1965 übernimmt der vormalige Ministerpräsident Fidel Castro das Amt des ersten Sekretärs der neugegründeten Kommunistischen Partei Kubas. 1976 wird Castro Vorsitzender des Staatsrates; im selben Jahr tritt die neue sozialistische Verfassung in Kraft. Mit Hilfe sowjetischer Kredite ist die ökonomische Entwicklung und soziale Umgestaltung des Inselstaates unterstützt worden. Als Haupthandelspartner, Kreditgeber, Zuckerabnehmer und Öllieferant fungiert die UdSSR. Im sozialen Bereich — Stichworte Bildung, Erziehungs- und Gesundheitswesen — erzielt Kuba Fortschritte, doch eine weitere große, politisch motivierte Emigrationswelle im Jahre 1980 kann nicht verhindert werden. Innenpolitische Bemühungen umfassen Alphabetisierung, Vollbeschäftigung, Auf- und Ausbau der Infrastruktur, um so ein modernes lateinamerikanisches Land zu schaffen. In Ergänzung zu ökonomischen Reformen werden eingangs der achtziger Jahre zur Verbesserung des Konsumgüterangebots erstmals wieder freie Märkte zum Verkauf von Überschußprodukten zugelassen, doch die rasche Entwicklung einer privatkapitalistischen Parallelwirtschaft führt 1986 zu einer Kurskorrektur. Die freien Märkte werden verboten und die Anwendung kapitalistischer Mechanismen beim Aufbau des Sozialismus verurteilt.Die Weltwirtschaftskrise, Kubas hohe Auslandsschulden, interne organisatorische Probleme, das Handelsembargo der USA, die für den Inselstaat verheerenden ökonomischen Auswirkungen durch den Zusammenbruch des europäischen Ostblocks, der Preisverfall für Zucker auf dem Weltmarkt: In den neunziger Jahren steht das Land vor gravierenden Problemen. Staatschef Fidel Castro betont es trotzdem immer wieder: Der Kubaner sei stolz darauf, Kommunist zu sein. Das Überleben des sozialistischen Systems und der Ideen sei eine Verpflichtung gegenüber dem Vaterland, so Castro bei einem Interview im Mai 1991. So wie das alte Havanna, so geht auch Kuba insgesamt ohne Reform des Systems zugrunde (vgl. dazu das Sonderkapitel „Kuba in den neunziger Jahren”). 1993 erreicht die Wirtschaftsmisere einen vorläufigen Höhepunkt. Zwischen 1990 und 1993 haben aufgrund von Fabrikschließungen rund 150.000 Kubaner ihre Arbeit verloren. Zwar werden Ernte- und Produktionsdaten beim Zuckerrohr als „neue Erfolge” verkauft, doch wird wohlweislich verschwiegen, daß das Ernteresultat beim Hauptexportprodukt nur unter Aufbietung der letzten Kräfte und durch zusätzlichen Raubbau an der Natur erreicht werden konnte. In naher Zukunft wird das Gros der aus Osteuropa stammenden Erntemaschinen aus Ersatzteil- oder Treibstoffmangel stillgelegt werden müssen. Aufgrund fehlender Devisen kann nur noch ein Bruchteil an erforderlichen Düngemitteln importiert werden, und die Bewässerung scheitert mitunter auch am Treibstoffmangel. An Devisenquellen setzt Kuba auf einen verstärkten Nickelexport und auf den Tourismus; Individualtourismus ist angesichts des Transportchaos jedoch praktisch nicht mehr möglich. US-Präsident Bill Clinton hat betont, er sei an einer friedlichen Entwicklung in Kuba interessiert und halte sich zu Gesprächen bereit. Es liege bei Staatschef Fidel Castro, sich zu entscheiden, auf welche Weise er die Probleme des offensichtlich sterbenden sozialistischen Systems in den Griff bekommen könne. Am 24. Februar 1993 waren in Kuba 7,5 Millionen Wahlberechtigte aufgerufen, die Abgeordneten des Parlamentes erstmals seit 1959 wieder direkt zu wählen. Im Regierungsorgan „Granma” — einst eine Tageszeitung, durch den chronischen Mangel an Papier nun zur Wochenschrift verkommen — wurde der Sieg euphorisch gefeiert. Bei einer Wahlbeteiligung von 99,6 Prozent hätten sich laut „Granma” 95,1 Prozent für Kuba entschieden. Vor der Presse wertete Staatschef Fidel Castro die Zahlen als Zeichen „für die Stärke der Revolution”. Ausländische Korrespondenten berichteten allerdings, daß aus Protest gegen die auf der Insel herrschenden Verhältnisse zwischen zehn und zwanzig Prozent der Stimmzettel nicht ausgefüllt oder ungültig gemacht worden waren. Bei einer Pressekonferenz in Santiago de Cuba sagte Castro auf die Frage, ob er in fünf Jahren noch Staatschef sein wolle, er hoffe, daß „seine Kameraden nicht wieder rufen werden”. Doch sei die Revolution das Wichtigste, und deshalb „bin ich bereit, alles zu opfern, auch mein ganzes Leben”, berichtete die Deutsche Presse-Agentur. Nach den Wahlen gab es bei der Neubesetzung des Staatsrates im März 1993 einige Überraschungen. So wurde Castros wichtigster Wirtschaftsberater Carlos Lage zu einem von sechs Vizepräsidenten gewählt. Lage, der als Verfechter eines pragmatischen Kurses gilt, ersetzte Carlos Rafael Rodriguez, der als eine der historischen Figuren der Revolution eine orthodox sozialistische Planwirtschaft vertreten hatte. Ob dahinter tatsächlich der Wille zu echten Reformen steht, wird sich zeigen müssen. Im März 1993 geriet Kuba noch einmal in die Schlagzeilen. Ein schwerer Wirbelsturm zog alleine in der Hauptstadt Havanna rund 30.000 Häuser stark in Mitleidenschaft. Zudem wurden Zehntausende von Kubanern von einer mysteriösen Krankheitswelle heimgesucht, deren Ursachen in der schlechten Ernährung lagen.
