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Die Diskrepanz
zwischen Zentrum und Provinzen vergrößerte sich.
Parallel zu
dieser Entwicklung zeigte sich, daß die innovativen Kräfte,
die in Europa mit der Renaissance und der beginnenden Neuzeit
freigesetzt worden waren, sich nicht auf das Reich, das sich
nunmehr auf drei Kontinenten ausgebreitet hatte, auswirkte.
Das Reich
stagnierte, vorerst noch unbemerkt hinter der Fassade äußerer
Größe und einem immensen, vor allem am Hof gehorteten
Reichtum.
ber, das
zumindest die reiche Bevölkerungsschicht erfaßt hatte. Man
legte prachtvolle Tulpengärten an, feierte prunkvolle
Tulpenfeste und gab für seltene Züchtungen kleine Vermögen
aus.
Bis ins 19.
Jahrhundert hinein erzählen viele Zeugnisse von einer
verfeinerten Lebensart, gleichsam den dekadenten Blüten einer
untergehenden Epoche.
Und so
erscheint der Niedergang illuminiert und verhüllt vom Glanz
einer beeindruckenden Kunst- und Kulturentwicklung.
Warum das
Reich trotz immer deutlicher zutage tretenden Schwächen und
obwohl der nunmehr „arme Mann am Bosporus" zum Spielball der
europäischen Mächte geworden war, noch bis zum 1. Weltkrieg
einen Großteil seines Bestandes wahren konnte, ist einerseits
der Tatsache zu danken, daß es eine Reihe kluger und
energischer Großvesire an der Spitze hatte.
Zum anderen
beäugten sich die europäischen Mächte mißtrauisch und taten
alles, um zu verhindern, daß sich die eine oder andere Macht
ein zu großes Stück aus dem Kuchen des zerfallenden Reiches
herausschnitt. Vor allem die expansiven Ambitionen Rußlands
veranlaßten im Hause Habsburg und an der Them-
se
Gegenmaßnahmen zugunsten des Osmanischen Reiches, dem
allerdings langfristig diese eigennützige Hilfe nichts half.
Zunächst waren
die europäischen Mächte nach der Französischen Revolution und
zur Zeit Napoleons hinreichend mit sich selbst beschäftigt.
Erst im Verlauf des 19. Jahrhundert wurde die „Balkanfrage"
aus europäischer Sicht und im europäischen Sinne immer
drängender, zumal sich jetzt Freiheitsbewegungen bei vielen
Völkern auf der Grundlage des erwachenden Nationalismus mit
Vehemenz ausbreiteten. Griechenland erkämpfte sich 1829 die
Unabhängigkeit. Rußland drängte sich in Rolle des Schutzherrn
aller Slawen und Christen im Osmanischen Reich.
Tanzimat —
Reformen und Modernisierung bleiben vergeblich Die äußeren
Ereignisse blieben nicht ohne Folgen im Inneren. Eine Reihe
von Sultanen, so Mahmut II. und Abdülmecit I., und modern
denkende Politiker versuchten durch Reformen neue Stabilität
zu gewinnen, inspiriert durch die Gedanken der Französischen
Revolution und eine sich nur allzu deutlich zeigenden
Fortschritt der bürgerlichen Epoche. Nach der blutigen
Zerschlagung der Janitscharen, die mittlerweile zum
parasitären Staat im Staate geworden waren, begann der Aufbau
einer modernen Armee mit Hilfe europäischer, zunächst
französischer, später deutscher Instrukteure, zu denen u.a.
der
spätere Chef
des preußischen Generalstabs Helmut von Moltke gehörte. Es
zeigte sich bald, daß die zunächst auf militärische
Bedürfnisse zugeschnittenen Modernisierungen nicht
ausreichten, wenn sie nicht durch eine Rechts- und
Verwaltungsreform ergänzt wurden. Diese Epoche nennt man
Tanzimat-Zeit nach der Tanzimat-i Hayriye, der „Heilsamen
Neuordnung", die eine weitgehende Rechts- und
Verwaltungsreform bedeuten sollte. Diese nur zum Teil beherzt
und konsequent durchgeführten Maßnahmen, konnten zwar das
Reich weder in seiner zerbröckelnden Größe noch in seinem
inneren Bestand retten — was wohl auf Grund der oben
aufgeführten Bedingungen auch gar nicht möglich war —, sie
legten aber die Grundlagen, auf der die moderne Türkei unter
Atatürk — allerdings unter ganz anderen Bedingungen — aufbauen
konnte.
Letztendlich
blieben wirkliche Reformen im Ansatz stecken. Immer wieder
wurden weitergehende Veränderungen durch reformunwillige
Sultane und konservative Kräfte unter den Politikern, der
entstehenden Beamtenschaft, vor allem aber aus den Reihen der
islamischen Geistlichkeit und der Großgrundbesitzer zunichte
gemacht. Im Gegensatz zu Europa gab es kein nennenswert
starkes Bürgertum, das Träger solcher Reformen hätte sein
können.
So entsprach
auch das Verfassungsversprechen eher einem großherrlichen
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