Geschichte Florenz Teil 3

Die Gefechte trug man von Turm zu Turm über den Häuptern der Bürger aus. Bevor im Jahre 1289 ein Gesetz die Leibeigenschaft aufhob, mußte auch die Dienerschaft an den Kämpfen teilnehmen. Schon damals kam es zur »pestilenza« der Bürgerkriege. »Aber während das Sich-Bekriegen zwischen den Bürgern üblich wurde, bekämpften sie sich den einen Tag, den anderen aber aßen und tranken sie zusammen, wobei sie sich ihrer Kraft rühmten und der eine vor dem anderen damit prahlte, was er bei diesen Schlachten vollbrachte« (Giovanni Villani). Nicht immer handelte es sich um Familienstreitigkeiten, oft auch um Kämpfe mächtiger Familien — vor allem der Uberti — gegen die städtische Ordnung. »In diesem Jahr, 1177, brachen in Florenz Zwistigkeiten und ein großer Krieg zwischen den Bewohnern aus. Wegen ihres großen Reichtums und ihres Wohlergehens, gemischt mit hochmütigem Undank, begannen die Uberti, die Mächtigsten und Größten der Stadt, mit ihren Gefolgsleuten — Adeligen wie Popolanen — einen Krieg gegen die Konsuln … und zwar wegen der Mißgunst der Signoria, die ihnen nicht zu Willen war« (Giovanni Villani). Florenz verfolgte seine wirtschaftspolitischen Ziele mit einer Skrupellosigkeit sondergleichen. 1125 überschritten Florentiner Truppen erstmals die Grenze des Contado (das Gebiet der früheren Grafschaft) und zerstörten kurzerhand, aus nichtigem Anlaß, Fiesole, die Rivalin auf dem nahen Hügel, und zwar »bis auf die Fundamente (in fino alle fondamenta)« (Giovanni Villani). Nur Dom und Bischofspalast blieben verschont, wohl weil die Florentiner den Konflikt mit der Kirche fürchteten. Der Papst konnte jederzeit das Interdikt über eine Stadt aussprechen; es bestand darin, daß die Kirchen geschlossen blieben, daß auch keine Sakramente gespendet wurden (mit Ausnahme der Letzten Ölung); es hatte meist auch wirtschaftliche Folgen, denn wer Bürgern einer Stadt, die nicht mehr unter dem Segen der Kirche stand, Schulden nicht zurückzahlte, brauchte nicht damit zu rechnen, exkommuniziert zu werden. Tatsächlich verhängte der Papst in den kommenden Jahrhunderten mehrmals das Interdikt über Florenz, das erste Mal, für fünf Jahre, 1248. Die Florentiner hatten ein Kloster belagert und das Kastell Monte Crocio erobert, während sein Herr, Guido Guerra, am Zweiten Kreuzzug teilnahm. »Und so begann die Kommune Florenz, sich auszudehnen, mehr aus Stärke als aus Berechtigung. Und so vergrößerte sie den contado und unterstellte alle Landedelleute ihrer Rechtsprechung und zerstörte ihre Festungen.« Giovanni Villani, der dies niederschrieb, konnte kaum ahnen, daß sich Florenz in den kommenden Jahrhunderten außer Lucca aller Städte der Toscana bemächtigen würde: Pistoias (1329), Pratos (1351), San Gimignanos (1354), Volterras (1361), Arezzos (1380), Pisas (1406), Cortonas (1411) und schließlich Sienas (1555-59). Diese Eroberungen wurden weniger durch militärische Siege als mit Hilfe des Goldes errungen. Florenz war die erste Stadt, die, ein kaiserlich-königliches Privileg usurpierend, eigene Goldmünzen prägte, den berühmten Goldflorin (fiorino d’oro). Wegen seiner Reinheit und des genauen Gewichtes wurde er zur begehrtesten Münze in ganz Europa. Noch heute erinnert die Abkürzung für holländische Gulden, fl., an den fiorino, der anstelle des Kaiserporträts das Bild des Stadtpatrons, Johannes des Täufers, trug. Im 13. Jahrhundert gelangte Florenz zu einer wirtschaftlichen Blüte sondergleichen. Florentiner Händler waren auf den großen Märkten Europas vertreten. Konkurrenzlos war die Qualität der Wollerzeugnisse, die günstigen Beziehungen zum Papst erleichterten die Geld- und Warengeschäfte mit dem Ausland. In keiner anderen toscanischen Kommune erreichten die Handwerker und Kaufleute vergleichbaren