in Lucca, Pistoia und Prato, später auch in Arezzo und Siena Dome und Bürgerkirchen errichtete, entstand in Florenz kein Bauwerk gleichen Ranges. Für diese Zeit ist in Florenz keine bedeutende Skulptur, kein einziges Tafelgemälde bezeugt. Die Florentiner beschränkten sich auf den Bau verhältnismäßig bescheidener Kirchen wie San Jacopo sopr’Arno und errichteten eine neue Mauer (ab 1173), die fast die dreifache Stadtfläche umschloß, erstmals auch ein Gebiet jenseits des Arno. Sie pflasterten die Straßen und legten neue Brücken an: Ponte alla Carraia (1218-20), Ponte alle Grazie (1232) und Ponte a Santa Trinita (1252). In dieser künstlerischen Pause schuf Florenz die wirtschaftlichen und politischen Voraussetzungen für seine spätere Vormachtstellung. Die Wirtschaft beruhte auf Handwerk und Handel. So galt es, Absatzmärkte zu erschließen, die Handelswege zu sichern und ein von Wegezöllen freies Landgebiet zu erobern. Doch auf dem Lande saßen seit der Karolingerzeit die Feudalherren, die sich den Expansionsbestrebungen der Städte entgegensetzten. Kein Sommer verging, ohne daß die Florentiner auszogen, um Kastelle zu stürmen. Auf vielen Seiten berichtet der Chronist Giovanni Villani von diesen — man muß sie wohl so nennen — Raubzügen: »Wie die Florentiner das Kastell von Monte Buono zerstörten«, »Wie die Florentiner das Kastell von Progna einnahmen«, »Wie die Florentiner Monte Grossoli kauften«, »Wie die Florentiner das Kastell von Prato besiegten und zerstörten«. Meist versuchte die Kommune, den Landadel einzubürgern; gelang das nicht, wurde dieser gezwungen, für einige Monate in der Stadt zu wohnen; dabei gingen ihm freilich die Gerichtsbarkeit und Steuerhoheit verloren. Die wenigsten Familien, die sich widerwillig einbürgern ließen, dürften geahnt haben, welche Vorteile ihnen die Stadt, welchen Gewinn ihnen der aufblühende Handel und die Textilindustrie bringen würden. Als cittadini erlangten die Landedelleute dieselben Rechte wie das städtische Patriziat. Selbst die höchsten politischen Ämter standen ihnen offen. Die eingebürgerten Nobili wollten auch innerhalb der schutzbietenden Mauern auf die Wehrtürme ihrer Kastelle nicht verzichten. So kam es in den italienischen Städten zum Bau der Geschlechtertürme. Für das Florenz des 13. Jahrhunderts schätzte man die Zahl der Türme auf 167. Sie konnten eine Höhe bis zu 120 Florentiner Ellen (ca. 70 m) erreichen. Wer heute durch das alte Florenz geht, entdeckt im Borgo Santi Apostoli, in der Via delle Terme und in den engen Gassen zwischen Dom und Palazzo Vecchio eine ganze Reihe dieser Geschlechtertürme, allerdings nicht mehr in ihrer ursprünglichen Höhe. Die Türme miteinander befreundeter Familien waren ursprünglich mit hölzernen Brücken verbunden, die man torazzi nannte. Daher die hochgelegenen, scheinbar ins Leere führenden Türöffnungen. Gewiß waren die Türme eine Art Statussymbol. Kam es jedoch zu Streitigkeiten zwischen den Geschlechtern, so wurden sie sehr bald zu Wehrtürmen, in denen die gesamte Familie Schutz fand.

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