Bereits im vierten Jahrtausend vor der Zeitenwende war Kuba von ethnischen Gruppen wie den Ciboney und den Guanahacabibes besiedelt. In den Küstenbereichen wie der Hicacos-Halbinsel lebten die Ureinwohner hauptsächlich vom Sammeln von Meeresprodukten; in Grotten und Höhlen (Cueva de Ambrosia, Varadero) hinterließen sie in Form von Felsritzzeichnungen ihr künstlerisches Vermächtnis. Ab etwa 1100 n.Chr. drängten die Taino in mehreren Einwanderungswellen aus Südamerika vor und verdrängten die Urvölker. Offiziell „entdeckt” wurde der heutige Zehneinhalb-Millionen-Staat von Christoph Kolumbus bei dessen erster Reise im Jahre 1492riwanzig Jahre später war es Diego de Velazquez, der die Insel für Ure spanische Krone kolonisierte und die Stadt Baracoa im Osten der Insel gründete. Bis 1515 folgten Stadtgründungen von Bayamo, Sancti Spiritus, Trinidad, Puerto Principe (Camagüey), Santiago und Havanna. Man faßt diese Orte unter dem Sammelbegriff „Las primeras siete villas” (Die ersten sieben Ansiedlungen) zusammen. Bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts rden die Taino von den Spaniern weitgehend vertrieben und ausgerottet. Um die angelegten Zuckerrohrfelder mit Hilfe von Zwangsarbeitern bewirtschaften zu können, setzte ein Sklavenimport aus Afrika ein. Im Jahre 1552 wurde der Sitz der Hauptstadt von Santiago nach Havanna verlegt. Die Entwicklung in der neuen Kolonie verlief vergleichsweise ruhig, da sich die Spanier mehr für die Reichtümer Mexikos interessierten. Im Jahre 1762 wurde Kuba von den Engländern erobert, ein Jahr darauf jedoch gegen Florida an Spanien wieder abgetreten. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde der Zuckerrohranbau intensiviert. Im 19. Jahrhundert gerieten die politischen Verhältnisse in Bewegung. Von den Kreolen, den fest ansässigen Nachkommen europäischer Einwanderer, ging ein wachsender Widerstand gegenüber den von der spanischen Krone eingesetzten Herrschern auf der Insel aus. Doch mehrere Aufstände zur Erlangung der Unabhängigkeit schlugen fehl. Nach der ersten großen Revolution im Jahre 1868 mit Mäximo Gö- mez und Carlos Manuel de Cöspedes an der Spitze versuchte sich Josä Marti als weiterer Vorkämpfer der kubanischen Unabhängigkeit, doch starb er 1895 in Boca de Dos Rios im Kampf gegen die Spanier. 1897 gestand Spanien der Kolonie weitgehende Autonomie zu, doch innen- und außenpolitische Unruhen ließen nicht nach. Nach der bis heute ungeklärten Explosion des US-amerikanischen Kriegsschiffes „Moine” im Februar 1898 im Hafen von Havanna intervenierten die Vereinig- ten Staaten auf der Insel. Im Frieden von Paris Ende 1898 mußte Spanien die Insel an die USA abtreten. Im Jahre 1902 wurde die kubanische Republik ausgerufen, doch behielten sich die USA das Interventionsrecht vor. Der US-amerikanische Einfluß wurde durch die wirtschaftliche Kontrolle verstärkt. Zucker- und Tabakexporte gingen weitgehend in die Vereinigten Staaten, und die Hauptanteile an der Zuckerindustrie waren in deren Hand. Nach den Wirren der Weltwirtschaftskrise übernahm Diktator Fulgenico Batista y Zaldivar das Kommando, war zwischen 1940 und 1944 offizieller Staatspräsident, ging nach seiner Wahlniederlage ins Exil in die USA, kehrte 1952 nach Kuba zurück, initiierte dort einen Staatsstreich und errichtete eine gewaltsame Herrschaft. 1953 scheiterte ein von dem Rechtsanwalt Fidel Castro gestarteter Putschversuch. Für Castro folgten politische Haft und Exil, ehe er 1956 von Mexiko aus ein bewaffnetes Eingreifen mit Guerillaeinheiten auf Kuba vorbereitete, unter anderem gemeinsam mit dem aus Argentinien stammenden Mediziner Ernesto „Che” Guevara. Castro, Guevara und weitere 81 Mann erreichten im Dezember 1956 mit der Yacht „Granma” vom mexikanischen Hafen Tuxpan aus die Südküste Kubas. Die Rebellen wurden jedoch von Batista-Truppen überrascht; nur fünfzehn Mann überlebten und flüchteten in die Sierra Maestra. Was folgte, war ein zwei Jahre langer Partisanenkrieg, der erfolgreich beendet wurde. Am 1. Januar 1959 zogen die Guerillas in Havanna ein; Diktator Batista floh in die USA. Die junge Revolutionsregierung führte den Sozialismus ein. Es kam zu einer Agrarreform, zur allmählichen Verstaatlichung der Wirtschaft, zur Enteignung und Beschlagnahme US-amerikanischer Ölraffinerien und Zuckerrohrplantagen, was zu einem Exodus der kubanischen Oberschicht sowie zu einem Handelsembargo und dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen seitens der USA führte. Auf politischen und wirtschaftlichen Druck der USA reagierte Kuba mit militärischer Aufrüstung und enger Anlehnung an die UdSSR. 1961 scheiterte eine vom US-amerikanischen Geheimdienst unterstützte Invasion von Exilkubanern in der „Schweinebucht”. Höhepunkt des Konfliktes waren die Stationierungen sowjetischer Raketen auf der Insel und die nachfolgende „Kubakrise” im Oktober des Jahres 1962, da der Weltfrieden auf dem Spiel stand. Präsident Kennedy verhängte eine militärische Seeblockade bis zum Einlenken Chruschtschows und dem Abzug der Raketen.
