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Familie
und Nachbarschaft übernehmen angesichts spärlicher staatlicher
Sozialleistungen die Aufgabe der Kranken-, Arbeitslosen- und
Rentenversicherung. Vor diesem Hintergrund erhält die Pflege
familiärer Bindungen eine besondere, geradezu
überlebensnotwendige Qualität. Dort, wo der Staat seine Bürger
vergißt, sind die Familienbande am stärksten, dreht sich das
gesamte Leben um die Familie. Dies geschieht nicht immer
bewußt und eingedenk möglicher Katastrophen, sondern in erster
Linie durch das Aufrechterhalten von Werten und Traditionen,
die in Jahrhunderten Funktion und Überleben der dörflichen und
kleinstädtischen Gemeinschaften gesichert haben .
In den
industriellen Ballungsräumen ist auf diese Notfallmechanis men
kein Verlaß. Zu heterogen ist die Bevölkerung, zu anonym das
Zusammenleben. Wer hier keinen der gut bezahlten Industrie-
oder . Dienstleistungsjobs bekommen hat, der fällt leicht
durch die groben Maschen des sozialen Netzes. Frauen
Die
Dominanz des portugiesischen Mannes scheint ungebrochen. Sein
Bereich ist die Öffentlichkeit, das Cafe und die Straße. Die
Welt der Frau beschränkt sich auf die private Sphäre des
Haushaltes und die damit zusammenhängenden Tätigkeiten. Kinder
und Küche gelten als >natürliche< Lebensinhalte. Hinzu kommt
noch die mühsame Feldarbeit auf den Parzellen der
landwirtschaftlichen Kleinbetriebe. Besonders in den
tiefreligiösen Regionen des Nordens hat die katholische Kirche
ihren Anteil daran, daß sich an dem alten Rollenverständnis
der Frauen bis heute wenig geändert hat. In Südportugal und in
den Küstengebieten sind ein bis zwei Kinder die Regel; im
nördlichen Hinterland sind es mehr, der Gebrauch von
Verhütungsmitteln ist nicht selbstverständlich.
Das
Straßenbild von Lissabon und Porto wird dagegen von
selbstbewußten, modisch gekleideten Frauen bestimmt, die sich
nicht von denjenigen in anderen mediterranen Großstädten
unterscheiden. Frauen in politischen und ökonomischen
Führungspositionen sind aber immer noch die große Ausnahme.
Gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist auch in Portugal ein
Anspruch, der wenig mit der Wirklichkeit gemein hat.
1968
erhielten Frauen das Wahlrecht, die Gleichberechtigung wurde
ihnen erst in der nachrevolutionären Verfassung von 1976
zugesichert. Unter Diktator Salazar gewannen die
portugiesischen Frauen — von der politischen Führung ungewollt
— ein Stück Selbständigkeit, als der heimischen Wirtschaft,
bedingt durch Emigration und Kolonialkriege, männliche
Arbeitskräfte fehlten. Eigener Verdienst und die daraus
resultierende ökonomische Unabhängigkeit führten zu einem
neuen Selbstbewußtsein unter den Frauen.
Heute ist
es eher das magere Einkommen des Mannes, das Frauen in die
Industriebetriebe treibt. Mittlerweile stellen sie gut ein
Drittel der Erwerbstätigen, nicht eingerechnet die Frauen, die
im landwirtschaftlichen Kleinbetrieb arbeiten und so aus der
offiziellen Statistik herausfallen.
Abtreibung
ist auch in Portugal ein viel und leidenschaftlich
diskutiertes Thema. Seit 1984 existiert ein Gesetz, das die
Abtreibung nach Vergewaltigung, bei Gefahr für das Leben der
Mutter und bei schweren Mißbildungen des Fötus legalisiert.
Ethnische Minderheiten
Trotz
einer langen kolonialen Vergangenheit, die bis in die jüngste
Zeit (1974) reicht, gibt es in Portugal kaum ethnische
Minderheiten. Rund 90 000 Afrikaner aus den ehemaligen
Kolonien Angola, Moambique und Guinea-Bissau leben heute in
Portugal. Viele von ihnen kamen nach Aufgabe der Kolonien aus
wirtschaftlichen und oft auch aus politischen Gründen. Meist
wohnen sie, durch Sichtblenden von der übrigen Stadt getrennt,
in den Elendsvierteln Lissabons. Der Slumgürtel aus
Wellblechbaracken ist der größte seiner Art in Europa. Seine
Bewohner entbehren alle primären Dienstleistungen von Staat
und Kommune. Es gibt keine Schulen, keine
Gesundheitsversorgung. An das Strom- und Wassernetz sind sie
nur selten durch ein paar illegale Handgriffe angeschlossen.
Ihr Überleben organisieren sie durch Gelegenheitsarbeiten oder
als Schuhputzer und Bauchladenhändler.
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