Florenz Medici

Zum Zeichen, daß die Vorherrschaft des Adels gebrochen sei, ließ der popolo die Symbole seines Hochmutes, die Geschlechtertürme, abtragen: »Und als das Volk die Signoria und den Staat eingenommen hatte, wurde — um die Kraft des Volkes zu stärken — verordnet, daß alle Türme von Florenz … abgetragen und auf eine Höhe von 50 Ellen reduziert würden, und so geschah es« (Giovanni Villani). Zu den ersten Beschlüssen der neuen Regierung zählte der Bau eines eigenen Palastes für das neue Amt des capitano del popolo. Dieser erste Stadtpalast, den man später Bargello nannte, und die etwa gleichzeitig begonnene Kirche Santa Maria Novella stehen am Beginn einer einzigartigen Bauentfaltung, zu deren Höhepunkten Santa Croce, der zweite Stadtpalast (Palazzo Vecchio) und der Dom gehören: Diese großen Bauunternehmungen um 1300 sind mit dem Namen Arnolfo di Cambio verbunden, der Dombaumeister und zugleich Stadtbaumeister war und auch die große, letzte Stadtmauer plante. Diese Mauer, von der jenseits des Arno noch weite Strecken erhalten blieben, umschloß erstmals auch die Konvente der neuen Orden, die sich außerhalb des alten Stadtgebietes niedergelassen hatten: Im Westen die Dominikaner (Santa Maria Novella, seit 1221), im Osten die Franziskaner (Santa Croce, seit ca. 1228), im Norden waren es die Serviten (Santissima Annunziata, 1250), im Süden, jenseits des Arno, die Augustiner (Santo Spirito, um 1250) und Karmeliter (Santa Maria del Carmine, 1268). Alle diese Ordensgemeinschaften errichteten in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts neue, größere Kirchen. Dazu kommen die im Westen der Stadt schon länger angesiedelten Humiliaten mit der Ognissanti-Kirche und die Vallombrosaner mit Santa Trinita. Wie die Stadtpaläste und der Dom wurden die neuen Kirchen als öffentliche Bauvorhaben betrachtet, für die die Kommune einen Teil der Kosten übernahm.
Die neuen Klosterkirchen sind nicht nur durch das rapide Anwachsen der Bevölkerung zu erklären. Florenz zeigte sich im 13. Jahrhundert besonders aufnahmebereit für die religiösen Strömungen, die von den neuen Orden ausgingen. Wir sollten dies nicht als eine Selbstverständlichkeit hinnehmen, denn die machthungrige Stadt war alles andere als heilig. Der Erfolg der Franziskaner und Dominikaner, besonders bei den Armen, erklärt sich daraus, daß sie dem Merkantilismus andere Ideale entgegenzusetzen hatten. Um 1300 hatte Florenz den Höhepunkt »seiner Grandezza, seiner Macht und Einwohnerzahl« erreicht (Giovanni Villani). Doch schon bald kam es »auf Grund von Neid unter den Bürgern« erneut zur Parteibildung und den gefürchteten Geschlechterfehden. Am Anfang standen wiederum ein Familienstreit — diesmal zwischen den Cerchi und den Donati — und eine verweigerte Ehe. Um die Cerchi gruppierten sich die Weißen, die Verbindungen zu exilierten Ghibellinen unterhielten, um die Donati dagegen vor allem Vertreter des Großbürgertums und der Guelfen, die Schwarzen. Als Dante im Sommer des Jahres 1300 in das Priorat für die übliche Zeit von zwei Monaten gewählt worden war, stimmte er für die Verbannung der Granden (sowohl der Schwarzen als auch der Weißen), weil sie die Prioren bei ihrer Prozession zum Baptisterium tätlich angegriffen hatten. Dies war einer der Gründe, warum der Dichter mit sechshundert anderen Weißen, darunter dem Vater Petrarcas, verbannt wurde. Im Exil galt Dantes letzte Hoffnung Kaiser Heinrich VII., daß er Italien aus der Macht des Papstes und des französischen Königs retten und das antik- römische Imperium wiederherstellen werde. Doch Heinrich starb unerwartet bei Buonconvento. Das 14. Jahrhundert, das mit erneutem Parteienstreit und der Verbannung Dantes begann, brachte wirtschaftliche Einbußen, politische Niederlagen und Katastrophen. Die Bankhäuser der Peruzzi und Bardi meldeten Bankrott an, die Stadt verlor zwei Schlachten gegen Pisaner und Luccheser Ghibellinen (1315 und 1325), sie wurde von einer Arno-Überschwemmung (1333), von Hungersnöten (1315-17) und von Epidemien (u. a. 1340, 1348, 1371-74) heimgesucht. Die Pest von 1348 reduzierte die Einwohnerschaft von etwa 100000 auf etwa 40000. In ihren Schwierigkeiten vertraute sich die Stadt