„Socialismo o muerte” — Sozialismus oder Tod: Solch propagandistische Parolen als Hauswandgraffitis oder als Fidel Castros Durchhaltefloskeln sind in der Öffentlichkeit überall präsent. Wer Kuba durchfährt, mag heute eher an die letztere Möglichkeit denken.Kubas ökonomischer Abstieg nach dem Zusammenbruch des sozia- listischen Ostblocks in Europa wird im eigenen Land selbstredend nicht auf das stoische Festhalten an einem verkrusteten System zurückgeführt, sondern auf die Blockade-Allmacht der USA. Wieviele Schritte es noch bis zum Abgrund sein werden, ist ungewiß. Gewiß hingegen ist die Einschätzung ausländischer Beobachter, die nicht den Blick verloren haben für die Realität: Ohne Reform droht der Kollaps. Beispiel 1993: Energie- und Treibstoffmangel haben gravierende Auswirkungen. Keine Benzingutscheine mehr an Privatpersonen, Industriebetriebe fahren auf halber Leistung, zwei Drittel der Stadt- busse Havannas bleiben in den Depots, nachts nur geisterhafte Notbeleuchtung in der Hauptstadt. Kurzfristig ließ Fidel Castro 100.000 chinesische Fahrräder importieren, doch damit auf Dauer das landesweite Transportproblem lösen zu wollen, bleibt ein schlechter Scherz. Devisenbringende Touristen sollen wohlweislich an solch unangenehmen Randerscheinungen vorbeigelotst werden. Für sie eröffnen sich goldene Pfade beim Transport, bei den Mahlzeiten in den Hotels, während Kubas Volk darbt. „Solange wir zu essen haben, geht es noch”, hat mir ein Busfahrer in Havanna erklärt, als wir ohne Zuhörer an einer Haltestelle nahe des Paseo Jose Marti standen. Mit Wehmut blicken die Polit-Verantwortlichen Kubas auf die achtziger Jahre zurück, da die damalige Sowjetunion jährlich 13 Millionen Tonnen stark verbilligtes Öl lieferte und dafür kubanischen Zucker zu überhöhten Preisen abnahm. In minimaler Menge wird Erdöl auf Kuba selbst gefördert. Ansonsten existieren Lieferverträge mit Kasachstan und dem Iran sowie das russisch-kubanische Handelsabkommen: 1,5 Millionen Tonnen kubanischer Zucker gegen drei Millionen Tonnen russisches Erdöl. Doch alles das reicht bei weitem nicht aus. Unbeirrt halten Fidel Castro und seine Getreuen am Kommunismus fest. Bei Fernsehauftritten wirken manche der Alt-Herrscher wie Fossilien, die sich selbst überlebt haben und krampfhaft ihre Plätze in den Geschichtsbüchern als kompromißlose Kommunisten zu sichern suchen. Mehr Phantasie in der Wirtschaftspolitik forderte Staatschef Castro bei einer Rundfunkansprache zu Jahresbeginn 1993. Nach Meinung internationaler Beobachter helfen nur radikale, ernsthafte Reformen. Von 1 991 an sind sich erzreaktionäre Exil-Kubaner im US- amerikanischen Bundesstaat Florida sicher gewesen: Der Zusammenbruch des Sozialismus in ihrer einstigen Heimat sei nur eine Frage kurzer Zeit. Viele planen für die Post-Castro-Ära. Reiche Exil- Kubaner im Süden der Vereinigten Staaten haben gegen harte Dollar Reservierungen bei Flug- und Schiffahrtsgesellschaften hinterlegt: Sie wollen die ersten sein, die nach Kuba zurückkehren — nach dem Sturz Fidel Castros. Hunderttausende sitzen fern der Heimat gewissermaßen auf Abruf… So muß trotz der Mängel an allen Ecken und Enden erstaunen, daß Castro und Genossen noch fest im Sattel zu sitzen scheinen. Ei- ner der Gründe liegt sicher in der kubanischen Mentalität — im Strom der Zeit lassen sich viele lethargisch treiben. Ein anderer Grund fußt auf der allgegenwärtigen Repression, die bisher keinerlei organisierten Widerstand hat aufkommen lassen und Proteste mit harter Hand im Keim erstickt. „Die Dissidenten-Bewegung, die noch im Herbst 1991 mit dem Zusammenschluß mehrerer neuer Gruppen an Schwung zu gewinnen schien, ist zur Zeit so gut wie zerschlagen”, meldete die Deutsche Presse-Agentur im März 1993. Zur selben Zeit ging die Gefangenenhilfsorganisation Amnesty International von bis zu 500 inhaftierten Regimekritikern in kubanischen Gefängnissen aus. Häuser von Dissidenten werden beobachtet, Telefongespräche abgehört, Systemgegner werden brutal zusammengeschlagen. Den Klagen über Menschenrechtsverletzungen hält die kubanische Regierung entgegen, das aggressive Verhalten der USA gegenüber dem Inselstaat erfordere schon aus Gründen der nationalen Sicherheit ein hartes Vorgehen gegen Abweichler. Jene Kontrolle von oben ist im Alltag überall zu spüren. So existieren „Nachbarschaftskomitees” und die „Komitees zur Verteidigung der Revolution”. Wer angesichts des Mangels an Nahrungsmitteln und Transportmöglichkeiten aufbe- gehrt, muß mit „Besuch” rechnen, der ihn an seine „patriotischen Pflichten” erinnert. Immer öfter sind auch die 1991 gegründeten „Schnellen Brigaden” zur Stelle, um schlagkräftig für Ruhe zu sorgen.Überall grassiert die Angst vor Spitzeln und Repressionen. Wer als Einheimischer allzu engen Kontakt mit ausländischen Autoren und Journalisten pflegt, wird von seinen Landsleuten mißtrauisch gemustert. „Sie fliegen zurück, aber ich muß hier bleiben”, lautet dann der Tenor — ich habe es selbst erlebt. An anderer Stelle konnte eine einstige Lehrerin, jetzt Tourismus-Verantwortliche in Havanna, ihre Enttäuschung in einem Gespräch unter vier Augen nicht verbergen. Sie hatte das Thema selbst angesprochen. Natürlich sei man neidisch auf die Touristen, die relativ frei im Lande reisen könnten. Ihr Mann habe jetzt zwei Wochen Urlaub, ein Auto, man will raus aus der Stadt, doch es gibt kein Benzin. Bildungs- und Gesundheitswesen seien noch gut in Kuba, aber sonst…? Sie mag nicht weiterreden, ein Restgefühl an Mißtrauen mir gegenüber bleibt, und vielleicht wird man doch von irgendwoher abgehört. Zum Abschied tauschen wir Blicke, die mehr besagen als Worte…