politischen Einfluß. Sie schlossen sich früh, bereits im 12. Jahrhundert, zu Zünften, zu arti, zusammen und bildeten seit 1282 die Regierung, das sogenannte Priorat. Dieses bestand aus den Vorstehern der sieben Hauptzünfte (priores septem artium) und dem gonfaloniere della giustizia, dem Bannträger des Rechts. Das Priorat blieb bis zur Zeit der Medici die formale Grundlage der Regierung. Belastet wurde Florenz im 13. Jahrhundert durch die Parteikämpfe der Guelfen und Ghibellinen. In ihnen setzte sich der Konflikt zwischen den Ansprüchen des Reiches und den städtischen Autonomiebestrebungen fort. Die Guelfen waren bekanntlich Anhänger des Heiligen Stuhles, die Ghibellinen dagegen die des Reiches. Als Parteigänger des Papstes waren die Guelfen zugleich auch Befürworter der städtischen Autonomie um jeden Preis. Die Ghibellinen dagegen erkannten den Kaiser als Ordnungs- und Schutzmacht an, ohne daß sie freilich daran dachten, ihm die mühsam errungene Stadtfreiheit leichtfertig zu opfern. Was das Reich von Florenz forderte, war nicht viel mehr als eine Anerkennung pro forma. Diese wäre jedoch nicht vereinbar gewesen mit der Florentiner Expansionspolitik. Erst die Ausdehnung der Machtbereiche aber brachte sichere Absatzmärkte, und so waren es vor allem die Großkaufleute, die die Politik der Guelfen und des Papstes unterstützten. Den Florentiner Chronisten zufolge nahm die Aufspaltung in Guelfen und Ghibellinen ihren Anfang bei einem Familienstreit. Der junge Buondelmonti wurde am Ostersonntag 1216 auf dem Ponte Vecchio ermordet. Er hatte sich geweigert, ein Eheversprechen einzulösen. Der Mord am hellichten Tage empörte die Florentiner. »Das ganze Volk lief zu den Waffen … und jener Mord an Messer Buondelmonti war Grund und Anfang der verfluchten Guelfen- und Ghibellinenparteien« (Giovanni Villani). Indem sich die Mörder auf die kaiserliche Autorität beriefen, versuchten sie, sich der Verurteilung durch den städtischen Podestä zu entziehen. Die Amidei, die Lamberti und die Uberti ergriffen offen Partei für Friedrich II., den Waiblinger, den ghibellino, während die Buondelmonti und andere Familien den Papst und seinen Schützling Otto IV., den Welfen, den guelfo, unterstützten. Von Florenz aus griff die Parteibildung auf andere Städte Mittel- und Oberitaliens über. In jeder Stadt gab es bald Anhänger beider Parteien, auch wenn sich Arezzo, Pisa und Pistoia gewöhnlich als kaisertreu erwiesen, während in Florenz und Lucca seit der Mitte des 13. Jahrhunderts die Guelfen die Oberhand hatten. Zunächst herrschte in Florenz »ein gesundes ghibellinisch-guelfisches Gleichgewicht, das sich nicht nur auf die innere Entwicklung der Stadt günstig auswirkte, sondern auch deren Machterweiterung erheblich förderte« (Berthold Stahl). Eine Wende brachte der Sieg Kaiser Friedrichs II. über den oberitalienischen Städtebund 1237. Die Florentiner Ghibellinen erhielten Auftrieb. Eine Zeitlang schien es, in Mittelitalien sei die alte Reichsmacht wiederhergestellt. Ein kaiserlicher Vikar regierte die Toscana, die Guelfen wurden 1247 aus der Stadt vertrieben. Im September 1250 erlitten die Ghibellinen bei Figline eine Niederlage. Müde von den Parteikämpfen, entfachten die Bürger eine Revolution. Zum ersten Mal bemächtigte sich der popolo der Herrschaft. Weder Ghibellinen noch Guelfen gehörten dieser Regierung an, die man den primo popolo nannte. Doch verstand man unter popolo noch nicht das Volk im Sinne der Lohnarbeiter und der unteren Schichten, sondern das Bürgertum, das es zu einem gewissen Wohlstand gebracht hatte. Allein während des sechswöchigen Aufstandes der ciompi, 1378, hatten auch die Lohnabhängigen in der Republik Florenz politische Rechte erlangt.

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