dreimal — ohne Glück — auswärtigen Signori an: Robert von Anjou, dem späteren König von Neapel (1313), dem Herzog von Kalabrien (1325) und Gualtier de Brienne, dem Herzog von Athen (1342). Es läßt sich unschwer vorstellen, welchen zwiespältigen Eindruck etwa der Herzog von Kalabrien in der Bürgerstadt hinterließ, in die er mit 219 Dienern und 1547 Rittern prunkvollen Einzug hielt. Die sozialen Spannungen zwischen Adel und Bürgertum verlagerten sich auf Wohlhabende (den popolo grasso) und Mittellose (den popolo minuto). Einen Höhepunkt fanden die Klassenkämpfe 1378 im Aufstand der Ciompi, der vom aufstrebenden Bürgertum, der gente nuova, angezettelt worden war. Für sechs Wochen hatten die politisch rechtlosen Wollarbeiter, auf deren Tätigkeit letztlich der Wohlstand der glanzvollen Kunststadt beruhte, sich die Regierungsgewalt erkämpft. Sie forderten bessere Löhne, ein progressives Steuersystem und das Recht zur Selbstorganisation in Zünften. Doch ihre Herrschaft konnte nicht von Dauer sein. Sie scheiterte nicht nur am Verrat ihres Führers Michele di Lando und am Widerstand der Unternehmer, die ihre Arbeiter aussperrten und somit dem Hunger preisgaben. Die tieferen Ursachen lagen in der politischen und kaufmännischen Unerfahrenheit der Wollarbeiter. Welchen diplomatischen Geschicks die Florentiner Regierungsgeschäfte bedurften, zeigte sich in den kommenden Jahrzehnten, als Florenz von Gian Galeazzo Visconti aus Mailand bedroht wurde. Maso degli Albizi mußte zum französischen König nach Paris, Niccolö da Uzzano zum Dogen nach Venedig reisen, um darzulegen, daß die Kanonen des Visconti nicht nur für Florenz eine Gefahr bedeuteten. In Reaktion auf die Revolte der Ciompi wurde Florenz am Ende des 14. Jahrhunderts von einem kleinen Kreis führender Familien beherrscht. Der Historiograph Giovanni Cavalcanti beklagte, die Republik werde nunmehr »außerhalb des Stadtpalastes (fuori del Palagio) regiert«. Den größten Einfluß hatten die Triumvirn Maso degli Albizi, Niccolö da Uzzano und Gino Capponi. Das entrechtete Volk und die Machtlosen setzten ihre Hoffnung auf eine Familie, aus der schon beim Ciompi-Aufstand ein Mitglied sich für die Sache des popolo minuto eingesetzt hatte — auf die Medici … Die Medici waren ein verhältnismäßig junges Geschlecht, das Dante in seiner Divina Commedia noch nicht für erwähnenswert hielt und das Dino Compagni als >Rotte< (masnada) bezeichnet hatte. Begründer des Vermögens war Giovanni de’ Medici, den man Giovanni di Bicci nannte. Er trat zunächst in das römische Bankhaus seines Onkels Vieri di Cambio ein, gründete 1393 eine eigene Bank in Rom oder aber — dies ist nicht geklärt — übernahm die Bank Vieris. Er verlegte 1397 den Hauptsitz nach Florenz an die Via Porta Rossa. Eine weitere Niederlassung gründete er in Venedig (1406). Als besonders vorteilhaft erwies sich, daß Giovanni Beziehungen zum Heiligen Stuhl in Rom knüpfte (1413). Die Medici wurden die Bankiers des Papstes und darüber hinaus mit prozentualem Anteil Verwalter der Kirchengelder. Den sagenhaften Reichtum verdankte diese Familie vor allem dieser konkurrenzlosen Stellung. In der von den Optimaten beherrschten Politik hielt sich Giovanni di Bicci weitgehend zurück. Dennoch nahm er, wie jeder angesehene und nicht mittellose Bürger, die Möglichkeit wahr, öffentliche Ämter zu bekleiden. Er wurde mehrmals in die Signoria gewählt, im Jahre 1421 als Gonfaloniere di giustizia (das angesehenste der Ämter). Sein Sohn Cosimo erbte das Vermögen ungeteilt. Dieser Medici war eine der faszinierendsten Gestalten der Florentiner Geschichte. Hochbegabt und ehrgeizig, genoß er »schon im Alter von 25 Jahren ein solches Ansehen, daß Neid und Mißgunst sich zu regen begannen«, so Vespasiano da Bisticci, Buchhändler und Kartograph, der Cosimo persönlich kannte. Die vierzigseitige Studie über Cosimo in den >Lebensbeschreibungen berühmter Männer< gibt uns einen farbigen Eindruck von dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit. Cosimo ist zuzuschreiben, daß die Herrschaft der Medici eine dauerhafte wurde.

Leave a Comment

Please note: Comment moderation is enabled and may delay your comment. There is no need to resubmit your comment.