„Havanna — lassen Sie das Wort wie das Aroma einer guten Zigarre auf Ihrer Zunge zergehen, gönnen Sie sich den Genuß des Träumens: Den Traum von einer Stadt an einer blauen Bay, von stillen Straßen, verschlafenen Plätzen und maurisch anmutenden Innenhö- fen im Wechselspiel von Licht und Schatten. Ihre Gedanken führen Sie durch eine bunte Welt architektonischer Kostbarkeiten, vom spanischen Barock bis zur floralen Ornamentik des Jugendstils, von der Stilstrenge des Art Deco bis zum Funktionalismus der Postmoderne. Sie wachen auf — und alles ist doch da. Im alten Havanna, als Teil des kulturellen Erbes unserer Welt. Geschützt und liebevoll restauriert von der UNESCO präsentiert es sich als lebendiger Gegensatz zur modernen Hauptstadt Cubas, zur belebten Metropole eines jungen Staates voller faszinierender Kontraste…” Mit solch peinlicher Phrasendrescherei wird Kubas Hauptstadt Havanna — spanisch La Ha- bana — in Katalogen und Prospekten noch immer in den Himmel gelobt. Entsprechend manipuliert und voller „Tagträume” kommt der Besucher in jene Zwei-Millionen-Metropole, die sich über eine riesige Fläche von rund 750 Quadratkilometern erstreckt. Spätestens vor Ort wird man das ins Ausland übermittelte Trugbild gewahr, denn der Traum vom alten Havanna ist vielerorts ausgeträumt. Natürlich gibt es noch faszinierende Fassaden, die Bay ist blau, und die Straßen sind still. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Hinter vielen Fassaden im alten Havanna steht kein Haus mehr, die Umweltverschmutzung und den Gestank an der blauen Bay läßt man besser weg, und die Straßen sind deshalb so still, weil kubanische Privatleute vom Staat kein Benzin mehr bekommen und das städtische Bussystem aufgrund des Treibstoffmangels zu zwei Dritteln zusammengebrochen ist. Darüber spricht niemand gerne. Havannas Siechtum kommt nicht von ungefähr. Die sozialistische Revolution hat das Erbe aus alten kapitalistischen Zeiten verkommen lassen, hat es nie gemocht. Das alte Havanna stirbt. Sozialismus, wirtschaftliche Not und das aggressive feuchtheiße Klima haben Fassaden und Leben ausgehöhlt, und die UNESCO-Bemühungen bewirken nicht mehr als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Ein Tourismus-Verantwortlicher, bis vor kurzem acht Jahre lang in dem Für Stadtplanung und -entwicklung zuständigen Ministerium beschäftigt, hat es mir gegenüber so gesehen: „Das alte Havanna? Hat alles keinen Zweck mehr. Ich würde Panzer bestellen und alles einebnen lassen…” Die geschichtlichen Wurzeln der Hafenstadt am Golf von Mexiko reichen bis ins Jahr 1514 zurück, da San Cristöbal de La Habana als eine der ersten Siedlungen im Namen des spanischen Konquistadors Diego Veläquez an der Südseite der Insel nahe der heutigen Stadt Batabanö gegründet wurde. Im Jahre 1519 wurde die Stadt an eine Bucht an der Nordküste verlegt und bereits 1552 Hauptstadt des Landes anstelle von Santiago de Cuba. Ende des 16. Jahrhunderts zählt Havanna 4.000 Einwohner. Wenige Jahre später kommt es zu immer häufigeren Angriffen englischer, französischer und niederländischer Freibeuter auf die spanischen Galeonen, welche die Reichtümer aus der „Neuen Welt” nach Spanien bringen. Havanna ist Vereinigungspunkt der Gold- und Silberflotten. Aus diesem Grunde werden die Hafenanlagen im Laufe der Zeit stark befestigt. Noch heute sind die Forts Wahrzeichen und zählen für Besucher zu den beeindruckendsten Sehenswürdigkeiten der Stadt. In den Jahren 1762/63 fällt Havanna kurzzeitig in die Hände der Engländer, wird von den Spaniern jedoch zurückgewonnen. Danach werden neue Befestigungsanlagen errichtet, Havanna avanciert zum wichtigen Exporthafen für Tabak und Zucker, und Ende des 18. Jahrhunderts setzt die große Zeit der Stadtblüte ein. Havanna erlangt den Status einer führenden Metropole in der „Neuen Welt”. Theater, Paläste und prachtvolle Bürgerhäuser werden errichtet, Bildungsstätten eröffnet und Zeitungen herausgegeben. 1837 wird die erste kubanische Eisenbahnlinie zwischen Havanna und Bejucal eingeweiht. Im Jahre 1863 werden die alten Stadtmauern zu großen Teilen ab
gebrochen, um Platz zu schaffen für städtebauliche Erweiterungen. Während Spanien seine Kolonien auf dem amerikanischen Kontinent bereits verloren hat, kann sich die Herrschaft der Krone in Kuba noch behaupten. Zu ersten ernstzunehmenden Erhebungen kommt es im spanientreuen Havanna in den 1870er Jahren. 1898 ist es mit der spanischen Vormacht zu Ende, denn nach der mysteriösen Explosion des US-amerikanischen Kriegsschiffes „Maine” im Hafenbecken der Hauptstadt greifen die Vereinigten Staaten auf der Insel ein. Auch nach Ausrufung der Republik im Jahre 1902 machen die USA auf Kuba und in Havanna ihren Einfluß geltend. Bis zur Revolution 1959 dominiert der „American way of life” in Kubas Metropole. Havanna wird zum exklusiven Treffpunkt in der Karibik, zur Stadt des Vergnügens für die Schickeria mit Kasinos, Bordellen, Hotels, Tanzbars und mondänen Schuppen, denen nach 1959 die Riegel vorgeschoben werden. 1982 wird Havannas Altstadt von der UNESCO zum „Kulturerbe der Menschheit” ernannt. Doch vom einstigen Glanz der Metropole ist heute oft nur ein Abglanz übriggeblieben. Natürlich bleibt die Zwei-Millionen-Stadt der Hauptindustriestandort Kubas mit Eisen- und Stahlwerken, Erdölraffinerien, Werften sowie Nahrungsmittel-, Tabak-, Düngemittel- und chemischer Industrie. Dem Besucher hat Havanna Plätze und Parks, Festungsanlagen und Kirchenbauten, Monumente und Museen zu bieten. Mein Lieblingsplatz: Der pflanzenumrankte Patio im Palacio de los Capitanes Generales an der Plaza de Armas. Mein Lieblingsblick: Von der Promenade an der Avenida del Puerto aus auf Hafeneinfahrt, Forts und Leuchtturm. Die Entfernungen in Havanna sollte man nicht unterschätzen. Zwischen der Altstadt und dem feudalen Villenviertel Miramar liegen rund acht Kilometer. Die wichtigsten Stadtteile Havannas sind La Habana Vieja (Altstadt), Centro Habana (Zentrum), Vedado (Neustadt) und Miramar. In Vedado stößt man auf die Mehrzahl der Hotels. Altstadt und Vedado haben die bedeutendsten Sehenswürdigkeiten aufzuweisen.
