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Einer
der Sinaibeduinen besitzt in Sharm el Sheikh
sein eigenes Hotel und hat es an einen
Deutschen verpachtet. Kommt es nun zwischen
dem nicht-beduinischen Pächter und dem
beduinischen Hotelbesitzer zum Streit, dann
wird keiner von beiden einen Anwalt oder gar
ein Gericht einschalten. Selbstverständlich
setzt sich der deutsche Pächter in seinen
Jeep, fährt zu dem Sheikh, aus dessen Stamm
der Beduine kommt, und trägt dort seine
Beschwerde vor. Der Sheikh oder kadi ist es
dann, der entscheidet, sein Wort gilt als endgültig.
Das ist der uralte Rechtsweg auf dem Sinai.
Noch heute gilt die Blutrache zur Wahrung der
Familienehre. Das Gastrecht stellt ebenfalls
einen hohen Wert in der beduinischen
Gesellschaft dar, solange es nicht
offensichtlich (von Touristen) ausgenutzt
wird.
Trotz
der weit verbreiteten Viehzucht (Schafe,
Ziegen), die den Lebensunterhalt sichert, ist
dem Beduinen das wichtigste Tier das Kamel. Es
steht für baraka: für Glück. Brautgeld,
Schulden und das Pflichtalmosen, das der Islam
vorschreibt,
wurden
seit jeher in Kamelen berechnet (heute
kalkulieren auch die Beduinen untereinander in
Papierwährung). Aus Kamelhaar spinnen Frauen
Kopfbedeckungen; aus Knochen von Kamelen und
Gazellen wurden einfache Küchenbestecke
gefertigt; heute sind allerdings Löffel,
Tassen, Teller und Töpfe aus Blech das
moderne unverwüstbare Standardgeschirr.
Ein
anderer wertvoller Stoff der Wüste ist
Wasser, das zu Recht das blaue Gold des Nahen
Ostens genannt wird. Wasser zu verschwenden
wird als grobe Unhöflichkeit empfunden, und
jemandem Wasser zu verweigern, wenn man genug
davon hat, als eine noch viel größere. Nicht
einmal Spülwasser wird eine Beduinenfrau
wegkippen, sondern in einem Topf oder Eimer
sammeln, um es dem Vieh zu trinken zu geben.
Musik
und Poesie
Die
Kultur der Beduinen kennt keine schriftlichen
Dokumente; alle Überlieferung erfolgt nach
alter orientalischer Tradition mündlich. Was
Europäern das Familienbuch mit Stammbaum ist,
das ist dem Beduinen die Fähigkeit, seine
Vorfahren zurück bis ins erste Glied aufzählen
und benennen zu können. Auch Stammesgrenzen,
die sich an markanten Punkten in der
Landschaft orientieren, sind nirgends
niedergeschrieben, sondern allgemein
bekannt.Beduinen sind der Musik und der Poesie
geradezu verfallen, und so treffen sich in
uralter arabischer Tradition die Männer
allabendlich, um gemeinsam auf ihren
Instrumenten zu musizieren. Gewöhnlich
spielen sie auf einer fünfseitigen simsimiyya,
einer der Lyra ähnlichen Leier. Die Saiten,
die mit der linken Hand gezupft werden,
produzieren fünf verschiedene Halbtöne. Aber
auch auf Gitarren, Pfeifen und Trommeln werden
von den Vorvätern überlieferte, teils sehr
rhythmische, teils sehr sanfte Melodien und
Weisen gespielt.
In
den Liedern und Gedichten gibt es stets
wiederkehrende Motive, die von Karawanen,
Kamelen, vom Fischeralltag, von der Wüste,
den Freuden der Oasen und dem Lauf der
Jahreszeiten erzählen. Die unterhaltsamen
Sagen über die Ahnen, in denen sich
Geschichte und Geschichten vermischen —
oftmals kleine Juwele orientalischer Erzählkunst
— erfüllen zudem die Funktion einer immerwährenden
Chronik.
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