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    Istanbul

 

   

Wahrscheinlich gab es schon zu byzantinischer Zeit hier ein Zentrum, von dem aus die materiellen Bedürfnisse der Hauptstadt und ihrer Bevölkerung befriedigt wurden. Der Basar, wie wir ihn heute kennen, geht allerdings auf Fatih Sultan Mehmet zurück und wurde während der vergangenen Jahrhunderte immer mehr zu einem eigenen Stadteil ausgebaut. Geblieben sind die alten Hane, die Handelshöfe, die Ladenreihen der Handwerker und die engen steilen Gäßchen. Gewandelt hat sich allerdings seine Funktion. Nicht mehr das große Importgeschäft ist hier zu Hause, eher wird der all-

Auch im alten Zentrum sind die traditionellen Holzhäuser selten geworden

Istanbul / Geschichte und Moderne

tägliche Bedarf der kleinen Leute in diesem Zentrum gedeckt.

Beton statt Holz

Immer seltener werden die Holzhäuser, die für Jahrhunderte das Stadtbild geprägt haben. Sie wurden vor allem in diesem Jahrhundert durch recht schlichte mehrstöckige Betonbauten ersetzt, die aber oft auf den gleichen Grundstücken errichtet werden wie ihre Vorgänger. Sie sind ein notwendiger Tribut an die enorm rasch wachsende Stadtbevölkerung. Aber nur in wenigen Fällen entspricht die Infrastruktur modernen Anforderungen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen sind die Straßen eher für Fußgänger und Lastkarren und Lastträger geeignet als für den Autoverkehr.

Nur zwei große Straßen verbinden nördliches und südliches Ufer miteinander: die an der Landmauer entlang führende Straße, die in ihren Namen jeweils die verschiedenen alten Stadttore nennt, und der Atatürk Bulvari, der von Aksaray im Süden zur Atatürk Brücke über den Hali9 führt und so neben der Galatabrücke Stambul mit den nördlichen Stadtteilen jenseits des Goldenen Horn verbindet.

Am Goldenen Horn: liebliche Aue — stinkende Kloake

In den warmen Sommermonaten zog die Bevölkerung gerne hinaus ins

Freie. Wer reich genug war, fuhr auf eine der Prinzeninseln oder hatte sein Sommerhaus am Bosporus. Die kleinen Leute packten alles, was man zu einem Picknick brauchte, in Körbe und zogen zu Fuß oder auf geschmückten Ochsenkarren an die Ufer der „süßen Wasser Europas" zwischen Alibey Deresi und Kaäthane Deresi. Im Schatten weit ausladender Bäume vertrieb man sich die Zeit mit Essen und Trinken, man saß plaudernd zusammen, tanzte zu den Klängen von Zigeunermusik oder lauschte den melancholischen Liedern, die von der Liebe Freud und Leid erzählten. Andere ließen sich, ganz dem Keyif, dem süßen Nichtstun, hingegeben, von Kayiks über

die Flüßchen und auf dem Wasser des Hali9, des Goldenen Horn, treiben.

Fährt man heute an den Ufern dieses Wasserarmes entlang, kann man sich nur schwer ein Bild von dieser einstigen Idylle machen. Der Hali9 stinkt. Das Wasser steht schmierig und brackig, Abfälle aller Art dümpeln in dieser Brühe. Dicht an dicht stehen die baufälligen Häuser eines der verarmtesten Viertel der Stadt. Die anschließenden Hügel sind übersät mit Gecekondus, jenen „über Nacht gebauten" Hütten, die nach Gewohnheitsrecht nicht abgerissen werden dürfen. Sie stellen eines der großen Infrastrukturprobleme dar: Die Wasser- und Stromversorgung ist

mehr als unzulänglich, die Gecekondus sind überbelegt und machen jede moderne Stadtplanung zunichte. Und dennoch streben monatlich Tausende von Menschen aus der Provinz gerade in diese Wohnviertel — in der trügerischen Hoffnung, hier Arbeit zu finden.

Aber auch in den regulär bebauten Wohn- und Arbeitsbereichen ist die Versorgung mit Strom und Wasser bei weitem unzureichend. Wobei das Wort „regulär" relativ zu nehmen ist: Die Zeitung Cumhuriyet berichtet, daß 70 % aller Häuser illegal errichtet wurden. Die Abwasser gehen ungeklärt in den Hali9

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