Die Marshall-Inseln bestehen aus über tausend sehr kleinen Atollen, die nur wenige Meter über dem Meeresspiegel liegen. So waren hier seit jeher die Navigationstechniken hervorragend ausgebildet. Seefahrtmeister gaben ihre Kenntnisse an ausgewählte Schüler weiter. Das berühmteste Beispiel der Fixierung der lokalen geographischen Gegebenheiten sind die aus zusammengebundenen Stäbchen hergestellten Seekarten, bei denen normalerweise der Süden oben und der Norden unten liegt. Diese Stabdiagramme wurden vor der Reise zu Rate gezogen, da ein Zurückgreifen darauf während der Fahrt als unschicklich oder unelegant galt. Die Verwendung dieser Stabdiagramme war den Europäern lange Zeit ein Rätsel: »Auf den zu Mikronesien zählenden Marshall-Inseln waren bis in den Anfang unseres Jahrhunderts hinein sogenannte >Stabkarten< wichtige Hilfsmittel bei der Schiffahrt der Insulaner. Obwohl den Europäern schon seit längerem bekannt, gelang es erst 1896/97 Kapitän Winkler, Auskünfte über ihre Bedeutung zu erhalten. Dies geschah buchstäblich in letzter Minute, denn sie wurden nur noch selten benutzt, nur noch wenige Insulaner kannten ihr >Geheimnis<. Und ein Geheimnis waren die Stabkarten tatsächlich, bewahrt von Häuptlingen und einigen Seefahrtspezialisten (rimedo) in ihren Diensten. Mit durch diese Geheimhaltung bedingt, konnte man eine solche Karte nur >lesen«, wenn derjenige, der sie anfertigte, sie auch erklärte. Die ein- zelnen geraden und gebogenen Stäbe, die angebrachten Seeschneckengehäuse, waren Gedächtnisstützen für den Benutzer, die er innerhalb eines gewissen Prinzips anordnen konnte. Dieses Prinzip beruht auf einer sehr genauen Kenntnis der Gewässer um die Inseln. Von Ende Juni bis zum Einsetzen des Passats im Oktober herrschen im Gebiet der Marshall- Inseln die günstigsten Wetterbedingungen für Fernfahrten mit den einheimischen Auslegerbooten. Bevor Kompaß und Seekarten von den Europäern bekannt und übernommen wurden, richteten sich die Marshall-Insulaner auf ihren Fahrten außer nach den Sternen besonders nach den Meeresbewegungen um eine Insel, den Dünungen. Bei den Marshall-Inseln steht einmal eine Dünung von Osten her an, rileb in der Sprache der Insulaner, die als stärkste Dünung der Inselgruppe das ganze Jahr über zu erkennen ist. Von einer Insel wird sie, durch den Rückstau des Wassers vor der Insel, bogenförmig abgelenkt. Dieser Dünung entspricht eine wesentlich schwächere, für den Ungeübten kaum erkennbare Dünung vom Westen (kaeleb). Auch sie wird natürlich von der Insel abgeleitet. Im südlichen Teil der Insel ist eine, ebenfalls ganzjährige, vom Süden heraufstehende Dünung (bungdokerik) besonders deutlich zu erkennen. Ihr entspricht eine, im Norden stärkere, vom Norden her- unterstehende Dünung (bungdokieng). Durch die Ablenkung, die zwei entgegenstehende Dünungen durch eine Insel erfahren, bilden sich beiderseits der Insel Kabbelungspunkte (bot), in denen die Dünungen aufeinandertreffen. Diese Punkte setzen sich in beliebiger Reihe zur offenen See hin fort, wobei sie jedoch immer schwächer werden. Vom ersten sicher ausgemachten Kabbelungspunkt zweier Dünungen auf hoher See konnten die Insulaner über weitere Kabbelungspunkte auf einer Führungslinie (okar)bis zur Insel gelangen. An anderen Merkmalen erkannte der erfahrene Bootsführer, daß er an einer Insel vorbeigefahren war: Aus den Brechern der östlichen Dünung entsteht 15 Seemeilen hinter der Nordspitze einer Insel eine nach Nordwesten auslaufende starke See- bewegung (rolok), die noch nach 30 Seemeilen zu bemerken ist, und im Süden eine nach Südwesten auslaufende Seebewegung (fit in kot), sowie 10 Seemeilen hinter einer Insel eine nach Nordosten und Südosten auslaufende Seebewegung Our in okme), durch die westliche Dünung hervorgerufen. Je nach der Art und Richtung der Seebewegungen sah der Bootsführer, wo die Insel zu suchen war. Ein anderes Hilfsmittel zur Auffindung einer Insel war die bis auf 15 Seemeilen Entfernung zu bemerkende Kabbelung vor einer Passage (ai in kabin da), die durch einen durch die Gezeiten verursachten Stau des Wassers vor einer Öffnung im Atoll entsteht. Da die geschilderten Verhältnisse für jeden Teil der Inselgruppe und für jede Insel spezifische Abweichungen aufweisen, war es nicht nur nötig, die einzelnen Merkmale im allgemeinen zu erkennen und richtig zu deuten, sondern ganz bestimmte örtliche Besonderheiten mußten beachtet werden. Als Gedächtnisstützen dienten dazu die Stabkarten, auf denen bestimmte Dünungen durch Stäbe, bestimmte Inseln durch Seeschneckengehäuse angedeutet wurden. Tatsächliche Entfernungen und Richtungen zwischen den einzelnen Inseln waren hierfür nebensächlich; sie waren dem Bootsführer so gut bekannt, daß er darüber keine >Notizen< brauchte.«* Auf den äußeren Inseln der Marshalls und in anderen Gebieten Mikronesiens dienen z. T. heute noch neben Karten europäischen Stils auch Stabdiagramme zur Orientierung bei der Navigation, auch wenn diese meist weniger kompliziert gehalten sind als die der Vorfahren.
Auf Majuro, der Hauptinsel des Landes, ist heute außer im Alele-Museum nicht mehr viel von den kulturellen Traditionen der Mikronesier zu merken. Bis zur Mitte des Jahrhunderts war die Bevölkerung hauptsächlich auf den Inseln der Westseite angesiedelt. Nachdem die Amerikaner einen Luftwaffenstützpunkt am Ostende angelegt hatten, verlagerte sich langsam das demographische Schwergewicht auf diese Seite: Arbeitsmöglichkeiten, Stromversorgung und die Existenz von Geschäften dienten als Magnet. Von den ca. 60 Inselchen des Atolls wurden schließlich die der südlichen Hälfte durch Aufschüttung von Straßendämmen zu einer 50 km langen Fahrstraße zusammengeschlossen. Heute leben von den etwa 40 000 Marshallesen etwa 20 000 auf den Inseln des Majuro-Atolls. Die Bevölkerungsdichte im Gebiet des Hauptzentrums D-U-D (Abkürzung der Inselnamen Delap, Uliga und Darrit) ist extrem hoch, und es geht dort für Südseeverhältnisse sehr hektisch zu. Wem die Strände in Stadtnähe zu überfüllt und verschmutzt sind, sollte die 30 Meilen von Rita (Darrit) nach Laura fahren (die Ortsnamen stammen aus der Zeit der Stationierung der Amerikaner). Der Ausblick auf das bewegte offene Meer auf der einen und die stille Lagune auf der anderen Seite ist eine gute Einführung in das Leben auf einem Atoll. Wem die Hauptinsel auch an ihrem ruhigen Ende zu belebt ist, der kann einen Flug oder eine Schiffsreise auf eine der äußeren Inseln buchen. Majuro ist nur eines der 29 Atolle der Marshalls, die sich in zwei Hauptgruppen, die RatakKette (der Name bedeutet >in Richtung der Morgendämmerung<) und die Ralik-Kette (>in Richtung des Sonnenuntergangs<) aufteilen. Viele der äußeren Inseln sind sehenswert und bieten herrliche Strände mit ausgezeichneten Tauchmöglichkeiten. Auf den Marshalls wird ganz besonders die Kehrseite der >Inselparadiese< deutlich: Zum Staatsgebiet der Marshall-Inseln gehört auch der Bikini-Atoll, auf dem »zum Wohle der Menschheit und um alle Weltkriege zu beenden« zwischen 1946 und 1958 23 Atombomben gezündet wurden, und Eniwetok mit 43 Atomversuchen zwischen 1948 und 1958. Mit der Einstellung der Nuklearversuche auf ihren Atollen endete das Leid der Bewohner von Bikini und Eniwetok keineswegs: Wiederholt wurden sie umgesiedelt, vergessen, auf ihre noch verseuchten Atolle rückgesiedelt, wieder abgeholt, anderswo neu angesiedelt, so daß sie heute völlig wurzellos sind. Die Vereinigten Staaten sehen im nahe bei Asien gelegenen Mikronesien vor allem ein strategisches Interesse, das sie auch mit der Auflösung des Treuhandterritoriums nicht aufzugeben gewillt sind. Auf Kwajalein, dem größten Atoll der Welt, unterhalten sie weiter eine große Militärbasis, deren Existenz für viele Probleme in der Gesellschaft der Marshalls direkt oder indirekt verantwortlich ist.
Von allen mikronesischen Inselvölkern scheint es den Bewohnern von Yap am besten gelungen zu sein, die Werte und Traditionen ihrer Vorfahren bis ins 20. Jh. hinein lebendig zu erhalten. So begegnet man sogar im Hauptort Colonia (nicht zu verwechseln mit Kolonia, der Hauptstadt Pohnpeis) nur mit Grasröcken bekleideten Frauen und Männern mit bunten Tüchern. Die traditionelle Lebensweise ist hier völlig natürlich und hat nichts Aufgesetztes an sich. Ein Prospekt für Touristen erklärt dies: »Yap ist keine Welt, die für Touristen errichtet wurde, aber eine Welt, die Besucher willkommen heißt.« Besucher auf der Insel sollten sich Zeit nehmen, um mit den örtlichen Sitten vertraut zu werden. Bevor man z. B. einen Einheimischen photographiert oder auf einer Wanderung sein Land betritt, ist es eine strikte Regel der Höflichkeit, vorher sein Einverständnis zu erbitten. Yap ist berühmt für sein Steingeld. Die Ursprünge dieser Tradition, einen besonderen Kalkstein aus Korallenformationen (Aragonit) in Palau auf einem über 400 km langen Seeweg nach Yap zu transportieren, gehen auf die voreuropäische Zeit zurück. Ein legendärer Urahn und Seefahrer namens Anagumang soll als erster in Palau die großen Steinscheiben abgebaut haben, die dann Ausdruck des Wohlstandes eines Dorfes und zum Rückgrat der Gesellschaft in Yap wurden. Die Bedeutung eines Häuptlings war von der Menge an Steingeld (rai) abhängig, über die er verfügte. Die größten Steinscheiben erreichen Durchmesser von fast 4 m und wiegen 4 bis 5 Tonnen. Sie haben ein Loch in der Mitte, durch das für den Transport ein Stab gesteckt wird: So können sie gerollt werden. Nicht alle rai haben denselben Wert. Bei der Einschätzung spielen die Größe, die Feinheit der Steinmetzarbeit und vor allem die Mühen und Strapazen eine Rolle, unter denen sie herangeschafft wurden. Immer wieder fanden Seeleute den Tod, wenn die schwer beladenen Boote bei Sturm und Wellengang hin- und hergeworfen wurden, und oft trägt das Steingeld den Namen der Männer, deren Tod es verursachte. 1871 wurde David O’Keefe, ein schiffbrüchiger Amerikaner irischer Abstammung, in Yap an Land gespült. Durch die Pflege der Inselbevölkerung gelangte er wieder zu Kräften. Es gelang ihm, einen sehr guten Kontakt zu den Yapesen herzustellen, und er baute schließlich ein großes Handelsimperium auf, indem er auf einer chinesischen Dschunke Steinscheiben aus Palau nach Yap brachte und diese bei den Insulanern gegen Kopra eintauschte. Sein Erfolg ist auf die gute Kenntnis der lokalen Sitten zurückzuführen, denn zuvor hatten schon mehrere Handelsgesellschaften - gerade auch deutscher Herkunft - erfolglos versucht, mit Yap in Handelsbeziehungen zu treten. Eine japanische Zählung von 1929 gab an, daß 13 281 >Münzen< im Umlauf waren. Im Zweiten Weltkrieg wurden viele davon durch die Japaner zerstört, die damit die Bevölkerung einzuschüchtern versuchten. Bis zum heutigen Tag hat das Steingeld einen hohen Wert. Auf der Insel ist es vor allem in Reihen aufgestellt, in sogenannten Steingeldbanken. Erst kürzlich nahm eine moderne Bank in Yap Hypotheken auf Steingeld auf. Landkäufe und Verpflichtungen in der Dorfgemeinschaft werden zum Teil immer noch mit dieser traditionellen Währung ausgeführt. Eng verbunden mit dem Steingeld ist der hohe Entwicklungsstand der Schiffbau- und Navigationskunst. Die großen Hochseekanus der Yapesen wurden aus einheimischen Edelhölzern gebaut, die mit Kokosfasern miteinander verbunden und mit Brotfruchtsaft abgedichtet wurden.
Bei einer Fahrt über die Insel fallen dem Besucher auch die beeindruckenden Bauten der Männerhäuser (abai) auf. Sie wurden aus großen Baumstämmen errichtet, welche ohne einen einzigen Nagel nur durch kilometerlange Schnüre aus gedrehten Kokosfasern zusammengehalten werden. An die jüngere Geschichte erinnern Flugzeugwracks und militärische Anlagen, die noch aus der japanischen Besatzungszeit stammen.
Auf den 15 Inselgruppen von Truk mit ihren insgesamt 118 km2 Landfläche konzentrieren sich fast die Hälfte aller Bewohner des mikronesischen Staatenbundes. Die Hauptinsel Truk besteht aus 14 gebirgigen Inseln; sie bilden einen riesigen Korallenring, der über 2000 km2 Lagunenfläche umschließt. Heute verläuft das Leben in Truk in ruhigen Bahnen. Zahlreiche bauliche Überreste erinnern jedoch daran, daß die Japaner im Zweiten Weltkrieg die natürlichen Vorteile des Ortes (die Weite der Lagune, die Sicherung durch das Riff, die Tiefe der natürlichen Fahrrinnen und die große Anzahl der Atollinseln) nutzten, um ihre zentrale Marinebasis anzulegen, von der aus sie die Eroberung des Pazifikbeckens voranzutreiben gedachten. Am 18. Februar 1944 führte die US-Marine ihren Angriff auf die Lagune von Truk aus. In einer Attacke, die an Zerstörungskraft die von Pearl Harbor um ein Vielfaches überstieg, wurden 60 japanische Schiffe in der Lagune versenkt. 30 000 japanische Soldaten waren zu dieser Zeit auf dem Land stationiert gewesen. Ihrer Transportmittel beraubt, mußten sie das Ende des Krieges abwarten, bevor sie die Insel als Besiegte verlassen konnten.Heute sind die Überreste der japanischen Flotte ein Paradies für Taucher: Von Geisterschiffen mit perfekter Ausrüstung bis hin zu Skeletten, Korallenformationen in den verschiedensten Farben und Formen und Myriaden von tropischen Fischen wird hier wirklich alles geboten. Die Lagune von Truk zieht immer wieder Filmregisseure und Photographen an. Aufgrund der massiven Einflüsse von außen sterben die Traditionen von Truk aus oder aber ihre Überbleibsel leben nur in der Souvenirindustrie weiter. Dies ist der Fall für die sogenannten >love sticks< (Liebesstäbe), die in früheren Zeiten in Truk in Gebrauch waren. Jeder Jüngling schnitzte sich aus einheimischem Hartholz einen etwa 1 m langen Stab, den er mit meist gelb und schwarz abgesetzten geometrischen Mustern verzierte. Besondere Mühe verwandte er auf die Fertigung der Spitze, denn sie diente ihm als persönliche Visitenkarte. Gefiel ihm ein Mädchen im Dorf, näherte er sich zur Nachtzeit ihrer Behausung, durchstieß mit seinem Stab vorsichtig die geflochtene Hüttenwand und versuchte, sich damit ihrer Schlafmatte zu nähern. Nachdem die mikronesischen Familien die Gewohnheit haben, alle zusam- men auf engem Raum zu nächtigen, war diese Kontaktaufnahme mit einigen Risiken verbunden. Traf der Botenstab tatsächlich die Richtige - die weiblichen Dorfbewohner waren geübt in der Kunst des Lesens der >Visitenkarten< - und war sie an einem Treffen interessiert, so zog sie den Stab etwas näher zu sich heran. Durch diese Geste war der Mut des jungen Mannes gestärkt, und er wagte sich in die Hütte. Ein Zurückstoßen des Stabes bedeutete Abweisung. Die Überlieferung teilt nicht mit, wie oft solche nächtlichen Besucher in eine von der ganzen Familie aufgestellte Falle gingen oder sich auch nur in den Armen einer anderen als der Angebeteten wiederfanden. Da auch in Mikronesien die traditionelle Bauweise aus Naturmaterialien immer mehr aus der Mode kam, ist mit den neuen Bauten aus Beton, Holzplanken und Wellblech auch die Sitte der Liebesstäbe in Vergessenheit geraten. Heute sind sie nur noch als Souvenirs für Touristen in Gebrauch.
Der Schwerpunkt des Staates Pohnpei liegt auf der hohen Vulkaninsel desselben Namens. Sie ist von 25 kleineren Inselchen umgeben, die z. T. ebenfalls vulkanischen Ursprungs sind. Weitere acht Atolle gehören zum Staat Pohnpei, der sich bis 1984 Ponape nannte. Die >Garteninsel< Pohnpei ist außer für ihre Blütenpracht auch für die Pfefferplantagen bekannt, die das beliebte Gewürz vor allem für den amerikanischen Markt produzieren. Rund um die Insel Pohnpei sind zahlreiche Sehenswürdigkeiten angesiedelt. Die 85 km lange Straße rund um die Insel ist stellenweise in so schlechtem Zustand, daß die Strecke nicht in einem Tag zu bewältigen ist. Gleich hinter Kolonia ragt Soheks Rock 152 m über dem Meer auf - Amerikaner vergleichen seine markante Form gern mit Diamond Head in Waikiki. Etwas östlich von Kolonia liegt das Micronesian Cultural Center, in dem den Besuchern traditionelle Handarbeitstechniken und Tänze vorgeführt werden. Die Ruinenstadt Nan Madol ist in einer Lagunenbucht vor der Südostseite von Pohnpei gelegen. Auch hier sind die Reiseveranstalter nicht um einen Namen verlegen: Das >mikronesische Venedig< ist auch ohne diesen eurozentrischen Titel eindeutig die berühmteste Sehenswürdigkeit der Insel und eine der bedeutendsten Bauten Mikronesiens. Der natürlichen Insel Temwen sind auf 60 ha Fläche 92 von Menschenhand geschaffene Inselchen vorgelagert. Sie liegen auf dem Rifflach und sind durch große Basaltblöcke, die wahrscheinlich bis aus der Gegend von Soheks Rock mit Bambusflößen herantransportiert wurden, gegen die offene See hin abgesichert. Die Anlage der Bauten, die zwischen 1100 und 1400 n. Chr. errichtet wurden, kündet von einer blühenden Kultur unter der Saudeleur-Herrscherdynastie. Nan Madol war zur damaligen Zeit ein bedeutendes politisches, administratives, gesellschaftliches und religiöses Zentrum; es scheint erst kurz vor der Ankunft der Europäer um 1820 aufgegeben worden zu sein, da sich damals die älteren Inselbewohner noch an eine lebendige Stadt erinnern konnten. Die östliche Hälfte von Nan Madol, geannnt Madol Powe (Oberstadt), war den Priestern für Rituale vorbehalten, während der westliche Teil, Madol Pah (Unterstadt), Verwaltungszwecken diente. Nan Madol wurde wahrscheinlich aus Gründen der Verteidigung in solch unzugänglicher Lage erbaut: Nur bei Hochwasser ist der Zugang über die See möglich. Es empfiehlt sich auch heute, die Ruinen bei Hochwasser zu besichtigen, da ansonsten die Bewegungsmöglichkeiten der Boote sehr stark eingeschränkt sind. Viele Mikronesier ziehen es vor, die Stätte den Geistern zu überlassen, die dort ihres Glaubens nach noch ansässig sind und die sie durch Besuche nicht stören wollen. Besucher werden Nan Madol nicht verlassen, ohne einige der zahlreichen Legenden und mysteriösen Geschichten über den Ort gehört zu haben, so z. B. die des deutschen Gouverneurs Berg: Er hatte während der Ausgrabungskampagne von 1907 einige Gebeine aus der Gruft entfernt - im Laufe der darauffolgenden Nacht soll ihm der Laut von geblasenen Seemuscheln auf der Insel Temwen in den Ohren geklungen haben, und am nächsten Tag weilte er nicht mehr unter den Lebenden. Sein Tod wurde in den Papieren der deutschen Verwaltung auf das Einwirken der übermäßigen Hitze zurückgeführt, aber traditionsverbundene Pohnpeianer berufen sich auf oben genannte Version.
Kosrae, Pohnpei, Truk in den östlichen Karolinen und Yap in den westlichen Karolinen haben sich zu den Förderierten Staaten von Mikronesien zusammengeschlossen. Im Vergleich zu den anderen mikronesischen Nachbarn verläuft das Leben hier noch in geruhsamen Bahnen, und der ausländische Einfluß - auch der des Tourismus - hält sich bis zum heutigen Tag in Grenzen. Kolonia, die Hauptstadt des Staatenbundes, dessen 100 000 Einwohner sich auf 700 km2 verteilen, liegt in Pohnpei, dem Staat mit der größten Landfläche (345 km2). Kosrae ist eine Vulkaninsel mit über 600 m hoch aufragenden Gebirgsformationen. Ihre außergewöhnliche Schönheit war wegen ihrer Abgeschiedenheit lange Zeit nur wenigen Eingeweihten bekannt. Seit der Anbindung Kosraes an das internationale Flugnetz steigt das Interesse an diesem reizvollen Land (ein Besuch ist jedoch nur Personen anzuraten, die sich auch in einem Land mit kaum existenter oder sehr einfacher touristischer Infrastruktur wohlfühlen). Auf Kosrae können außer den mit dem Meer verbundenen Aktivitäten auch Wanderungen in den Regenwäldern des Landesinneren unternommen werden. Das Gebirge heißt in der einheimischen Tradition >die schlafende Frau>, und ihre Körperformen sind z. B. von der kleinen, dem Hauptort Tofol vorgelagerten Insel Leluh deutlich zu erkennen. Die Ruinen auf der Insel Leluh sind unbedingt eine Besichtigung wert. Auch wenn sie nicht so gut erhalten sind wie die Ruinen von Nan Madol in Pohnpei (es bestehen Projekte einer bes- seren Erschließung der Anlage), sind sie diesen durchaus ebenbürtig. Ein Museum gibt zunächst eine Übersicht über die Bauwerke des Ortes, der wohl seit 1250 bis zum vergangenen Jahrhun- dert bewohnt war. Beeindruckende Mauern aus Korallen und Basaltstein zeigen an, wo sich früher die Versammlungs- und Küchengebäude und die Königsresidenz befanden. An zentraler Stelle der Ruinenstadt liegt die Stätte, an der die Könige nach ihrem Tode eine Zeitlang aufbewahrt wurden, bevor ihre durch Verwesung vom Fleisch befreiten Gebeine dem Meer anvertraut wurden.